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Von Feuerköpfen, Tunnels und freizügigen Damen

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Wenn geheime Tagebücher Parallelgeschichten eröffnen. Der Übersetzerpreis versammelt beeindruckende Werke von immensem Umfang und hoher sprachlicher Qualität.
Mittwoch, 14. März 2012

Bei den für den Übersetzerpreis nominierten Titeln stellt sich einmal mehr die nur schwer zu beantwortende Frage, welche Leistung hier honoriert werden soll. Denn gleich neben der Qualität der Übersetzung steht hier stets auch der Umfang der geleisteten Arbeit.

Leipziger Buchmesse 2012: Übersetzertitel

Leipziger Buchmesse 2012: Übersetzertitel

Bei der ungarisch-schweizerischen Übersetzerin Christina Viragh wäre zweifelsohne die Chuzpe zu würdigen, sich nicht von den über 1.500 Seiten der ungarischen Originalausgabe von Péter Nádas' Parallelgeschichten abschrecken zu lassen, die nun, acht Jahre nach ihrem Erscheinen in Ungarn, endlich in deutscher Übersetzung vorliegen. 18 Jahre lang hat Nádas an diesem mehrdimensionalen, vielstimmigen und hochkomplexen Werk gearbeitet, in dem die Geschichte einer ungarischen Familie mit der jüngeren und jüngsten Geschichte Ungarns und Europas wie Ströme in einem Delta zusammenlaufen, ohne sich jedoch in das Meer der einen Erzählung zu ergießen. Außerdem ergießen sich in dieses Delta weitere Wasser, die erotische, philosophische, gesellschaftspolitische, kriminalistische Geschichten mit sich führen.

Péter Nádas: Parallelgeschichten

Péter Nádas: Parallelgeschichten. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Rowohlt 2012

Die Struktur des Textes, der auf drei Bücher und 39 Kapitel verteilt ist, ermöglicht es kaum, in diesem Wirrwarr an Erzählungen und Geschichten Kohärenzen ausfindig zu machen, die als eine Art Erzählstrang dienen könnten. Als würde dieses Erzählen von Parallelgeschichten Übersetzer und Leser nicht schon genug fordern, werden sie auch noch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, darunter auch das Alter Ego des Autors Kristof. Irgendwie sucht jeder Protagonist in diesem Werk – und es sind derer Unzählige – eine verloren gegangene Welt, wenn nicht sogar eine verloren gegangene Zeit, und erkennt man dies, weiß man, an welchen Autor Nádas hier anschließt. Nádas schafft in seinen Parallelgeschichten ein in seinem Anspruch surreal anmutendes, Proust'sches Universum, nur dass er dieses ins 20. Jahrhundert und sein Chaos einziehen lässt. Dieses Chaos prägt auch die Parallelgeschichten, aus denen Nádas ein mehrstöckiges Haus mit doppelten Böden und falschen Wänden, mit in die Leere führenden Türen und neue Räume erschließenden Fluren, mit hellen Zimmern und dunklen Verließen entworfen hat. Christina Viragh ist das Unmögliche gelungen. Sie hat dieses surreale Gebäude unter Beachtung der deutschen Bauverordnung nachgebaut und die dabei Faszination des Originals bewahrt. Um den Leser beim faszinierenden Herumirren zwischen den 1.724 pergamentdünnen Seiten, auf die dieses Haus gebaut ist, zu unterstützen, ist zeitgleich der Begleitband Péter Nádas lesen. Bilder und Texte zu den Parallelgeschichten erschienen. Knapp 2.000 Seiten Nádas warten darauf, erobert zu werden.

