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Kommasetzung zwischen Hinrichten und Begnadigen

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Der russische Schriftsteller Michael Schischkin ist einer der größten Stars der zeitgenössischen russischen Literaturszene. Er hat für seine international gefeierten Romane als einziger Autor die drei wichtigsten russischen Literaturpreise erhalten. Für seinen aktuellen Roman eines Briefwechsels zweier jung Verliebter hat er den Literaturpreis „Das große Buch" bereits zum zweiten Mal verliehen bekommen.
Mittwoch, 13. März 2013
Michael Schischkin: Briefsteller

Wovon große Bücher handeln, das schreibt Sascha ihrem geliebten Wolodja schon ziemlich am Anfang von Briefsteller. Sie schreibt ihm, „dass die wirklich großen Bücher oder Gemälde gar nicht von Liebe handeln, das geben sie nur vor, damit das Lesen Spaß macht. In Wirklichkeit geht es um den Tod. Da ist die Liebe nur Fassade, oder besser gesagt: eine Augenbinde. Damit man nicht zu viel sieht. Sich nicht graust." Über die Lippen des Lesers dieser Zeilen huscht der Anflug eines Lächelns, nicht wissend, dass er gerade erfahren hat, worum es in diesem großen Roman bei aller Augenscheinlichkeit eben nicht gehen wird: um Liebe. Dabei ist sie in jedem einzelnen Brief, der zwischen den Welten von Sascha und Wolodja wechselt, anwesend. 

Die Quelle ihrer Sehnsucht ist ein gemeinsamer Sommer, der jäh endete, weil Wolodja in den Krieg im Fernen Osten ziehen muss. Dort erlebt er das gegenseitige Schlachten und dessen unmenschliche Folgen. Seine Briefe, Zeugen einer Restmenschlichkeit, die ihm inmitten des Gemetzels bleibt, berichten davon und auch wieder nicht: „Ich beschreibe es Dir nicht, so ist es gewissermaßen nicht vorhanden", schreibt Wolodja an Sascha aus dem Albtraum des Krieges. Sascha wiederum schreibt Wolodja von ihren Sehnsüchten und Träumen, von Hoffnungen und Ängsten, später von Enttäuschungen und Entbehrungen, von Tiefschlägen und der Bitternis des Daseins. Dies alles ist von einem Urvertrauen geprägt, von einem tiefen Gefühl des Aufgehobenseins in diesem Briefwechsel.

Doch wie von Sascha im Briefwechsel vorhergesagt, geht es in großen Romanen wie diesem nicht um Liebe, sondern um den Tod. Die Liebe ist die Augenbinde, die es herunterzureißen gilt. Und plötzlich ist der Tod allgegenwärtig. Sascha selbst wird den Krieg in Fernost nicht überstehen und den Briefwechsel als eine Art hängengebliebenes Relikt im zeithistorischen Kontinuum mystisch aufrechterhalten. Sascha schreibt von ihrem Gynäkologiestudium, ihrer späteren Tätigkeit als Ärztin in einer Abtreibungsklinik, der selbst erlittenen Fehlgeburt und der Pflege des Vaters bis in den Tod. All das wird getragen von den großen Fragen des Lebens, auf die die einen mit Philosophie und die anderen mit Religion antworten.

Andreas Tretner hat diesem Briefwechsel in berührender Manier einen federleichten Ton gegeben, als würde dieses große Buch dann doch von Liebe handeln, selbst wenn es um die pure Existenz geht:

Ich kann mich einfach nicht an mich gewöhnen. Das ganze Leben versuche ich es schon, vergeblich. ... Insbesondere mit der Kommasetzung zwischen Hinrichten und Begnadigen tue ich mich nach wie vor schwer. Ich weiß darüber alles, verstehe alles, und trotzdem.

Michail Schischkin: Briefsteller. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Deutsche Verlags-Anstalt 2012. 384 Seiten. 22,99 Euro.

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