Direkt zum Inhalt

Mit Mut sich dem Leben stellen

DruckversionEinem Freund senden
Zum 11. Mal hat in Berlin das Lebenskunde-Filmfest stattgefunden. Das Thema des Filmfestes hieß in diesem Jahr „Mutig sein!“.
Dienstag, 27. Mai 2014
Foto: A. Bischkopf

Eine der vielen Fragen auf dem Lebenskunde-Filmfest: Kann es in Zukunft so sein, dass Apps bestimmen, was wir wann zu tun haben, um optimiert zu leben? Foto: A. Bischkopf

Sieben Lebenskunde-Gruppen aus verschiedenen Bezirken Berlins kamen am 6. Mai mit ihren Klassen, Lehrern und Lehrerinnen sowie einigen Eltern aufgeregt und voller Erwartung in das Kino in den Hackeschen Höfen. Dort sollten ihre selbstgedrehten Filme Premiere auf der großen Leinwand haben. Bis zu einem halben Jahr setzten sie sich vorher in ihren Lebenskunde-Stunden damit auseinander, was Mut für sie ist, dachten sich Geschichten aus, verteilten Rollen und drehten einen Film. Interessant die breite Palette: mutig sein bedeutet von einer Klippe zu springen, jemanden zu küssen, anderen die Meinung zu sagen, so zu sein, wie man ist, den Lehrern Streiche zu spielen, einen Fehler zuzugeben oder sich in den Schulkeller zu trauen, wenn dort ein Geist vermutet wird.

Beim Intro zum Filmfest wurden die gezeigten Bilder zu Mut noch eifrig kommentiert. Als dann der erste Film einer Lebenskunde-Gruppe aus Lichtenberg gezeigt wurde, war es plötzlich mucksmäuschenstill. Schließlich wussten alle kleinen Filmemacherinnen und Filmemacher selbst, wie viel Arbeit darin steckt.

Viel ließen sich die Kinder in der Geschichte der fünften Klassen der Hermann-Gmeiner-Schule von Sophia gefallen. Ihre Angeberei und die Beleidigungen waren Alltag. Doch Nun reicht’s! – so auch der Titel des Films. Als Sophia Lisas beste Freundin beleidigt, platzt ihr der Kragen. Lisa sagt ihr gehörig die Meinung und erntet von den anderen der Klasse große Zustimmung. Und einmal dabei, sich zu trauen, gelingt es ihr jetzt auch, einen Jungen der Nachbarklasse, in den sie sich verliebt hat, zu fragen, ob sie gemeinsam Fußball spielen können. Mit viel Selbstbewusstsein bringen die Kinder hier eigene Erfahrungen aber auch Wünsche in die Geschichte ein, schlüpfen in neue, fremde Rollen und ganz nebenbei bessert sich auch beim Filmen das Verhältnis der beiden Klassen untereinander im realen Schulalltag.

Wie im bekannten Film Pleasantville werden im Film Streiche aus Schwarz-Weiß-Bildern farbige. Je mehr Kinder ihre Meinung sagen, desto bunter wird die Welt. Mit diesem stilistischen Mittel wird die Veränderung, die die Protagonisten durchlaufen, deutlich. Der Film aus der Grundschule an den Buchen in Pankow überzeugt auch durch Schauspieltalente und gute Texte. Kinder einer Clique überlegen sich ständig neue Streiche. Lehrer sind genauso betroffen wie ihre Mitschüler. Doch manchen geht das zu weit und sie wollen aussteigen, dazu müssen sie zunächst allen Mut aufbringen, um sich gegen den Rest der Gruppe zu behaupten. Was hat die Kinder der Lebenskunde-Gruppe bewegt, einen Film über Streiche zu drehen, lautete eine Frage aus dem Publikum. Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: Streiche spielen macht Spaß und es ist etwas, was sie sich im wirklichen Leben nicht trauen würden. So bietet das Medium Film den Kindern Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren und anhand der Geschichten Regeln des Zusammenlebens zu diskutieren.

