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Ein halbes Leben

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Jens Sparschuh erzählt in seinem Roman „Im Kasten" von einem Ordnungsfanatiker, der der Imagebroschüre eines schwedischen Möbelhauses entnommen scheint.
Mittwoch, 14. März 2012

Ordnung ist bekanntermaßen das halbe Leben – für Hannes Felix ist es noch mehr als das. Ordnung macht sein Leben aus. Er ist ein altgedienter Verwaltungsangestellter, der „Funktionsweisen (beziehungsweise: Nicht- Funktionsweisen) und Strukturen von Behörden erkennen und von der Pike auf, Ordnungs- und Ablagesysteme direkt in der Praxis studieren konnte". In seiner wachsenden Arbeitswut befasst er sich mit Entropie und paradoxen Phänomenen, wie z.B. damit, dass im PC-Zeitalter mehr Papier verbraucht wird als vorher. Er verfasst darüber Berichte mit Titeln wie: „Über das Problem der Rundmail und das Prinzip des Kettenbriefs – Unterschiede und Gemeinsamkeiten". Er ist der Ansicht, jede Form des Ordnungmachens sei ein Aufbäumen gegen die Naturgewalten, weshalb Ordnung kein natürlicher Zustand wäre, sondern das Eingreifen des Menschen voraussetze. Seine gewonnenen Erfahrungen und obskuren Einfälle, um endlich Ordnung in der Welt zu schaffen, finden nicht immer Anklang bei Vorgesetzten und Kollegen. Während der anschließenden Tätigkeit als Ein-Euro-Jobber kann er „sehr viel über verschiedene Gruppen und Schichten, die Ordnung der Gesellschaft insgesamt, die Gesellschaftsordnung also, lernen."

Jens Sparschuh: Im Kasten

Jens Sparschuh: Im Kasten. Kiepenheuer & Witsch 2012

Seinen ersten Arbeitstag als „Cheforganisator" bei der Firma NOAH (Neue Optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme) beginnt Felix in seinem Sinne folgerichtig damit, Aktenordner von A bis Z zu beschriften. Er verliert sich alsbald zwischen Akquise und Hausbesuchen bei total unorganisierten und meist beratungsresistenten Kunden in immer groteskeren Gedanken und erfolglosen Optimierungsvorschlägen. Die Leser von Jens Sparschuhs neuem Roman begleiten Hannes Felix in seinem überorganisierten Dasein bei der Erforschung des Hausstaubs als „Gradmesser für die Benutzungshäufigkeit" von Alltagsgegenständen, z.B. von Büchern und erleben die Erfindung des „Felix-Koeffizienten". Der Ordnungstick des neurotischen Ich-Erzählers gipfelt in dem Ratschlag an seine Ehefrau Monika, sie möge sich ein Kofferverzeichnis anlegen, als diese ihre Sachen packt, um fluchtartig und spurlos aus seinem Leben zu verschwinden. Die vielen Wortspiele(reien) sind anfangs durchaus lustig, wirken auf Dauer aber etwas bemüht. Leider verzettelt sich auch die Handlung teilweise.

Sparschuh streut immer wieder (zum Teil recht amüsante) Anekdoten aus der Kindheit des Protagonisten in der DDR und dessen Erlebnisse mit Ehefrau Monika in die Erzählung ein, wie z.B. deren erste gemeinsame Anschaffung im schwedischen Möbelhaus in Form des Badregals Björn (Name geändert!), dessen Aufbau ihn an eine endlos lange Nacht erinnert.

Ganz nebenbei erfahren wir, dass die Worte Ordnung und ordinär sprachlich zusammengehören und dass sich das Chaos vom griechischen Wort für gähnen ableitet. Wir lernen Ex-Multimillionär und Bettelmönch Master Han Shan, der mit bürgerlichem Namen Hermann Ricker heißt, kennen, dessen Credo auch der Titel seiner Autobiografie ist: „Wer loslässt, hat zwei Hände frei – mein Weg vom Manager zum Mönch". Ebenso skurril wie fahrig.

Der altbekannte Satz, dass weniger oft mehr ist, führt bei Felix irgendwann konsequenterweise zu der Erkenntnis, „dass das meiste ... NICHTS ist!" Seine fast wissenschaftlichen Untersuchungen des schwedischen Selbsthilfe-Prinzips in Kombination mit den SB-Einlagerungssystemen seines Arbeitgebers führen ihn letztlich zu einem „Alles unter einem Dach"-Modell, einer an Absurdität nicht mehr zu übertreffenden Idee. Man möchte einem Menschen wie Hannes Felix nicht begegnen. Bei aller Komik nervt es schon manchmal, allein Felix' Gedankengänge zu lesen. Sein Ordnungswahn und der sich steigernde Realitätsverlust kosten ihn schlussendlich auch den Job bei NOAH und offenbar ebenfalls seine geistige Gesundheit. Hannes Felix scheitert auf tragische Weise – er selbst scheint jedoch glücklich zu sein.

Jens Sparschuh: Im Kasten. Kiepenheuer & Witsch 2012. 224 S. 18,99 Euro.