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Fixpunkt der deutschen Nachkriegsliteratur - Leipziger Buchpreis 2013

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Helmut Böttigers „Geschichte der Gruppe 47“ liefert eine profunde Analyse der zunehmenden Verzahnung von Literatur und Medienbetrieb und belegen den immensen Einfluss der Autorengruppe auf die deutsche Nachkriegsliteratur.
Mittwoch, 13. März 2013
Böttiger_Gruppe 47

Mit 16 Teilnehmern begann ein bedeutendes Kapitel der westdeutschen Nachkriegsliteraturgeschichte. Zwischen dem 6. und 7. September 1947 versammelten sich am Bannwaldsee bei Füssen junge, unbekannte Autoren auf Einladung von Hans Werner Richter, um zu lesen und zu diskutieren. Die meisten Teilnehmer des ersten Treffens dürften heutzutage nur noch einigen Wenigen geläufig sein, allenfalls Wolfdietrich Schnurre ist noch einem breiteren Publikum ein Begriff. Auch wenn dieses erste Treffen noch nicht absehen ließ, dass die Gruppe 47 – der Name entstand nach diesem ersten Treffen – zu der Institution werden würde, die sie im Laufe der 20 Jahre ihres Bestehens wurde, kristallisierten sich bereits hier die ungeschriebenen Spielregeln heraus, die bis zum Ende Bestand haben sollten. Der Vortragende darf die geäußerte Kritik nicht erwidern, die Kritik hat ausschließlich den vorgetragenen Text zum Gegenstand.

Helmut Böttiger beleuchtet nun mit seiner umfassenden Gesamtdarstellung die Ursprünge der Gruppe 47, liefert eine profunde Analyse der zunehmenden Verzahnung von Literatur und Medienbetrieb und zeichnet die Nachwirkungen auf.

Ein Ursprung der Gruppe lässt sich in den USA finden. Im Kriegsgefangenenlager Fort Kearney unweit New Yorks erschien im Zeichen der Reeducation erstmals die Zeitschrift Der Ruf, die sich dem "sozialistischen Humanismus" widmete. An ihr arbeiteten unter anderem Hans Werner Richter, der ebenfalls an der ersten Tagung teilnehmende Walter Kolbenhoff sowie Alfred Andersch. Andersch war es, der als Herausgeber der 1946 neu gegründeten Zeitschrift, die ebenfalls unter dem Namen Der Ruf in München erschien, Richter als Redakteur engagierte. Bald fungierte auch Richter als Herausgeber, bevor nach acht Monaten die Zeitschrift auf Betreiben der amerikanischen Zensurbehörde verboten wurde.

Aus dem nicht verwirklichten Plan Richters, eine Nachfolgezeitschrift ins Leben zu rufen, entstand dann die Idee der Gruppe 47. Anfangs zweimal im Jahr, später dann jährlich versammelten sich Autoren und zunehmend auch Kritiker und Verleger, um Positionen der deutschen Gegenwartsliteratur auszuleuchten. Ging es in der Anfangszeit vor allem um die Bestimmung des eigenen Standortes, mit der sich die Autorengeneration der Kriegsheimkehrer auseinandersetzte, um die Abgrenzung zur literarischen Sprache und den Themen der Nazijahre, entwickelten sich die Tagungen nach und nach zu dem, was heutzutage den Begriff Literaturbetrieb kennzeichnet.

Aufschlussreich das Kapitel, das Böttiger den Kritikern widmet. Vor allem Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens und Hans Mayer, aber auch Walter Höllerer und Joachim Kaiser wurden zunehmend zu den dominierenden Protagonisten der Tagungen und traten seit den späten 50er Jahren als „geschlossener Block" auf, der selbstbewusst in der ersten Reihe Platz nahm. Böttiger zitiert und ergänzt ausführlich Martin Walsers Brief an einen ganz jungen Autor, in dem Walser (dem Böttiger in leicht süffisantem Ton bescheinigt, das Tragische an seiner Laufbahn sei, dass dieser Text zu seinen besten gehöre) das sich bietende Schauspiel unnachahmlich beschreibt. Sebastian Haffners Dokumentation über die Gruppe 47 (in Auszügen hier zu sehen) verdeutlicht die zunehmende Selbstinszenierung der Kritiker. Dies stieß auf Widerwillen der Autoren, vor allem Reich-Ranicki wurde zur Projektionsfläche der Abneigung, es gab Bestrebungen seitens von Autoren wie Wolfgang Hildesheimer, ihn nicht mehr zu den Tagungen einzuladen; Richter widerstand dem allerdings.

Zugleich aber befand sich die Literaturkritik der Zeit in einem Stadium des Richtungskampfes, Reich-Ranicki oder Joachim Kaiser lösten die bis dahin tonangebende konservative, zum Teil durch in die NS-Diktatur verstrickte Autoren verfasste Literaturkritik ab. Deren Akteure wie Friedrich Sieburg oder Hans Egon Holthusen erhoben nach 1945 die klassische Moderne zum Maßstab und sprachen Literatur jeglichen Bezug zu aktuellem Geschehen ab. Zugleich kritisierten sie die Gruppe 47, zu der sie nie eingeladen wurden, in teils deutlichen Worten, konnten aber den Generationswechsel nicht mehr verhindern.

Es mag kein Zufall sein, dass das Pointen heischende Wechselspiel der Kritiker mit dem Zeitpunkt an Fahrt gewann, als die Tagungen mehr und stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Nachdem Günter Grass 1958 mit Auszügen aus der Blechtrommel für einen Paukenschlag sorgte, drängelten sich Verleger in den Sälen, die Autoren wurden zur Minderheit. Aber auch unter den Schriftstellern machte sich zunehmend die Gewissheit breit, dass die Teilnahme entscheidenden Einfluss auf die literarische Karriere haben konnte. Richter konnte dem Spektakel eigentlich wenig abgewinnen und fand doch keinen Weg zurück zum intimen Rahmen der Anfangsjahre. Öffentlichkeitswirksam fanden Treffen in Schweden und in den USA statt. Vor allem das Treffen in Princeton 1966 – mit Peter Handke als Fixpunkt - markiert den Punkt, an dem der Zenit überschritten wurde. Der Literaturbetrieb hatte sich als Teil der Medienkultur etabliert.

Zudem verhalf die Gruppe 47 zahlreichen Autoren zum literarischen Durchbruch, auch beim insgesamt zehn Mal verliehenen Preis der Gruppe bewies sie Gespür. Unter den zehn Preisträgern, die, mit Ausnahme des Niederländers Adriaan Morriën, über die Zeiten gelesen werden, befinden sich fünf Büchner- und zwei Nobelpreisträger. Böttigers Verdienst ist es, die umfassende Geschichte und ihre Auswirkungen bis ins 21. Jahrhundert in einer anschaulichen, angenehm zu lesenden Form darzubieten. An der einen oder anderen Stelle hätte er etwas mehr auf die Konzentrationsfähigkeit des Lesers vertrauen können und sich manch Wiederholung sparen können. Mitunter schleicht sich der Verdacht ein, dass ein wenig leichtfertig ein schwarz-weißes Bild der literaturhistorischen Kontrahenten gezeichnet wurde, auch persönliche Sympathien und Antipathien sind oftmals nicht verborgen. Nichtsdestotrotz zählt Böttigers Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb zu den bemerkenswertesten Sachbüchern der laufenden Saison.

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb; DVA, München 2012; 480 S., 24,99 Euro.

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