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Kämpfend in den Untergang

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Der britische Historiker Ian Kershaw versucht in seinem Buch „Das Ende" die Frage, warum die Deutschen bis zum bitteren Ende weiterkämpften, zu klären. Er beschreibt die letzten neun Monate der NS-Herrschaft, in denen mehr deutsche Soldaten und Zivilisten getötet wurden als in den vorhergehenden fünf Jahren des Krieges. Detailliert und anschaulich stellt er dar, wie das NS-Herrschaftssystem bis ganz zum Schluss funktionierte. Alles kann er damit aber nicht erklären. Die wichtige Frage, wieso viele Individuen, selbst in den letzten Tagen, ja Stunden des Regimes, ungeachtet der mörderischen Konsequenzen ihres Tuns, dennoch weiterhin das erfüllten, was sie als ihre Pflicht betrachteten, bleibt auch nach der Lektüre seines Buchs offen.
Dienstag, 13. März 2012

Spätestens seit dem Sommer 1944 musste klarsichtigen Menschen bewusst sein, dass der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen war. Angesichts der permanenten Bombenangriffe und des Zusammenbruchs der Fronten im Osten wie im Westen hatte auch der lange Zeit vorhandene Glaube an das Genie Hitlers erheblich gelitten. Warum die Wehrmacht dennoch unverdrossen weiterkämpfte, der Staatsapparat und vor allem das Terrorregime bis zuletzt funktionierten, die Bevölkerung weitgehend loyal blieb und sich offene Auflösungserscheinungen erst nach Hitlers Tod zeigten, diese Fragen versucht der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch Das Ende zu beantworten.

Ian Kershaw

Ian Kershaw, © Privat

Darin liefert er eine minutiöse Beschreibung der Endphase des „Dritten Reichs", beginnend mit dem Attentat von Stauffenberg und seinen weitreichenden Folgen. Er zeigt auf, das die spezifische Ausprägung der Führerdiktatur, die jede Form gesellschaftlicher Kontrolle ausgeschaltet hatte, dazu führte, dass allein Hitlers Wille entscheidend war. Er hatte eine ungeheure Machtfülle angehäuft, war Staatsoberhaupt, Chef der Regierung und der NSDAP, Oberbefehlshaber der Wehrmacht und des Heeres. Die führenden Köpfe des Regimes waren ihm bedingungslos ergeben, aber untereinander heillos zerstritten. Kein Gremium konnte ihn absetzen, nach den Säuberungen in der Wehrmacht in der Folge des Attentats vom 20. Juli, gab es auch nicht mehr die kleinste Chance für einen Staatsstreich. Und die Generäle führten auch die widersinnigsten Befehle Hitlers durch, selbst wenn das ihrer Überzeugung widersprach und beriefen sich auf ihre Gehorsamspflicht.

Für Hitler gab es nur Sieg oder Untergang, etwas anderes kam für ihn nicht in Frage. So wie die germanischen Kimbern im Jahr 101 vor der Zeitrechnung in der Schlacht von Vercellae sollte das deutsche Volk nach seinem Willen kämpfend untergehen. Entsprechend konnte die eigentlich schon lange überfällige Kapitulation erst nach seinem Tode vollzogen werden.

Bis dahin intensivierte das System seine Kriegsanstrengungen noch einmal deutlich, hier spielten Albert Speer und Joseph Goebbels, der am 25. Juli 1944 „Generalbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz" wurde, eine wichtige Rolle. Erst im Herbst 1944 begann der bereits im Februar 1943 von Goebbels verkündete „totale Krieg" konkretere Gestalt anzunehmen. Immer mehr nicht als kriegswichtig betrachtete Bereiche der Gesellschaft wurden eingeschränkt, u.a. die Postzustellung, die Kultur und die öffentliche Verwaltung, um mehr Männer für die Front rekrutieren zu können.

