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Ein Schnurps grübelt – Mit Kindern und Jugendlichen über den Tod philosophieren.

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„Man kann weder der Sonne noch dem Tod ins Gesicht sehen“, wusste schon der französische Moralist François de La Rochefoucauld Mite des 17. Jahrhunderts zu sagen. Heißt das aber auch, dass man nicht darüber reden kann? Mit dieser Frage setzt sich unser Kinder- und Familienredakteur Hans-Joachim Müller im aktuellen diesseits-Magazin auseinander.
Mittwoch, 1. Juni 2011

Die produktive Auseinandersetzung mit dem Tod ist in der modernen Gesellschaft unpopulär. Dabei ist die Auseinandersetzung mit dem Tod die unabdingbare Voraussetzung dafür, anderen – gerade auch Kindern und Jugendlichen – helfen zu können, das unausweichliche Ende des Lebens zu verarbeiten und menschenwürdig zu bewältigen.
Da der Tod in der modernen Gesellschaft verdrängt, verleugnet und „verloren“ wird, erfahren ihn Kinder nicht mehr als natürlichen Bestandteil des Lebens. In früheren Zeiten, etwa im Mittelalter, war der Tod ständig vor Augen und wurde als vertrauter Begleiter des Lebens akzeptiert. Leben und Sterben waren eingebettet in die helfende Gemeinschaft der Lebenden. Heute wird der Tod des andern immer weniger erlebt. Gab es früher kein Haus, in dem noch nicht gestorben wurde, so wirkt das Leben in der Großstadt heute so, als ob niemand stürbe. „Die Toten sind aus der symbolischen Zirkulation der Gruppe ausgeschlossen“, schreibt Marianne Mischke in ihrer kulturhistorischen Abhandlung Der Umgang mit dem Tod. Vom Wandel in der abendländischen Geschichte.

Ein Jugendlicher kann heute das Erwachsenenalter erreichen, ohne je mit dem Tod persönlich in Berührung gekommen zu sein. Zugleich stellt sich aber mit dieser Verdrängung des Todes eine gesteigerte Angst ein; die verdrängte Todesangst führt zur Lebensangst. Die Beschäftigung mit dem Tod zielt deshalb auf ein sinnvolles Leben.

Philosophieren ist nichts anderes als sich auf den Tod vorzubereiten. ... Oder es heißt so viel auch, dass alles Nachdenken, alle Weisheit dieser Welt sich endlich in einem Punkt auflöst, uns zu lehren den Tod nicht zu fürchten,

schrieb der französische Philosoph Michel de Montaigne.

Warum ist es bedeutsam mit Kindern und Jugendlichen über Sterben und Tod zu philosophieren?

Ein Schnurps grübelt

© kids.4pictures - fotolia.com

Kinder fragen: Wo ist der Opa, der gestorben ist, jetzt? oder: Warum müssen Menschen sterben? Gerne und unbefangen sprechen Kinder über den Tod, der so viele Fragen aufwirft, für die es nicht entscheidend ist, dass sie abschließend beantwortet, sondern dass sie gestellt und besprochen werden – schon um zu bemerken, dass es Rätsel im Leben gibt, auch für Erwachsene. Entscheidend fürs Leben ist den Tod als dessen Grenze zu begreifen, was immer über diese Grenze hinaus sein mag. Im Wissen um den Tod wird deutlicher, was Leben ist; dort aber, wo er verdrängt wird, wird auch das Leben aus den Augen verloren (Wilhelm  Schmidt)

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Die von der Begegnung mit dem Tod ausgelöste Angst, der auch immer notwendig die Sorge um den eigenen Tod beigemengt ist, löst bei Kindern Fragen und Gedanken aus, denen Erwachsene nicht ausweichen dürfen. Wenn das Thema Tod in der Familie tabuisiert wird, setzt sich beim Kind leicht der Verdacht fest, man wolle ihm etwas Furchtbares und Schreckliches verheimlichen. Wenn die Realität des Todes in ihr Leben einbricht, trifft sie diese Kinder völlig unvorbereitet und wehrlos. Wenn dagegen die Erfahrung des Todes über den Verlust eines geliebten Wesens und die Bewältigung des Schmerzes und seine Sinngebung stellvertretend an literarischen Vorbildern zum Beispiel in Geschichten, in denen auch Sterben und Tod vorkommen, vollzogen wird, gewinnt das Thema Tod eine Vertrautheit, die es der emotionalen und gedanklichen Bewältigung zugänglich macht.

Wenn Kinder nach dem Tod fragen, können beide Aspekte, die Angst vor dem eigenen Sterben, aber auch die Angst vor dem Verlust einer geliebten Person, den Ausschlag geben. Es ist auch deshalb nicht überflüssig, sich mit dem Tod zu beschäftigen, denn wie ich mir das „Danach“ denke, hat ohne Zweifel Einfluss auf mein diesseitiges Leben.

Welche entwicklungspsychologischen Voraussetzungen gilt es zu beachten, wenn wir mit Kindern über den Tod philosophieren?

Ungefähr mit fünf Jahren bildet sich die Gewissheit aus, dass alle Menschen, Tiere und Pflanzen einmal sterben müssen und dass folglich auch der Tod geliebter Wesen oder das eigene Sterben unausweichlich sind.
Obwohl Kinder rational über diese Einsicht verfügen, indem sie das allgemeingültige Naturgesetz, dass alle Lebewesen sterben müssen, auf den Einzelfall anwenden, halten sie oft auf einer irrationalen Ebene – wie manche Jugendliche und Erwachsene übrigens auch – insgeheim an dem Glauben fest, dass der Tod wohl die anderen, nicht aber sie selbst treffen kann; sie können sich ihre Nichtexistenz und eine Welt, in der sie selbst nicht mehr anwesend sind, nicht vorstellen.
Dies macht deutlich, warum das Reden über den Tod mit Kindern elementar ist, auch wenn es alles andere als ein leichtes Thema ist. Ob es dabei zu rationalen Gesprächslösungen kommt oder nicht, ist weniger von Bedeutung, wie ein wunderschönes Gedicht aus Michael Endes „Momo“ zeigt:

Michael Ende: Momo

Michael Ende: Momo

Ein Schnurps grübelt

Also, es war einmal eine Zeit,
da war ich noch gar nicht da. -
Da gab es schon Kinder, Häuser und Leut
und auch Papa und Mama,
jeden für sich -
bloß ohne mich!

Ich kann mir‘s nicht denken. Das war gar nicht so.
Wo war ich denn, eh es mich gab?
Ich glaub, ich war einfach anderswo,
nur, dass ich‘s vergessen hab,
weil die Erinnerung daran verschwimmt -
Ja, so war‘s bestimmt!

Und einmal, das sagte der Vater heut,
ist jeder Mensch nicht mehr hier.
Alles gibt‘s noch: Kinder, Häuser und Leut,
auch die Sachen und Kleider von mir.
Das bleibt dann für sich -
bloß ohne mich.

Aber ist man dann weg? Ist man einfach fort?
Nein, man geht nur woanders hin.
Ich glaube, ich bin dann halt wieder dort,
wo ich vorher gewesen bin.
Das fällt mir dann bestimmt wieder ein.
Ja, so wird es sein!