Die Kinder der Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg finden es mutig, vor der Klasse einen Vortrag zu halten, einen Fehler zuzugeben und vor vielen mit einem Rap aufzutreten. Filmisch setzten sie es mit viel Eifer um und kleine Kamerawackler vergisst man ganz schnell. Schließlich ist hier alles selbstgemacht. Der Film Ab den Hut vor alltäglichem Mut! ist nah an der Lebenswelt der Kinder. Ein unvermutetes Ende einer der kleinen Geschichten zeugt von der Sehnsucht der Gruppe nach Freundschaft und Vertragen. Was bei allen anderen Filmen auch zu spüren ist. Ein Junge klaut Stifte einer Mitschülerin, weil er selbst von seinen Eltern keine bekommt. Nachdem er seinen Fehler zugegeben hat, beschließt die Gruppe im Klassenrat, dass jeder von ihnen, diesem Jungen einen Stift von den eigenen abgibt. So hat auch er eine Möglichkeit, schöne Bilder zu malen. „Warum haben wir das nicht gemacht?“, riefen voller Begeisterung Kinder einer anderen Lebenskunde-Gruppe, als der Rap im Film lief. Mitreißender Beifall im Kino war der Lohn für diese Darbietung.

Respekt wurde auch den Kindern einer dritten Klasse der Zille-Grundschule in Friedrichshain gezollt, die einen Gruselfilm drehten. Der Geist im Schulkeller konnte mit Hilfe zweier Väter, die aus der Filmbranche kommen, ziemlich professionell hergestellt werden. Schreien und Kreischen im Zuschauerraum, als die Geister aus dem Schulkeller die Kinder erschreckten. Die Lebenskunde-Kinder setzten sich mit diesem Film mit ihren Ängsten auseinander und waren sich sicher, dass es viel Mut braucht, in den Schulkeller zu gehen, wenn dort Geister vermutet werden müssen.
„Glaubst du an Geister?“, war die Frage am Ende des Films – die Antworten boten eine breite Palette: Ich glaube an Geister, weil ich schon welche gesehen habe. Ich glaube an sie, weil ich auch an andere Fabelwesen glaube. Oder: Ich glaube nicht daran, weil ich noch nie welche gesehen habe, es gibt sie nur in der Fantasie. Fragen aus dem Publikum zeigen, dass es auch hier durchaus keine einheitliche Meinung gibt. Skeptisches Hinterfragen, eines der wichtigen Ziele im Lebenskunde-Unterricht.

Rosa Parks bist du!, so lautete der Titel des Films der Kinder der Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg. Absolute Ruhe im Zuschauerraum, als die Kinder das Buch im Film vorlesen, schließlich sind alle gefesselt von der Handlung, die da erzählt wird. Rosa Parks ist eine Afroamerikanerin, die sich in der Zeit der Apartheit gegen die geltenden ungerechten Gesetze auflehnte und damit sehr viel Mut bewies. Der Film ist eine Dokumentation gegen Rassismus - und wenn man sich die bunte Mischung in den Lebenskunde-Gruppen ansieht, auch ein Thema, das nah an der Lebenswelt der Kinder ist.

Einen Film über Flüchtlingskinder in Deutschland drehte die Lebenskunde-Gruppe der Richard-Grundschule in Neukölln. Der Film Eine Welt für alle – Flucht aus Italien informiert: 9.000 Flüchtlingskinder leben in Deutschland ohne ihre Familien. So fragen sich die Kinder, ob auch für diese die Kinderrechte in vollem Umfang gelten sollen. In der Auseinandersetzung mit dem Thema entstand selbständig die Geschichte, das Casting wurde organisiert und beim Spielen im Film übernahmen die Kinder alle Rollen, vom Vater über die Mutter bis zum Lehrer oder die Schülerinnen und Schüler. Viel Eigeninitiative, die dann auch mit entsprechendem Beifall honoriert wurde.

Ganz aktuell beschäftigt sich der Film Das Programm – oder sei du selbst! der Lebenskunde-Gruppe der Grundschule am Fuchsberg in Biesdorf mit Smartphones, Apps und Internet. Kann es in Zukunft so sein, dass Apps bestimmen, was wir wann zu tun haben, um optimiert zu leben? Die Kinder haben es so realistisch dargestellt, dass es durchaus im Rahmen des Möglichen erscheint. Sie zeigten, welche Folgen diese Entwicklung hätte und dass es mutig ist, in solch einer Welt selbstbestimmt zu leben.