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SkepKon 2017: 30 Jahre kritisches Denken

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Um essentielle gesellschaftliche Themen wie Klimawandel, Energiepolitik und Medizin scharen sich zahlreiche Fehlvorstellungen, Verschwörungstheorien und ideologische Einschätzungen. Wie eine evidenzbasierte Kommunikation trotzdem funktionieren kann, wurde vom 30. April bis zum 1. Mai 2017 in der Berliner Urania diskutiert.
Mittwoch, 31. Mai 2017
Fake News leichtgemacht: „Knuttrails“ über der Urania in Berlin. Foto: © Gesine Born

Fake News leichtgemacht: „Knuttrails“ über der Urania in Berlin. Foto: © Gesine Born

In Berlin hatte zum letzten Monatswechsel die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) zur Jubiläumskonferenz eingeladen, die mit einem spektakulären Wissenschafts-Festival eröffnet wurde.

Angekommen im Zeitalter von Fake News und alternativen Fakten, scheinen die Themen der GWUP den Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden zu haben. Spätestens seit der amerikanische Präsident oder Parteien wie die AfD es mit den Fakten häufig nicht so genau nehmen, ist eine wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit Behauptungen jeglicher Art in der Öffentlichkeit besonders bedeutsam geworden. Seit 30 Jahren setzt sich die GWUP für kritisches Denken, das Aufdecken von Parawissenschaften und die Verbreitung von Vernunft ein. Die GWUP wurde 1987 von einigen wenigen Skeptikern auf Initiative von Amardeo Sarma in Deutschland gegründet. Mittlerweile zählt der gemeinnützige Verein 1500 Mitglieder, die in zahlreichen Regionalgruppen im deutschsprachigen Raum organisiert sind. Sarma ist heute der Vorsitzende der GWUP und eröffnete die SkepKon 2017 im Jubiläumsjahr des Vereins mit einem Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre.

Bild: GWUP

Eindrücke vergangener SkepKons. Bild: GWUP

„Carl-Sagan-Preis“ für Undercover Journalisten

Bereits in den 1970ern wurde im Zuge zunehmender Beliebtheit des Paranormalen in den USA mit dem Committee for Skeptical Inquiry (CSI) eine international arbeitende Organisation der Skeptikerbewegung gegründet. Das CSI gibt seitdem regelmäßig das Magazin Skeptical Inquirer heraus, dessen Chefredakteur Kendrick Frazier von Sarma zitiert wurde: „Skepsis ist ein Teil des gesunden Menschenverstandes, ohne den wahre Wissenschaft nicht gedeihen kann […] man muss kritische Fragen stellen – ohne Rücksicht auf Gegenstand oder Folgen“. Dies ist auch das Credo der GWUP, die auch aus den Wurzeln der CSI gewachsen ist.

Amardeo Sarma. Foto: © Peter Ofenbäck

Der Vorsitzende der GWUP, Amardeo Sarma, blickte zurück auf 30 Jahre kritisches Engagement zurück. Foto: © Peter Ofenbäck

In der Zwischenzeit hat sich die SkepKon als jährliche Konferenz der GWUP stetig vergrößert und 2012 wurde in Berlin sogar der 6th World Skeptics Congress veranstaltet. Besonderes Aufsehen erregen die seit 2004 jährlich stattfindenden Psi-Tests, bei denen Kandidaten auf die Probe gestellt werden, die behaupten, paranormale Fähigkeiten zu besitzen. Neben vielen Aktionen und Vortragsangeboten wie bspw. „Skeptics in the Pub“ wird zudem seit 2011 mit dem „Goldenen Brett vorm Kopf“ jährlich ein satirischer Negativpreis verliehen. Der ebenfalls von der GWUP verliehene „Carl-Sagan-Preis für Journalisten“ hingegen honoriert Beiträge, die parawissenschaftliche Themen aus wissenschaftlicher Sicht beleuchten und über Konsequenzen informieren. Im Rahmen der diesjährigen SkepKon wurde dieser Preis an Claudia Ruby und Hristio Boytchev verliehen, die mit einer Undercover-Reportage über die Gefahren von pseudomedizinischen Krebsbehandlungen aufklären.

