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Willfährig und gedankenlos

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Sherko Fatah legt mit seinem neuen Roman „Ein weißes Land" das Psychogramm eines Mitläufers vor, den sein Wille zum Aufstieg von Bagdad bis auf die europäischen Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts führt.
Mittwoch, 14. März 2012

Sherko Fatah hat seinen Roman Ein weißes Land zwischen dem Irak und Deutschland angesiedelt und damit einmal mehr einen sehr persönlichen Roman geschrieben. Der Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen wurde 1964 in Berlin geboren und wuchs in Deutschland und Österreich auf. Die Region zwischen Euphrat und Tigris findet als Ursprungsland eines Teils seiner Familie immer wieder Eingang in seine Romane. Zuletzt erfolgte dies in Person des irakischen Protagonisten Kerim in seinem beeindruckenden Vorgängerroman Das dunkle Schiff. Dieser war bereits 2008 für den Leipziger Buchmessepreis nominiert.

In Ein weißes Land lässt Fatah nun den Bagdader Schüler Anwar von seinem unaufhaltsamen Aufstieg und Fall – unweigerlich muss man hier an Brechts Arturo Ui denken – erzählen, der ihn aus den Untiefen der irakischen Hauptstadt bis auf die Schlachtfelder des 2. Weltkrieges führt. Am Anfang des Romans stehen noch die Lektionen des strengen, aber den Wert der Freundschaft predigenden Vaters, die Anwar jedoch bald in den Wind schlägt. Seine Freundschaft zu dem jüdischen Jungen Ezra und die heimliche Liebe zu dessen Schwester Miriam hindern ihn nämlich nicht, sich einer Bande des Kleinganoven Malik anzuschließen, die Ezra und seine Familie überfällt. Doch auch hier hält es Anwar nicht allzu lange und an die Stelle von Malik tritt bald Nidal, der Führer der irakischen Nationalisten. Mit deren Jugendorganisation, den sog. Schwarzhemden, gelangt er nach Jerusalem, um von dort im Tross des antisemitischen Großmuftis von Jerusalem auf die europäischen Schlachtfelder zu ziehen. Verletzt kommt er aus dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Bagdad und begegnet hier den einstigen Freunden Ezra und Miriam, die die Luftbrücke zwischen Bagdad und Tel Aviv organisieren, um die letzten Juden aus dem antisemitisch infizierten Irak auszufliegen.

Sherko Fatah: Ein weißes Land

Sherko Fatah: Ein weißes Land. Luchterhand 2011

Sherko Fatah präsentiert seinen Antihelden als emotionslos und wenig weitsichtig, den der Zufall sowie die Bereitschaft, stumpfsinnig seine Aufgabe zu erfüllen, mitten hinein in die europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt haben. Hannah Arend hatte diesen Typus Mensch, der gedankenlos seinen Dienst tut, in Adolph Eichmann ausgemacht. Eichmann war für sie der Prototyp eines führungsabhängigen und von Phrasen getriebenen Menschen. Ähnlich, nämlich als gedankenlosen Opportunisten und keineswegs als naiven Mitläufer, tritt uns der Ich-Erzähler in diesem Roman entgegen.

Nun ist Anwar jedoch keineswegs der irakische Eichmann. Mitnichten. Er ist aber bereit, für den eigenen kleinen Vorteil zu verkaufen und zum Büttel derjenigen zu machen, die ihm den Vorteil gewähren. Für diesen Typus gibt es einen historischen Vorgänger, geschaffen im 17. Jahrhundert von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Melchior Sternfels von Fuchshaim alias Simplizius Simplizissimus. Fatah überträgt die als Schelmenroman erzählte Geschichte des Simplizissimus in eine mittelöstliche Variante, in der er zugleich über den Antisemitismus als gemeinsame Konstante einen längst vergessenen Teil der deutsch-irakischen Geschichte erzählt.

Dem Deutschlandfunk sagte Fatah:

Das ist ja das Interessante für mich am Schelmenroman, eingesetzt, wenn der Held in einem extremen Gegensatz zu den ungeheuren Ereignissen um ihn herum steht, also natürlich Simplizissimus. Der Dreißigjährige Krieg als ein völlig unüberschaubares Chaos wird dann gebrochen in der Perspektive eines ganz einfachen, simplen, scheinbar simplen Menschen.

Dieser einfach gestrickte Antiheld bleibt in Sherko Fatahs Roman, in dem dieser geschickt Fiktion und Realhistorie zusammenfügt, ambivalent. Zum Strafen ist er zu brav, für die Sympathie des Lesers wieder zu skrupellos. Seine Haltlosigkeit ist Ausdruck seiner Haltungslosigkeit, so dass die Leser auf den Moment, in dem er sich einmal bewusst für oder gegen etwas entscheidet, vergeblich warten müssen.

Sherko Fatah: Ein weißes Land. Luchterhand 2011. 478 S. 21,99 Euro.