Direkt zum Inhalt

„Es schläft sich so schön mit Propofol" - Leipziger Buchpreis 2013

DruckversionEinem Freund senden
Essayistisch reflektiert David Wagner sein „Leben“ mit einer seine Leber zerstörenden Autoimmunerkrankung und die Auseinandersetzung mit der lebensrettenden Organtransplantation und schwankt dabei zwischen Genialität und Langeweile.
Mittwoch, 13. März 2013
David Wagner: Leben

„Zu leben ist ja viel komplizierter, als tot zu sein", stellt David Wagner schon ziemlich am Anfang in seinen autobiografisch geprägten Betrachtungen fest. Man möchte meinen, dass es nicht erst einer schweren Erkrankung bedarf, deren Folgen in der Selbstzerstörung der Leber bestehen, um dieser Binse gewahr zu werden. Die Binse erhält aber die Kraft eines Meteoriteneinschlags, berücksichtigt man den vorangehenden Satz und den Kopf, in dem er entspringt: „Ich konnte mir viel leichter vorstellen, nicht mehr dazusein, als irgend etwas zu werden", lautet dieser Satz, und der Kopf, in dem dieser Gedanke entstand, gehört David Wagner im Alter von 16 Jahren, inmitten der Blüte seiner Jugend.

Als David Wagner 12 Jahre alt war, stellte man bei ihm eine Autoimmunhepatitis fest, was dazu führt, dass sein Körper die eigenen Leberzellen als Fremdkörper attackiert und die Leber so Schritt für Schritt zerstört. Vor einigen Jahren brauchte er ein neues Organ, um mit dieser Krankheit, deren Ursachen bis heute unbekannt sind, weiterzuleben. Diese Zeit der inneren Auseinandersetzung mit der notwendigen Organtransplantation und dem unumgänglichen pausenlosen „Endoskopieren, Sonographieren, Computertomographieren und Magnetresonanztomographieren" hat David Wagner nun in seinem Buch Leben verarbeitet.

Die knapp 300 Seiten entziehen sich jeder literaturtheoretischen Einordnung. Der Ansatz des Schreibens aus der persönlichen Betroffenheit heraus erinnert an Carolin Emckes beeindruckenden Essay Wie wir begehren, der im vergangenen Jahr für den Leipziger Buchmessepreis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert war. Das Wagners Buch nun in der Sparte Belletristik zum Buchpreiskandidaten erhoben wurde, zeigt, wie sehr sich essayistische Titel einer grundsätzlichen Kategorisierung entziehen. Die Jury hat sich wohl für die Kategorie Belletristik entscheiden, weil Wagner immer wieder betont hatte, dass der Ich-Erzähler seines Buches gar nicht er selbst sei. Ein Bild, das vor dem Hintergrund seiner Biografie immer wieder vergegenwärtigt sein muss, da es sonst kaum zu halten ist.

Unter literarischen Aspekten enthält Wagners Buch durchaus einige geniale Züge – etwa die des Vergleichs des auf die Liege des Magnetresonanztomographen geschnallten leberkranken Patienten mit dem an den Felsen geschlagenen Prometheus, an dessen Leber sich die gottgesandten Adler laben. Er spricht von sich als „Krankenhausodysseus", der durch „Klinikarkadien" wandelt und in dessen Adern „Wälsungenblut" fließt. Wagners Erzähler schwimmt aller Maladie zu Trotz vergnüglich im Becken der Hochkultur. Aber diese aufblitzenden Geniestreiche drohen in der elaborierten Selbstreflexion der Erkrankung immer wieder unterzugehen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Niemand will es Wagners Erzähler (und schon gar nicht Wagner selbst) absprechen, das eigene Schicksal mit einer herbstlichen Melancholie zu betrachten. Er macht dies, wenn er es denn tut, auch auf hohem Niveau. Die Frage aber, ob das literarisch preisverdächtig ist, muss gestellt werden, denn ein beträchtlicher Teil des Buches beschäftigt sich mit dem matt-lähmenden Alltag als „Nachthemdgespenst" im Krankenhaus, dem Wegdämmern und Aufwachen des Erzählers und den Schicksalen seiner Zimmergenossen. In die Dämmerzustände hinein drängen sich kontrapunktisch Erinnerungen an bessere Zeiten, an Anekdoten des eigenen „ErLebens", so dass dem Erzähler noch einmal sein Leben vor dem inneren Auge entlangläuft. Hier an Marcel Proust zu denken, scheint nicht ganz abwegig zu sein.