Péter Nádas: Parallelgeschichten. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Rowohlt 2012. 1.724 S. 39,95 Euro

William H. Gass: Der Tunnel

William H. Gass: Der Tunnel. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt 2011

Den Übersetzer Nikolaus Stingl müsste man für seine Unverfrorenheit auszeichnen, die er an den Tag gelegt hat, als er entschied, William H. Gass einzigartiges Meisterwerk Der Tunnel zu übersetzen. Es steht zwar, was die Textmenge betrifft, mit knapp 1.100 Seiten gute 600 Seiten hinter Nádas abgeschlagen auf Rang zwei der fünf nominierten Bände, stellt den Übersetzer aber vor die Herausforderung, Sprache neu erfinden zu müssen, weil der Autor des Originals eben dies auch getan hat. Dies können nur wenige, wie etwa Ulrich Blumenbach, der vor zwei Jahren für seine Übersetzung von David Foster Wallace' Unendlicher Spaß mit dem Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde. Auch Nikolaus Stingl gehört zu diesen Wenigen, die diese Kunst beherrschen, wie er bereits als preisgekrönter Übersetzer von Autoren wie Thomas Pynchon, Cormac McCarthy oder William Gaddis bewies. Bei solchen Autoren den richtigen Ton zu treffen, ist eine Herausforderung. Diese galt es nun auch bei Gass' gigantischem Roman zu bewältigen, der als ikonografisches Ungetüm mit einer großen Musikalität daherkommt. Gass arbeitet in seinem Roman viel mit dem Rhythmus, den Text in seinen unterschiedlichen typografischen und poetologischen Gestalten, als Fließtext, Aphorismus, Faksimile oder Visitenkarte, ermöglicht. Gass erzählt darin die Geschichte des Naziforschers William Frederick Kohler, der seinem akribisch recherchierten und sachlich argumentierenden Opus Magnum eine emotionale Beichte gegenüberstellt, die ihn mit den Abgründen seiner selbst konfrontiert. Diese Abgründe verdinglichen sich in einem Tunnel, den er unter seinem Haus gräbt. Gass ist Doktor der Metaphorik. Insofern ist es unschwer, in diesem Tunnel eine doppelte Metapher zu erkennen, die den Leser durch Kohlers Schreiben und durch das vorliegende Buch treibt.

William H. Gass: Der Tunnel. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt 2011. 1.096 S. 36,95 Euro.

Vladimir Zarev: Feuerköpfe

Vladimir Zarev: Feuerköpfe. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Deuticke Verlag 2011

Ausgezeichnet werden könnte auch Thomas Frahm für seine Neugier, die er an den Tag legt, seit er vor einigen Jahren nach Bulgarien auswanderte und dort die landeseigene Literatur durchkämmt. Entdeckt hat er dabei den Schriftsteller Vladimir Zarev, der seit dem Ende der 1970er Jahre in einem dreibändigen Epos auf über 2.000 Seiten den Zusammenhang von Bibel und Sozialismus – „in beiden Fällen wurden dem Volk im Namen einer Idee (Gottes bzw. des Kommunismus) Gesetze gegeben, die der Willkür ein Ende bereiten sollten" – erkundet hat. Ausgangspunkt dieser „erzählerischen Anthropologie" ist Zarevs mit dem Schlüsselereignis Prager Frühling einhergehende Erkenntnis, dass der real existierende Sozialismus nicht reformierbar war. Verteilt auf drei große Romane erzählt Zarev die Geschichte Bulgariens im 20. Jahrhundert neu. Dafür erfindet er die Weltschev-Familie, deren Mitglieder sich in den verschiedensten Rollen durch alle Romane ziehen und die die bulgarische Gesellschaft en miniature abbildet. Anhand der Weltschevs verfasst Zarev ein Psychogramm der bulgarischen Gesellschaft, in der das Individuum permanent mit der Gemeinschaft im Konflikt steht. Feuerköpfe ist nach Familienbrand der zweite Teil der beeindruckenden Roman-Trilogie, von der nun knapp zwei Drittel vorliegen.

Vladimir Zarev: Feuerköpfe. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Deuticke Verlag 2011. 704 S. 25,90 Euro.