Paramedizin in Schulbüchern

Auch beim March for Science, der am 22. April an 600 Orten auf der ganzen Welt stattfand, beteiligte sich die GWUP in mehreren deutschen Städten als Organisator oder Unterstützer der Veranstaltung. Mit dabei war auch Natalie Grams, die im letzten Jahr große Bekanntheit weit über die Skeptiker-Szene hinaus erlangt hat. Die Medizinerin kehrte der Homöopathie den Rücken und veröffentlichte ein Buch, in dem sie sich kritisch mit dieser pseudowissenschaftlichen Behandlungsmethode auseinandersetzt. Sie gründete gemeinsam mit Fachleuten aus Medizin, Naturwissenschaften, Psychologie, Journalismus und Rechtswissenschaften das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH), das evidenzbasiert über Homöopathie aufklärt. Auf der SkepKon berichtete Grams davon, was das INH seit seiner Gründung bereits geleistet hat.

Foto: © Peter Ofenbäck

Das Informationsnetzwerk Homöopathie kann nach einem Jahr bereits auf viele Folge zurückblicken. Foto: © Peter Ofenbäck

Grams ist der Überzeugung, dass das INH die kritische Betrachtung der Themen Homöopathie und Heilpraktikerwesen überhaupt erst in die Mitte der Gesellschaft gerückt hat, sodass heute darüber öffentlich Diskussionen geführt werden. Sie berichtete von den Erfolgen innerhalb der sozialen Netzwerke, wo die Medizinerin, die mittlerweile als Kommunikationsmanagerin bei der GWUP angestellt ist, täglich kritische Diskussionen führt. Grams betonte, dass das IHN mittlerweile häufig als Quelle von verschiedenen Medien verwendet wird und dass sich in der öffentlichen Darstellung mehr und mehr Skepsis gegenüber Homöopathie regt.

Warum sich Menschen überhaupt paramedizinischen Behandlungsmethoden wie der Homöopathie zuwenden, untersucht Elvira Schmidt vom Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen. Die Doktorandin beschrieb, dass es zwar Empfehlungen zur Gesundheitsförderung in der Schule durch die Kultusministerkonferenz gibt, jedoch keine derartigen Inhalte im Kerncurriculum enthalten sind. Grund zur Sorge liefert außerdem die Tatsache, dass in den Schulbüchern, in denen das Thema Medizin überhaupt vorkommt, die Schulmedizin in der Regel auf einer Stufe mit alternativen Behandlungsmethoden wie Homöopathie und Akupunktur steht.

Zudem konnte Schmidt in einer empirischen Untersuchung belegen, dass die wichtigsten Gründe für die Anwendung von Paramedizin die vermeintlich „sanfte Behandlung“ und eine allgemeine „Unzufriedenheit mit konventioneller Medizin“ sind. Den größten Einfluss auf die Entscheidung der Probanden, Paramedizin anzuwenden, haben Verwandte und Freunde. Die Schule taucht als Einflussfaktor kaum bis gar nicht auf, „dabei sollte die Schule doch eine große Rolle bei der Aufklärungsarbeit zu Medizin spielen“, erklärte Schmidt. Die Referentin wird im Rahmen ihrer Forschungsarbeit weiter nach Einflussfaktoren suchen und arbeitet zudem gemeinsam mit dem INH an der Entwicklung von Unterrichtsmaterial. Schmidt ist sich sicher: „Wir brauchen besseres Lehrmaterial!“