David Wagners knappe, in Anekdoten und Bruchstücken aufgezeichnete Betrachtungen des eigenen Darniederliegens und Ausgeliefertseins erinnern zuweilen aber auch an das Tagebuch Christoph Schlingensiefs So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!, das in seiner Persönlichkeit überaus berührend ist. Wagner aber lässt seine Leser nicht so nah an sich heran. Sein Werk ist keineswegs eine Dokumentation des eigenen Innenlebens, sondern eine kulturgeprägte Reflektion der eigenen Gedanken, die dann an einen Erzähler delegiert werden. Der Rückschluss soll trotz ständiger Anbindung ausgeschlossen werden, was der Distanz der Erzählperspektive nur noch mehr Distanz hinzufügt.

David Wagner

David Wagner | © by Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Wagners Ausführungen berühren auch immer wieder grundsätzliche Fragen der Existenz. Etwa wenn er darüber nachsinnt, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis er nach der Organtransplantation zum Spender steht. „Bist Du Nichte, Tante, Gewebe-Cousine?" oder spielt das vielleicht gar keine Rolle, weil mit der Transplantation nicht Verwandtschaften sondern Besitzverhältnisse neu aufgestellt werden? „Wem gehört ein transplantiertes Organ? Wurde es mir geschenkt, oder gehört es weiterhin Eurotransplant, der Klinik oder der Krankenkasse?" Wagner fragt sich, ob er vielleicht nur Container eines Organs auf seinem Weg durch die Körper ist, ob er sich dieses Organ verdienen muss und ob es ihm wieder entzogen werden kann, wenn er es nicht in respektabler Weise, etwa durch regelmäßigen Sport oder den Verzicht auf Alkohol, pflegt. Er berührt auch tieferliegende menschliche Ängste, wenn er darüber sinniert, ob die Apparate, an die er angeschlossen ist, eigentlich für ihn arbeiten oder er für die Apparate? „Arbeitet dieser Körper, der da liegt, dieser Körper, in dem ich offensichtlich stecke, für die Apparate?" Eine vor dem Hintergrund der Debatte um die Würde am Lebensende überaus angebrachte Frage. Aber in der Situation desjenigen, der auf eine Organtransplantation wartet, wirkt sie doch wie Koketterie.

Wagner erzählt, dass er vor lauter Überwältigung eine erste Organtransplantation abgelehnt habe. Warum er dies gemacht hat, entzieht sich jeder Bewertung. Die Tatsache, dass sein behandelnder Arzt nicht mit Kopfschütteln reagiert hat, macht deutlich, dass es keinesfalls ungewöhnlich zu sein scheint, dass es Menschen plötzlich mit der Angst zu tun kriegen, wenn ihnen „die Verlängerung des eigenen Lebens" angeboten wird. Aber auch hier wirkt Wagners Reflektion des eigenen Tuns wie eine Jonglage mit dem eigenen Dasein; im wahrsten Sinne des Wortes erscheint dies wie das existenzielle Spiel des Intellektuellen mit der eigenen Existenz.

Eingebaut in seine distanzierten Selbstbetrachtungen hat David Wagner eine Sammlung mit Meldungen über skurrile Todesarten, die er vor Jahren mal im Berliner Café Burger bei einer Lesung vortrug. Da stirbt eine Aushilfskraft in einem Kessel heißer Schokolade, weil sie von einem Schlag des Rührgeräts getroffen wurde. Ein Mann erliegt einer Sepsis, nachdem er in seinem Garten Kompost verteilt und sich einen Schimmelpilz eingefangen hat. Ein anderer ertrinkt am Abfluss eines Whirlpools, weil seine Freundin die Wasserdüsen zu weit aufgedreht hatte. Und eine Frau erstickt auf dem eigenen Dachboden, nachdem ihr Mann ihr den Mund mit Paketband zugeklebt und sie auf den Dachboden gebracht hatte, weil sie ihm zuviel redete.

Diese absurden Geschichten machen in konzentrierter Form das deutlich, wovon David Wagners Leben erzählt: wie irrsinnig seltsam und bewundernswert einzigartig der Umstand unseres Lebens und Sterbens ist.

David Wagner: Leben. Rowohlt Verlag 2013. 286 Seiten. 19,95 Euro.

Hier geht's zur Leseprobe. Jetzt das Buch bei Amazon bestellen.