Gleichzeitig intensivierte das System den Terror, der sich nunmehr zunehmend auch gegen die eigene Bevölkerung richtete. Ab Februar 1945 erreichte dieser Terror noch einmal eine neue Stufe. In dem Bestreben des NS-Regimes, einen Zusammenbruch der „Heimatfront" zu verhindern, richtete sich der Terror nunmehr gegen jeden, der auch nur den Verdacht erweckte, nicht bis zum Letzten kämpfen zu wollen.

Ian Kershaw: Das Ende

Ian Kershaw: Das Ende. DVA 2011

Jedoch billigten große Teile der „Volksgemeinschaft" diesen Terror und beteiligten sich oftmals auch daran. Kershaw führt für dieses Thema die Geschichte des 19-jährigen Theologiestudenten Robert Limpert aus Ansbach an. Am 18. April 1945 stehen US-Truppen vor der Stadt. Limpert will die Zerstörung der Stadt durch Straßenkämpfe verhindern und versucht die Telefonleitungen, die den Gefechtstand des Kampfkommandanten mit seinen Truppen verbinden, zu kappen. Zwei Hitlerjungen, die das beobachten, denunzieren ihn. Die örtliche Polizei wird sofort tätig, durchsucht seine Wohnung, verhaftet ihn und meldet den Vorfall umgehend der Zivilverwaltung. Diese wiederum informiert ebenfalls ohne Verzug den Kampfkommandanten. Der beruft sofort ein Standgericht ein und verurteilt Limpert zum Tode. Dem gelingt es zunächst, sich loszureißen und wegzulaufen. Jedoch holen ihn diensteifrige Polizisten wieder ein, misshandeln ihn und schleppen ihn zurück. Auch aus der Menge der Zuschauer schlagen und treten einige auf den Wehrlosen ein, der dann vor dem Rathaus erhängt wird. Anschließend flieht der Kampfkommandant aus der Stadt. Vier Stunden später ziehen US-Truppen in Ansbach ein.

Angesichts der heranrückenden US-Truppen hatten hier alle beteiligten Personen die Möglichkeit, das Leben Limperts zu retten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, einfach in dem sie die Abläufe verzögert hätten. Sie taten jedoch das genaue Gegenteil.

Ein noch gravierenderes Ereignis fand am 9. April, drei Tage vor dem Einmarsch britischer Truppen, in Celle statt. Während der Bombardierung des Bahnhofs am Tage zuvor, war es KZ-Häftlingen gelungen aus einem dort abgestellten Zug zu fliehen. Am nächsten Tag machten SS-, Wehrmachts- und Polizeieinheiten, freiwillig unterstützt durch etliche Anwohner, die keinerlei militärischem Befehl untergeordnet waren, Jagd auf die Flüchtigen und ermordeten mindestens 170 Häftlinge.

In diesen Fällen, wo es um den durchaus vorhandenen Entscheidungsspielraum von Einzelnen geht, greifen die ansonsten überzeugenden Erklärungen über Funktion und Struktur der NS-Herrschaft in der Endphase des Regimes, die Kershaw gibt, nicht. Hier geht es um Mentalitäten und Einstellungen, um sozialpsychologische Kategorien, der Historiker stößt hier an Grenzen. Das ist die einzige Schwachstelle in Kershaws ansonsten ausgezeichnetem und gut lesbarem Buch.

Solche Ereignisse belegen, dass selbst wenige Tage oder Stunden vor dem Ende der NS-Herrschaft, deren ideologische Bindungskraft vielfach noch intakt war. Die NS-Herrschaft hatte offenbar eine beispiellose Dehumanisierung und Brutalisierung der Gesellschaft bewirkt, die sich nicht einmal angesichts ihres absehbaren Endes mäßigte. Die unkritische, von allen moralischen Kategorien losgelöste Befolgung von „Tugenden" wie Treue, Gehorsam, Disziplin, Pflichtbewusstsein sowie ein Mangel an Zivilcourage, hatten einen erheblichen Anteil daran, dass das NS-System in seiner mörderischen Brutalität in allen Verästelungen bis ganz zuletzt funktionierte.

Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. DVA 2011. 703 S. 29,99 Euro.

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