Heilpraktiker betreiben Laien-Heilkunde

Dass bei der Aufklärungsarbeit zum Thema Paramedizin noch viel zu tun ist, wird auch im Beitrag von Anousch Müller deutlich. Die Schriftstellerin absolvierte selbst eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und beschäftigt sich seitdem kritisch mit Paramedizin. Besonders dem Heilpraktiker-Beruf, der oftmals dem Beruf des Arztes gesellschaftlich annähernd gleichgestellt scheint, steht sie überaus kritisch gegenüber und warnt: „Heilpraktiker sind Laien, die nicht studieren müssen. Es gibt kaum Kontrollen.“ Patientenkontakt müssen angehende Heilpraktiker zum Abschluss der Ausbildung nicht nachweisen. Lediglich ein Multiple-Choice-Test und eine mündliche Prüfung sind Pflicht. Die Heilpraktiker-Schule ist freiwillig und muss nicht besucht werden. Durch die tragischen Ereignisse in einem alternativen Krebszentrum im Sommer 2016 ist das Thema mittlerweile auch in Medien und Politik angekommen. So wurden anschließend Stimmen laut, dass das Heilpraktikergesetz geändert werden müsse. Ist es Heilpraktikern heutzutage noch erlaubt, Diagnosen zu stellen, zu verwerfen oder zu ändern, fordert Müller, dass die Diagnostik und auch ein Großteil der Therapie Medizinern vorbehalten sein müsste. Müller betonte, dass sie den Beruf nicht abschaffen möchte, da dieser vielen Menschen eine existentielle Grundlage bietet und Patienten offenbar ein Bedürfnis nach einer „anderen Medizin“ haben. Sie machte daher Vorschläge für alternative Möglichkeiten des Berufs des Heilpraktikers. Man sollte „das, was Patienten bei einer Behandlung durch einen Heilpraktiker guttut, in ein neues Berufsbild integrieren“, so die Referentin.

Anousch Müller entzaubert Heilpraktiker-Mythen: „Es gibt de facto keine Ausbildung zum Heilpraktiker.“ Foto: © Peter Ofenbäck

Anousch Müller entzaubert Heilpraktiker-Mythen: „Es gibt de facto keine Ausbildung zum Heilpraktiker.“ Foto: © Peter Ofenbäck

Im Anschluss zeigte Nikil Mukerji, wie man Pseudowissenschaften schon an ihren Argumenten erkennen kann. „Pseudowissenschaften argumentieren nämlich: pseudowissenschaftlich!“, so der promovierte Philosoph. In seinem Buch Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstandes fasst der Experte für Argumentation die Fragen zusammen, die man stellen sollte, um zu prüfen, ob Argumente wissenschaftlichen Kriterien genügen. Viele Pseudowissenschaftler scheitern dabei schon an der grundlegenden Frage: „Wird überhaupt argumentiert?“ Wenn tatsächlich argumentiert wird, dann sollte man darauf achten, ob es Argumentationslücken gibt, die Annahmen unklar oder unglaubwürdig sind.

Überzeugte die SkepKon-Besucher mit sprachlichen Tricks davon, das kaltes Bier besser ist als warmes: Nikil Mukerji. Foto: © Peter Ofenbäck

Überzeugte die SkepKon-Besucher mit sprachlichen Tricks davon, dass warmes Bier besser ist als kaltes: Nikil Mukerji. Foto: © Peter Ofenbäck

Mukerji machte außerdem auf Parallelen zwischen Politik und Pseudowissenschaften wie bspw. Homöopathie aufmerksam. In beiden Fällen wird mit Tradition und Popularität argumentiert und Behauptungen werden mitunter so häufig wiederholt, dass sie allgemein als wahr akzeptiert werden, ohne dass es Belege gibt, so Mukerji. Auch die vorschnelle Verallgemeinerung anhand anekdotischer Belege oder lediglich sehr eingeschränkter Evidenzen sowie der unzulässige Schluss von Korrelation auf Kausalität sind nicht nur in den eindeutigen Pseudowissenschaften zu finden, sondern tauchen auch in unverdächtig erscheinenden Kontexten auf. Mukerji rief daher dazu auf, die von ihm formulierten Fragen zu stellen, um Pseudowissenschaften und unzulässige Argumentationen aufzudecken.

