Direkt zum Inhalt

Die Kraft der Vernunft

DruckversionEinem Freund senden
Der Germanist Manfred Geier legt mit seiner Geschichte der europäischen Aufklärung ein hellsichtiges Werk vor, mit dem er erklärt, warum die Europäer Kantianer im besten Sinne sind.
Freitag, 1. Juni 2012

„Habt den Mut zu wissen!" rief 1518 der Theologe, Reformator und Humanist Philipp Melanchthon seinen Studenten an der Universität in Wittenberg zu und nahm damit ein Credo vorweg, welches das Zeitalter der Aufklärung bis heute wie kaum ein anderes prägt: Immanuel Kants „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit", der in dem Imperativ (noch nicht dem kategorischen!) „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" mündete.

Der große preußische Philosoph und Denker Immanuel Kant steht auch im Mittelpunkt der beeindruckenden Studie Aufklärung. Ein europäisches Projekt des Kant-Experten Manfred Geier. Die biblische Hiob-Erzählung brachte Kant zu der Einsicht, dass nicht die theologischen Gesetze die Basis der Moral bilden können, sondern dass die „Aufrichtigkeit des Herzens" die Grundlage für alles Theologische bilden muss. Der Mensch als handelndes Wesen trat mit Kant endgültig aus dem Schatten eines Schöpfers und wurde – in der Verantwortung für sein Handeln – zu seinem eigenen Gesetzgeber. Der kategorische Imperativ – „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." – ist die logische Folge daraus.

Manfred Geier: Aufklärung

Manfred Geier: Aufklärung. Das Europäische Projekt. Rowohlt 2012

Allein Kant reicht aber nicht aus, um in der Aufklärung ein „europäisches Projekt" zu erkennen. Die Tatsache, dass die großen Aufklärer – Locke, Voltaire, Rousseau, Diderot, Descartes, Hume, Mendelssohn, Grimm, Wolf, Kant u.v.a. – allesamt Europäer waren, erscheint zu läppisch, um ihr einen Projektcharakter zuzuschreiben. Es sind das gegenseitige Lesen und Befruchten, das grenzüberschreitende Beharren auf die Vernunft allen Widerständen zum Trotz und das Neu-, Um- und Weiterdenken vermeintlicher Gesetzlichkeiten, die die Aufklärung zu einem europäischen Projekt machen. Denn was wären die Humboldt-Brüder und der Berliner Freundeskreis der Aufklärer ohne Kant, was Kant ohne Rousseau, was Rousseau und Diderot ohne Locke, Shaftesbury oder Hume? Sie wären wohl nicht viel mehr als eine Randnotiz in einer völlig anderen europäischen Geschichte. Es ist Manfred Geier zu verdanken, dass wir dies erstmals auf diese Art und Weise nachvollziehen können.

Ausgangspunkt seiner äußerst lesenswerten Studie sind die britischen Aufklärer um John Locke und Anthony Ashley-Cooper, dem 3. Earl von Shaftesbury. Ausgehend von der subjektiven Erfahrung und der Fähigkeit der menschlichen Urteilskraft legten sie die Grundsteine der Aufklärung. Sie griffen religiöse Dogmen und die Orthodoxie des römisch-katholischen Glaubens an und forderten die Freiheit des religiösen Glaubens. Atheismus war ihnen ebenso verhasst wie die römisch-katholischen Dogmen – er bildete im Denken der frühen, gottesgläubigen Aufklärer das radikale Gegenstück zur katholischen Orthodoxie. Mit Lockes Forderung nach Leben, Freiheit und Eigentum zogen die Menschenrechte erstmals am Horizont Europas auf, ohne jedoch das religiöse Fundament infrage zu stellen.

„Schärfer, kritischer, kühner und respektloser" waren die französischen Aufklärer, im vergangenen Jahr von Philipp Blom grandios als Böse Philosophen porträtiert. Ihre Namen sind heute geläufiger als die der Aufklärer der britischen Tradition. Ohne Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Dennis Diderot, Baron Jean-Paul Thiry d'Holbach, Jean d'Alembert, Jean Meslier ist europäische Geschichte nicht denkbar. Insbesondere die Enzyklopädisten um Dennis Diderot und Holbachs Salon prägen diese französische Epoche der Aufklärung, in der der – durchaus schmerzhafte –Loslösungsprozess der Philosophie von der Theologie erfolgte. Dass ihre Gedanken in die Französische Revolution und damit in der Befreiung des Menschen von der Monarchie mündeten, erlebten sie nicht mehr. Ohne ihr radikales Denken wäre sie aber nicht möglich gewesen.

Für die Juden trieb Moses Mendelssohn diesen Prozess voran, wenn auch stärker in der Tradition der britischen Aufklärung. Zwar hinterfragte er in seinen Schriften die christlich-religiöse Dogmatik, die jüdische Gesetzeslehre allerdings ließ er auf seiner Suche nach einer „Religion der Vernunft" unhinterfragt. Mendelssohn profitierte auch von den gesellschaftlichen Umständen in Preußen, das von dem Aufklärerkönig Friedrich dem Großen regiert wurde. Von dessen Förderung des freien Denkens profitierte auch Kant, der zweifelsohne im Zentrum der europäischen Aufklärung steht und dessen Schriften zur Frage Was ist Aufklärung? auch die Humboldt-Brüder nachhaltig beeindruckten. Ihre Gedanken zur „allgemeinen Menschenbildung" wurzeln in Kants Aufforderung, sich aus der eigenen Unmündigkeit mithilfe des eigenen Verstandes zu bedienen.

Die Geschichte der Aufklärung wird oft als eine Geschichte der Männer dargestellt. Schon Blom korrigierte dies in seiner Betrachtung der französischen Aufklärer um Diderot und Holbach, als er auf den Einfluss der Frauen unter den Salonisten einging. Geier stellt dies nun endgültig klar mit seinem – wenngleich kurzen – Porträt der Olympe de Gouges, die eine eigene Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin aufsetzte, weil diese in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte nicht vorkamen. „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Rednertribüne zu besteigen." Am Ende wurde die Feministin der ersten Tage geköpft, weil sie nicht mit der Masse brüllte und das sinnlose Ermorden der Royalisten unter Robespierre öffentlich verurteilte.

Geier spannt in seiner klugen Untersuchung der Aufklärung als Europäisches Projekt den Bogen von den Gründern der Aufklärung um Locke, Rousseau, Diderot und Kant zu den Denkern der Moderne, die sich von deren Maxime, der eigenen Vernunft mehr zu vertrauen als dem common sense, leiten lassen haben – von Karl Popper über Hannah Arendt, Jürgen Habermas bis hin zu Jacques Derrida.

Das Europäische Projekt der Aufklärung mündet in den Verhältnissen, die uns umgeben. Und insbesondere Immanuel Kant hat diesem Projekt seinen Stempel aufgedrückt. Seine Idee eines Ewigen Friedens, geschaffen durch internationale Verträge und Abkommen, prägt unsere europäische Wirklichkeit. Wir Europäer sind Kantianer, und das ist gut so, wie Geier deutlich macht. Der amerikanische Politologe Robert Kagan wollte die friedliebenden Europäer mit dieser Feststellung anlässlich ihrer ablehnenden Haltung zum Irak-Krieg bloßstellen. Es ist ihm misslungen. Denn wenn Kants Gesetze der Vernunft über die Gesetze des Dschungels gestellt werden, dann sind sie es im besten Sinne.

Manfred Geier: Aufklärung. Das Europäische Projekt. Rowohlt 2012. 415 S. 24,95 Euro.