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Heimat ist ein Sehnsuchtsort

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Beatrix Schnippenkoetter hat ein Buch herausgebracht, das sich mit der Kindheit in Deutschland auseinandersetzt. Sie hat junge Menschen dazu interviewt und sie zu alltäglichen Dingen befragt. Herausgekommen ist ein nicht besonders überraschendes Ergebnis.
Freitag, 19. August 2011
Schnippenkoetter_Was siehst Du

Wenn du Gott eine Frage stellen könntest, welche wäre das?
Anita: Ich frage lieber das Internet.

Was ist dein größter Wunsch?
Sebastian: Bundespräsident werden.

In wen würdest du dich gerne für einen Tag verwandeln?
Luka: In Lara. Ich sage aber nicht warum.

Mit diesen vielversprechenden Zitaten wird das neue Buch von Beatrix Schnippenkoetter Was siehts du, wenn du aus dem Fenster schaust? angekündigt. Lebenskundelehrer und diesseits-Autor Dr. Ingo Nickel hat es gelesen.

Wenn man das Buch das erste Mal in die Hand nimmt, ist man angetan von dem Titel und der Gestaltung. Dann fragt man sich, für wen ist es gedacht und welchen Zweck soll es erfüllen? In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wäre das Buch sicher eine Bereicherung im pädagogischen Diskurs gewesen, eine Art Aufklärungsbuch über Kindergedanken für Erwachsene. Heute dagegen ist es bei einer Vielfalt von Büchern und Filmen kein Geheimnis mehr, was und worüber Kinder denken. Darum ist man gespannt, was über die bloße Fragestellung hinaus an neuen Erkenntnissen den Kindern in dem neuen Buch entlockt wird.

Beatrix Schnippenkoetter, Jahrgang 1956 arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin. Sie veröffentlicht u.a im Tagesspiegel einen Kinderfragebogen. Für Was siehst Du, wenn Du aus dem Fenster schaust? hat sie 99 Kindern zwischen 7 und 13 Jahren – darunter viele mit Migrationshintergrund, was die Geschichten bunter macht – unter anderem eben jene Frage gestellt. Die Illustrationen von Antje Damm sind sehr gelungen und kindgerecht gestaltet. Im Vorwort liest man, dass es ein Buch für Kinder, aber auch für Erwachsene ist. Es werden Fragen zu bestimmten Themen gestellt. Der allgemeine Frageteil ist recht gut gelungen: Eine multikulturelle Vielfalt, lustige und ehrliche Antworten. Die Kinder werden zu ihren Interessen, zur Schule, zum Kiez etc. befragt.

Der originelle Titel des Buches beinhaltet die Frage, womit Kinder sich alltäglich auseinandersetzen. Dazu ist das Buch in vier Teile gegliedert: Wer bin ich – Was mag ich – Was aus mir wird – Was mich bewegt. Am Ende des Buches können Kinder und Erwachsene selber einen Fragebogen ausfüllen.

Hans, 13 Jahre (zum Thema Schule):

Was würdest du gerne an deinen Lehrern ändern?

Zurzeit gehe ich in Kopenhagen zur Schule. Ich finde unsere Lehrer sollten uns mehr unsere Meinung sagen lassen. Wenn man zum Beispiel in einem Test anderer Meinung ist, dann sagen die Lehrer, das ist falsch. Warum muss die Meinung der Lehrer immer richtig sein?

Was ist der Unterschied zwischen dänischen und deutschen Schulen?

In dänischen Schulen stellen die Schüler mehr Fragen, sie beschäftigen sich intensiver mit einem Themen, weil sie sich den Stoff selber erarbeiten müssen. Das macht sie neugieriger. In Deutschland erklären die Lehrer einem alles, und dann muss der Schüler es verstanden haben.

In jedem Kapitel werden verschiedene, zum Thema passende Begriffe eingefügt, etwa: Wo ist Heimat?, So viele Computerspiele, Schwer verliebt, Was ist Rassismus?, Was wird aus mir?. So soll die Thematik vertieft werden, was recht gut gelungen ist, etwa beim Thema Heimat:

Ein englisches Sprichwort sagt; „Home is where your heart is“. Dass heißt, zu Hause ist nicht unbedingt der Ort, wo du lebst, sondern vielleicht da, wo du gerne wärst, wo die Menschen sind , die du liebst und die dich lieben, wo du verwurzelt bist. Heimat ist ein Sehnsuchtsort, es ist der Ort, an dem dein Herz hängt.“ 

Jedes Kind hat eine eigene Geschichte, die wird jedoch nur oberflächlich erkundet. Die  meist stereotypen Eingangsfragen, die sich in den Interviews wiederholen und bald ermüden, werden von den Kindern meist kurz beantwortet. Folgendes Beispiel ist dafür typisch:

Cihat, 12 Jahre:

Was siehst du, wenn du aus deinem Fenster schaust?

Nur Autos, Baustellen, Häuser und Geschäfte

Wo ist dein Lieblingsplatz?

Auf dem Sportplatz, weil ich da mit meinen Freunden Fußball spiele.

Was möchtest du in den Ferien machen?

Mit meiner Mannschaft Turniere spielen, vielleicht sogar in Spanien oder Frankreich. ...

Letztendlich hat man das Gefühl, das die Fragen meist abgearbeitet werden, ohne noch einmal detaillierter nachzufragen. Interessanter wäre es zu doch zu erfahren, wie es aus der Sicht der Kinder sich anfühlt, wenn die Eltern sich trennen oder warum Eltern das Kind im Zimmer eingeschlossen haben?! und weniger darum, dass sich die Eltern endlich eine Spülmaschine kaufen sollen. So plätschern die Fragen dahin. Man hätte sich gewünscht, dass die Antworten mehr hinterfragt werden, das man ausführlicher etwas über Sorgen, Ängste, Freuden und Hoffnungen der Heranwachsenden erfährt. Ein auf der Höhe der Zeit ambitioniertes Buch von und für Kinder sollte über die einfache Fragestellung hinaus vor allem philosophisch kindgemäße Antworten enthalten.

Schnippenkoetter_Ich wäre gern ein Huhn

Dies ist insofern bedaueriich, als das Beatrix Schnippenkoetter bereits gezeigt hat, wie es besser geht - in ihrem 2006 erschienenen Kinderbuch Ich wäre gern ein Huhn. Was Kinder aus aller Welt erleben und erträumen (Mehr dazu hier). Die Idee des aktuellen Buches, dem Leser näher zu bringen, wie Kinder denken und fühlen ist lobenswert. Allerdings hapert es an der Umsetzung. Das Buch ist jedoch allemal als Einstieg für Menschen geeignet, die erste Informationen sammeln möchten, wie und was Kinder denken.

Beatrix Schnippenkoetter & Antje Damm: Was siehst du, wenn du aus dem Fenster schaust? Campus 2010. 246 Seiten. 19,90 Euro

Eine Leseprobe finden Sie hier.