Quantenphysik wird in der Esoterik-Szene frei interpretiert

Das GWUP-Urgestein Martin Lambeck berichtete einleitend davon, dass Einstein mit seiner Forschung zwar die Grundlage für die Quantenmechanik lieferte, diese aber selbst nie akzeptierte. Der Physiker und Ingenieur beschrieb, dass Einstein die Quantentheorie deshalb ablehnte, da eine Theorie, die eine spukhafte Fernwirkung vorhersagt, falsch sein muss, weil sie der Relativitätstheorie widerspricht. Zu Zeiten Einsteins waren das allerdings nur theoretische Überlegungen unter wenigen Physikern. Mit dem Fortschritt in der experimentellen Physik änderte sich das jedoch und Einstein wurde letztlich widerlegt. Die Quantenmechanik etablierte sich schließlich in der modernen Physik.

Im Anschluss führte Lambeck aus, dass die für Laien schwer nachvollziehbaren Grundüberlegungen der Quantenphysik immer wieder eine Möglichkeit für Parawissenschaftler bieten, ihre Thesen scheinbar physikalisch „zu begründen“. Aus dem Zusammenhang gerissene Aspekte der Quantenmechanik werden oft missbraucht, um konstruierte Weltanschauungen physikalisch zu erklären. Es ist gleichzeitig nicht trivial, echte Quantenphysik von Pseudoquantenphysik zu unterscheiden. Zur Ausbesserung der Lücken im Quantenphysik-Allgemeinwissen hat Lambeck einen Tipp: Rainer Blatt von der Universität Innsbruck erklärt auf Youtube Quantenphysik richtig und einfach verständlich.

Die Ausmaße des Unsinns, der mit Quantenphysik getrieben werden kann, beschreibt der Physiker und Unternehmensberater Holm Gero Hümmler in seinem Buch „Relativer Quantenquark“. Auf der SkepKon beschäftigte er sich im Speziellen mit dem Physiker Burkhard Heim, der zumindest in Fachkreisen in Vergessenheit geraten ist. Kaum zuverlässige Quellen berichten vom Leben des Physikers, darunter nur eine einzige wissenschaftliche Publikation. Der Forscher, der durch einen Laborunfall in seiner Kommunikationsfähigkeit stark eingeschränkt war, verbrachte eine große Zeit seines Lebens erfolglos damit, die experimentelle Bestätigung für seine Thesen isoliert von anderen Wissenschaftlern zu suchen. Hümmler ist der Ansicht, dass Heim sich aus diesem Grund so in eine Theorie verrannte, die zu seiner Zeit bereits völlig veraltet war. Heutzutage hat Heim jedoch unfreiwillig großen Einfluss in der Esoterik-Szene, berichtete Hümmler. Es gibt bspw. den Burkhard-Heim-Preis, den unter anderem Jürgen Fliege und Rüdiger Dahlke gewonnen haben. „Der offensichtlich talentierte Physiker ist insgesamt eine tragische Figur, der nun auch noch eine Sorte von Verehrern hat, die er definitiv nicht verdient hat“, resümierte Hümmler. Die Demaskierung derartiger Pseudo-Eliten kann Skeptikern jedoch bei der Argumentation gegen Pseudowissenschaften helfen.

Holm Gero Hümmler. Foto: © Andreas Brauner

Holm Hümmler ist ausgewiesener Experte für Quantenquark. Foto: © Andreas Brauner

Viele Vorurteile gegen Gentechnik sind unwahr

Amardeo Sarma sprach in seinem Beitrag über zwei der größten globalen Herausforderungen unserer Zeit: sichere Ernährung und Klimawandel. Sarma beschrieb, dass die globale Nahrungsproduktion seit den 1960er Jahren entgegen vieler Vorhersagen schneller steigt als die Bevölkerungszahl. Allerdings stellt sich dieser Zusammenhang auf verschiedenen Kontinenten unterschiedlich dar. Hunger scheint also hauptsächlich ein Verteilungsproblem entlang eines Nord-Süd-Gradienten zu sein. Gerade Gentechnik könnte hierbei für die Länder mit unzureichender Nahrungsproduktion ein Teil der Lösung sein, erklärt Sarma. Mittlerweile konnte auch empirisch gezeigt werden, dass die typischen Widerstände gegen den Einsatz von Gentechnik unhaltbar sind: Die Verwendung chemischer Insektizide kann beispielsweise durch Gentechnik deutlich gesenkt und gleichzeitig der Ertrag und damit auch der Lebensstandard erhöht werden. „Wir sollten anhand unserer Vorurteile nicht entscheiden, was Bauern in Afrika machen sollen. Sie können selbst entscheiden“, so Sarma und nannte in diesem Zusammenhang eine weitere Herausforderung: „Die fossile Verbrennung wird für uns zum Problem, weil Kohlenstoffdioxid nicht schnell genug abgebaut werden kann“. So werden die negativen Effekte auf die Ertragsmengen in der Landwirtschaft bis 2050 als Folge des Klimawandels sehr groß sein, auch wenn sich gleichzeitig evtl. neue Möglichkeiten des Anbaus im Norden entwickeln könnten.

