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Kiffen in der Wüste

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Wolfgang Herrndorf war innerhalb eines Jahres zwei Mal für den Leipziger Buchpreis nominiert. Mit seinem Thriller „Sand", in dem er mit Verfolgungswahn und Gedächtnisverlust spielt, gewann er im Frühjahr den Leipziger Buchmessepreis und ist nun auch für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Donnerstag, 15. März 2012

Ein Mann wacht auf dem Dachboden eines Lagers auf und fühlt eine blutende Wunde an seinem Hinterkopf. Wie er dorthin gekommen ist, weiß er ebenso wenig wie wer er ist. Ein Schlag, ein Sturz –was auch immer ihn ereilt hat, es hat ihn alles, was war, vergessen lassen. So beginnt die neue, als Roman in die Regale gestellte Geschichte von Wolfgang Herrndorf, der zu den kreativsten, abwechslungsreichsten und zugleich stilsichersten deutschen Gegenwartsautoren zu zählen ist. Sand ist jedoch weniger ein Roman – übrigens auch kein Agentenroman, wie ihn viele Rezensenten bezeichnen – sondern ein Thriller, der 1972 im Maghreb spielt. Das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München durch palästinensische Terroristen und das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg bilden den zeithistorischen Hintergrund dieser Geschichte, in der es von skurrilen und geheimnisumwitterten Charakteren nur so wimmelt.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Wolfgang Herrndorf: Sand. Rowohlt Berlin 2011

Da ist das vermeintliche Opfer, um das sich die zentrale Frage des Romans rankt. Wer ist dieser Mann und welche Rolle spielt er in dieser Geschichte, deren Kern – wenn er denn nicht im Spiel mit den Eigenschaften des Genres Thriller liegt – kaum zu greifen ist. Immer wieder von paranoiden Anfällen heimgesucht stolpert er durch die Geschichte und versucht, irgendwo ein Ende des Lebensfadens zu finden, den er verloren hat. Da ist Helen, eine ebenso rätselhafte wie attraktive Blondine, der dieser Namenlose entgegenstolpert und die ihn daraufhin in ihrem Hotelzimmer Asyl gewährt. Es entsteht Verbundenheit und Zuneigung, und doch kommen sie sich irgendwie nicht wirklich nahe. Helen wiederum kennt Michelle, eine alte Jugendfreundin, die in einer Kommune am Rande der Wüste wohnt und als Esoterikerin in allen Lebenslagen zur Seite zu stehen bereit ist. Mit Tarotkarten und Sternendeutung versucht sie, dem namenlosen Helden in Herrndorfs Thriller zu helfen, doch auch das läuft ins Leere. Vielleicht auch, weil gerade erst vier Mitglieder ihrer Hippiewohngemeinschaft ermordet wurden und sie von diesem grausamen Vorfall noch zu eingenommen ist. Als Mörder wurde ein gewisser Amadou Amadou verhaftet, ein Teenager noch – ob er es tatsächlich war, bleibt im Dunkeln. Die Ermittlungen leiten zwei recht zwielichtige Kommissare, der pieds-noir Polidario (dessen Name zufällig an die westsaharische Befreiungsorganisation Polisario erinnert) und dessen weißer Kollege Canisades. Dazu kommt noch ein Familienvater, der seine beiden Söhne in der Wüste verliert, vier in weiße Dschellabas gehüllte Männer sowie ein gewisser Cetrois, der den Hippies wohl Versicherungspolicen andrehen wollte, nun aber verschwunden ist. Und im welthistorischen Hintergrund agiert auch der amerikanische Auslandsgeheimdienst.

Aus diesem Potpourri vollkommen rätselhafter Persönlichkeiten, die scheinbar nur vom Zufall in den gleichen begrenzten Raum der knapp 500 Romanseiten geworfen wurden, hat Herrndorf eine temporeiche Story geschrieben, durch die sich die genretypischen Motive des Rätselhaften und der Spannung ziehen. Paranoia, Identitätsverlust und schicksalhafte Zufälle sind die Mittel, mit denen er das Genre künstlerisch erfasst und die den Leser in die Handlung ziehen.

In Sand steht jedoch weniger die oft nur schemenhafte und am Ende zu lang geratene Erzählung, der es an der ein oder anderen Stelle durchaus an Kongruenz mangelt, als vielmehr das Jonglieren mit der Gattung Thriller im Mittelpunkt. Bis zum Schluss bleibt das Rätsel, an welchem Punkt der Leser ausgestiegen, die entscheidende Information überlesen, aus Unachtsamkeit verpasst hat. Und bis zum Ende gibt es keine Antwort auf diese Frage, weil sie Teil des Konzepts einer allumgreifenden Unsicherheit ist.

Erzählt wird diese Geschichte von einem allwissenden, aber absolut unzuverlässigen Erzähler, der immer wieder aus dem Erzählfluss aussteigt und den Leser dezent darauf hinweist, dass man es als Erzähler mit den gestalterischen Mitteln nicht übertreiben darf, um glaubwürdig zu bleiben:

Vielleicht war es nur einer jener Zufälle, die man in Romanen nicht überstrapazieren sollte und die im richtigen Leben zur Erfindung des Begriffs Schicksal beigetragen haben.

Es ist ein Spiel mit dem Schicksal, welches Herrndorf hier grandios inszeniert – und als Leser zieht man den Hut vor so viel Kühnheit. Denn ebendiesem Schicksal ergibt sich dieser große Autor nicht, der, wie er vor einem Jahr in seinem Blog mitteilte, an einem Hirntumor leidet. Jedes Buch kann sein letztes sein, jedem angefangenen Satz droht der vorzeitige Abbruch – und dennoch schreibt er, zumal in Sand über Gedächtnisverlust. Erhobenen Hauptes tritt er dem, was man Leben nennt, und dem, was ihm davon bleibt, entgegen. Keine Sekunde will er ungenutzt verstreichen lassen. Man verschone ihn bitte mit Anfragen für Interviews, Lesungen oder gar mit CD- oder Buch-Sendungen, schreibt er in seinem Blog.

Und je stärker er den faustischen Pakt mit dem Leben angeht, desto leichter wird seine Literatur. Im vergangenen Jahr erschien seine Hymne an die Jugend Tschick, ebenfalls schon für den Leipziger Buchmessepreis nominiert und bereits im Vorfeld als Sieger der Herzen ausgerufen, und nun dieser Thriller, der, wie der Buchtitel schon verheißt, den Leser auf abseitige Pfade führt. Und ewig lockt die Düne.

Wolfgang Herrndorf_Sand

Wolfgang Herrndorf: Sand. Rowohlt Berlin 2011. 480 S. 19,95 Euro.

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