Hans Pleschinsky (Hrsg.): Nie war es herrlicher, zu leben

Hans Pleschinsky (Hrsg.): Nie war es herrlicher, zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ. Aus dem Französischen von Hans Pleschinsky. Verlag C.H. Beck 2011

Einiges spräche aber auch dafür, wenn am Donnerstag die Philanthropie des Romanciers Hans Pleschinsky mit dem Übersetzerpreis geehrt würde. Pleschinsky hat mit dem Geheimen Tagebuch des Herzogs von Croÿ einen sprachhistorischen und sozialgeschichtlichen Schatz gehoben, der seine Leser in die Welt des 18. Jahrhunderts zurückversetzt. Die Sammlung seiner Tagebucheinträge umfasst ebenso alltägliche Anekdoten wie Berichte von gesellschaftlichen Anlässen. Der junge Marschall berichtet darin mit der gleichen Selbstverständlichkeit von politischen Ereignissen wie auch von den philosophischen Debatten in Frankreich und Deutschland. Bei der ebenso vergnüglichen wie lehrreichen Lektüre begegnen dem Leser Geistesgrößen wie Voltaire und Rousseau, politische Figuren wie Benjamin Franklin oder Ludwig XVI. sowie Personen der Wissenschaft wie die Brüder Montgolfier oder James Cook. Die Aufzeichnungen des Emmanuel von Croÿ, die unter dem Titel Nie war es herrlicher, zu leben herausgegeben sind, lassen hinter die Kulissen der Macht blicken und verschaffen einen Eindruck über das Ausmaß der Intrigen, die am Hof von Ludwig XVI. den politischen Alltag bestimmten. Darüber hinaus sind sie das einzigartige Dokument eines Chronisten, der seine Rolle stets in Demut vor den Werten von Humanismus und Menschlichkeit ausgefüllt hat.

Hans Pleschinsky (Hrsg.): Nie war es herrlicher, zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ. Aus dem Französischen von Hans Pleschinsky. Verlag C.H. Beck 2011. 428 S. 24,95 Euro.

Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin

Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Manesse Verlag 2011

Ein ähnlich historisches Werk, wie das von Pleschinsky übertragene Tagebuch ist der historische Briefroman Mademoiselle de Maupin aus der Feder des französischen Kunstkritikers und Bohemiens Théophile Gautier, den Caroline Vollmann ins Deutsche übertragen hat. Darin spielt der Franzose mit den Möglichkeiten der Fantasie, um die Lebensmüdigkeit und Langeweile seiner Generation zu vertreiben und an ihre Stelle die brennende Leidenschaft zu setzen. Was könnte da sinnvoller sein, als eine Geliebte. Das denkt sich auch der adlige Albert, als er die aufgeschlossene Rosette erobert, ihrer jedoch schnell überdrüssig wird. „Sie entspricht bei Weite nicht dem, was ich mir erträume", gesteht der Ich-Erzähler in einem Brief. Ein gewisser Théodore de Sérannes, ein androgyner Jüngling, entfacht die erstorbene Leidenschaft erneut und Albert muss sich Gedanken darüber machen, ob die Erfüllung seiner Träume nicht in der Liebe zu einem Mann inmitten einer Dreiecksbeziehung besteht: „Die seltsamen Lieben in den Elegien der alten Dichter, die uns so erstaunen und die wir nicht verstehen konnten, sind also wahrscheinlich und möglich. ... Ich bin ein Mann der Zeiten Homers." Solch unverblümten Bekenntnisse zur Erotik und Homoerotik waren zu Gautiers Zeiten alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Caroline Vollmann bewahrt in ihrer sensiblen Übersetzung den ebenso schwärmerischen wie melancholischen Ton, den der Ästhet Gautier seinem Ich-Erzähler hat angedeihen lassen.

Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Manesse Verlag 2011. 704 S. 29,45 Euro.