Die Illusion des Vertrauens – der Gegner des kritischen Denkens

Der zweite Tag der SkepKon startete mit einem eindrucksvollen Einblick in die menschliche Psyche. Gerhard Brenner berichtete, dass existenzielles Vertrauen wichtig ist, damit man nicht ständig fürchtet, dass einem etwas zustößt. Er fand in einem Experiment unter anderem heraus, dass das Vertrauen in die Polizei eine Illusion ist, die das kritische Denken unterdrückt. Die „Vertrauensillusion“ erklärt, weshalb wir subjektiven Einschätzungen und vermeintlichen Experten mehr vertrauen als wissenschaftlichen Fakten. Um dieser Illusion entgegenzuwirken, riet Brenner, in der Wissenschaftskommunikation auch Fake News zu thematisieren und „Schummeleien“ aufzudecken. Denn „kein Vormarsch ist so schwierig wie der Vormarsch der Vernunft. Aber versuchen wir es trotzdem!“, forderte Brenner das skeptische Publikum zum Handeln auf.

Bernd Harder entführte das SkepKon-Publikum in die Tiefen der Kommentarfluten von Verschwörungsgläubigen, Esoterikern und Paramedizinern. Ob auf dem Blog der GWUP, in den sozialen Netzwerken oder im Email-Postfach – überall sieht Harder sich mit selbsternannten Glaubenskriegern konfrontiert. Der Politikwissenschaftler und Skeptiker-Chefreporter berichtete von seinen Diskussionserfahrungen und verdeutlicht, dass es bei einer solchen Tätigkeit wichtig ist, auf die eigene Psycho-Hygiene zu achten: „Also sich nicht den Tag verderben lassen, Grenzen setzen und emotionale Distanz wahren.“ Harder beschrieb, dass eine Abkehr von Verschwörungstheorien manchmal einem Sektenausstieg gleichkommt. Daher kann man Verschwörungsgläubige meist nicht durch Argumente überzeugen. Einfach nur Fragen zu stellen, ist hingegen oftmals eine gute Möglichkeit, um Widersprüche, Lücken und unbelegte Behauptungen aufzudecken, betonte Harder. Denn auch Verschwörungsgläubige zweifeln.

Die Informationen, die Skeptiker bereitstellen, sollten außerdem möglichst lebensnah sein. Aus diesem Grund sind bspw. Eisbären laut Harder kein gutes Symbol, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, da Eisbären in der Lebenswelt der meisten Menschen keine Rolle spielen. Zudem empfiehlt Harder, Fakten auch emotional aufgeladen und mittels persönlicher Geschichten darzustellen. Jeder engagierte Skeptiker kann da seine eigene Strategie finden, findet Harder und schloss mit den Worten: „Man darf die Welt nicht seinen Feinden überlassen. Tun Sie etwas! Egal was!“

Atomenergie: irrationale Ängste und reale Gefahren

Eine besonders schwierige Aufgabe kommt Skeptikern beim Thema Atomenergie zu, da man sich schnell mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, die Risiken zu verharmlosen. Der Physiker und Autor Florian Aigner sagte, dass Angst vor Radioaktivität prinzipiell gerechtfertigt sei, es bei diesem Thema jedoch auch viele irrationale Ängste gebe. So gibt es zur Tschernobyl-Katastrophe bspw. je nach Quelle Angaben zu den Zahlen der Todesopfer, die zwischen 28 Personen und bis zu 1,44 Millionen Menschen schwanken. Aigner klärte auf, wie derart verschiedene Angaben entstehen können und auf welchen abenteuerlichen Annahmen diese teilweise beruhen.

