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Lebenskunde Filmfest 2012: Vieles wird anders, wenn man Fantasie zulässt

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Vor über 120 Zuschauern zeigte das 9. Lebenskundefilmfest unter dem Motto „Alles anders" acht Kurzfilme von Lebenskundegruppen aus ganz Berlin im Kino Hackesche Höfe
Montag, 21. Mai 2012

Was wäre wenn ... wenn einmal alles anders wäre? Wenn Eltern sich um ihre Kinder kümmerten, wenn Freundinnen Freundinnen blieben, Jungs Mädchen und Mädchen Jungs wären? Was, wenn ausgegrenzte und gemobbte Schüler ernst genommen würden, wenn eine Woche alles anders wäre, wenn alle reich, schön und nett wären? Wäre die Welt dann besser oder nur anders? Ist eine andere Welt überhaupt möglich?

Sie ist es. Zumindest ist das der gemeinsame Nenner  der Filme, die in dem gut gefüllten Saal des Kinos Hackesche Höfe uraufgeführt wurden. Zwar stand diesmal das Thema Mobbing im Vordergrund, wie der Festivalleiter Bernard Stolz in seiner Begrüßung der Filmschaffenden und des Publikums feststellte. Doch die Filme der jungen Filmschaffenden taten vor allem eines: Sie mobilisierten die Macht der Fantasie, um die Wirklichkeit zu verändern, gleich welchen Themas sie sich annahmen.

Lebenskunde Filmfest 2012

Lebenskunde Filmfest 2012. Foto: Töns Wiethüchter

Die Macht der Phantasie

Denn „vieles wird anders, wenn man Fantasie zulässt", wie im zweiten Beitrag des Vormittags, dem Film Vieles wird anders, wenn ... der Aziz-Nesin-Grundschule, in großen Lettern auf der Leinwand zu lesen war. Nach einem Besuch der Alten Nationalgalerie verschwinden die Schüler Tom und Mike auf unerklärliche Art und Weise durch einen Tunnel in der Welt der Bilder. Erst das eingeschaltete „Kinder-Finder-Detektivbüro" vermag die Jungen in der Parallelwelt aufzuspüren. Der Film kombiniert auf interessante und amüsante Art und Weise Elemente der Films, der Reportage und des Stummfilms miteinander.

Doch den Anfang machte der Film Abrakadabra der Hermann Gmeiner Grundschule aus Lichtenberg.  Ein gelangweilter Zauberer nimmt sich des bekannten Phänomens der Jungen-Mädchen-Feindschaft an und vertauscht zu seinem eigenen Vergnügen die Rollen. Endlich können auch die Mädchen einmal Fußball spielen, dreckig sein und sind von Hausarbeit befreit. Umgekehrt dürfen sich die Jungs schminken und endlos shoppen gehen. Besonders lehrreich war eine Szene, in der die neuen Jungs nicht von der Pausenaufsicht ins Schulgebäude gelassen werden, weil sie eh nur Blödsinn im Kopf hätten, die verwandelten Mädchen hingegen schon. Das ist Gendertheorie vom Feinsten.

Auch im dritten Beitrag, dem Film Freundinnen der Grundschule an den Buchen, konnte man erfahren, dass manche Schulkonflikte erst durch Erwachsene angeheizt werden. Würden sich die beiden Freundinnen Luna, eine auf großartige und authentische Art dargestellte Schülerin der 6a, und Lilly, die in die 6b geht, nicht weiterhin gut verstehen, wenn die Lehrerinnen der Schule nicht eine Leistungskonkurrenz zwischen den Klassen  entfacht hätten? Manchmal sind gerade die Lehrerinnen der größte Störfaktor.

Der Frage, was sich Kinder wünschen, wenn „für eine Woche alles anders" wäre, stellt sich der Film Verzaubert der Otto Wels Grundschule aus Kreuzberg. Dabei kombiniert er auf trickreiche und gelungene Art und Weise O-Töne und Zaubertricks der Lebenskundekinder mit einer Zauberstory mit äußerst unangenehmen Konsequenzen. Bei Nebenwirkungen durch Zauberei fragen Sie ihren Lebenskundelehrer!

„Jeder hat es verdient, respektiert zu werden"

Nicht für eine Woche, nur für einen Tag ändert sich das Leben des Mädchens namens „Schnettchen". Dabei hatte ihr die Wahrsagerin doch versprochen, dass sich alles ändern werde. „Alles", das sind ein arbeitsloser Vater, der seine Tage saufend vor der Glotze verbringt, eine desinteressierte Mutter und die Klassentussis aus der ersten Reihe, die ihr jeden Tag die Hölle heiß machen. Plötzlich kümmern sich die Eltern um ihre Tochter, die Jungs streiten sich darum, neben ihr sitzen zu können und die Mädchen laden sie zum Shoppen ein. Doch es war nur ein Traum. „Jeder hat es verdient, respektiert zu werden", benannte einer der Filmschaffenden in der anschließenden Fragerunde die Intention des Films.

Dass keine übernatürlichen Kräfte, keine Zauberer und Wahrsagerinnen die Welt  ändern werden, bestätigt auch der Film Niemand der Grundschule am Fuchsberg. „Niemand wird tun, was wir nicht tun", zitiert der Film eine Textzeile der Sängerin Joy Delanane. Wer, wenn nicht wir, sollte es etwas ändern können, so die zutiefst humanistische Aussage des Films, der zwei Varianten einer Mobbinggeschichte umsetzt -eine, die zum Schlechten, und eine, die zum Guten führt.

Besonders gruselig ging es in dem Beitrag Das dunkle Geheimnis der Franz-Carl-Achard Grundschule aus Marzahn zu: Ausgehend von Goethes Zauberlehrling übernehmen dunkle Gestalten die Macht an einer Schule und beherrschen zunehmend die Schülerschaft. Ob sie die Geister, die sie riefen, tatsächlich los wurden, wissen wir nicht. Das Ende bleibt rätselhaft offen. Wir dürfen gespannt sein auf den zweiten Teil des Films, vielleicht schon im nächsten Jahr.

Lebenskunde Filmfest 2012. Bernard Stolz

Festivalleiter Bernard Stolz. Foto: Töns Wiethüchter

Ein interessantes Formexperiment, eine Mischung aus Spielfilm und Dokutainment, wagte der Abschlussfilm des Festes mit dem programmatischen Titel Sklave. Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich zum Erfüllungsgehilfen einer Schulgang macht. Gleichzeitig wird die Geschichte durch Kinderreporter, die die Geschichte erklären, beleuchten und durch Experteninterviews anreichern, kommentiert.

Das Filmfest soll „die teilweise sehr lange und intensive Arbeit der Schüler würdigen", so der Festivalleiter Bernard Stolz, und die Möglichkeit bieten, „relevante Themen aus der Sicht der Kinder zu beleuchten".  Das ist auf bemerkenswerte Weise gelungen. Und mehr noch: Beugt sich die Welt der Erwachsenen allzu schnell der Macht des Faktischen, so sind in den Filmen der Lebenskundegruppen kleine Utopien einer anderen und manchmal auch besseren Welt Wirklichkeit geworden. Mehr kann man vom Medium Film nicht verlangen.