Florian Aigner. Foto: © Peter Ofenbäck

Florian Aigner plädiert für eine sachliche Auseinandersetzung über Radioaktivität – ohne Panikmache oder Verharmlosung. Foto: © Peter Ofenbäck

Aigner berichtete einerseits über natürliche Radioaktivität, der jeder Mensch pro Jahr ausgesetzt ist, wie z.B. Radon aus der Atemluft, kosmische Strahlung oder Radionuklide in der Nahrung. Durch medizinische Behandlungen wie CT oder auch Röntgen-Untersuchungen kann sich die Dosis erhöhen. Anderseits beschrieb Aigner auch die unbestrittenen Gefahren der radioaktiven Strahlung. Durch Untersuchungen in Hiroshima und Nagasaki wurde ein annähernd linearer Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und der Gefahr von Langzeitschäden bis hin zum sofortigen Tod festgestellt. Aber gerade im Bereich niedriger Strahlendosen gibt es kaum Erkenntnisse über den Zusammenhang von Strahlendosis und Langzeitschäden. Aigner beschrieb, dass das auch daran liegt, „dass Krebs eine so häufige Krankheit ist, dass zusätzliche Fälle statistisch schwer zu erfassen sind“.   

Wichtig ist die Verhältnismäßigkeit: „Wenn wir uns vor den niedrigen Dosen in dem einen Bereich wie bei einer Banane nicht fürchten, dann sollten wir auch in anderen Bereichen keine Angst haben“, schloss Aigner. „Radioaktivität ist natürlich sehr schädlich, wie auch Feinstaub, Rauchen und Alkohol. Aber wir sollten nicht in blinde Panik vor dem einen verfallen.“ Aigner plädierte dennoch für den Ausstieg aus der Kernenergie, „aber nur dann, wenn die Alternativen nicht mehr schaden. Kohlekraft produziert Tote im Standardbetrieb, da braucht es keinen Störfall. Wenn etwas, das eventuell schiefgeht, durch etwas ersetzt wird, das auf jeden Fall schiefgeht, kann das nicht der richtige Weg sein.“

Grundschulkinder sind oft Kreationisten

Auch im Bereich der Akzeptanz von Evolution spielen Fakten häufig nur eine zweitrangige Rolle. Der Biologiedidaktiker Dittmar Graf gab einen Überblick über die Einstellungen zum Thema Evolution in Europa und darüber hinaus. Auch wenn es nicht aus allen Ländern vergleichbare Daten gibt, zeichnet sich in Europa ein Akzeptanz-Gefälle von Nordwesten nach Südosten ab. Auch unter Biologielehrkräften gibt es gerade im Südosten Europas große Vorbehalte gegen die Evolutionstheorie. Dabei findet man keine großen Unterschiede zwischen Lehrkräften der Biologie und anderer Fächer. Graf schließt, dass der kulturelle Hintergrund offenbar entscheidender ist als die absolvierte Ausbildung. Insgesamt merkte Graf jedoch an, dass qualitativ hochwertige und aktuelle Vergleichsstudien fehlen. Gerade die weit verbreiteten Studien beziehen sich häufig nur auf eine einzige Frage und das ist laut Graf problematisch. Nichtsdestotrotz deuten sich große Länderunterschiede an. Das liegt sicherlich auch an der Behandlung des Themas Evolution in Schule und Gesellschaft. In der Türkei soll beispielsweise das Thema Evolution komplett aus den Lehrplänen verschwinden. Schon heute wird dort die Humanevolution nicht behandelt, berichtete Graf.

Dittmar Graf. Foto: © Andreas Braun

„Die Akzeptanz der Evolution unterscheidet sich innerhalb Europas entlang eines Nordwest-Südost-Gefälles“, beschrieb Dittmar Graf. Foto: © Andreas Braun

Auch in Deutschland wird Evolution oftmals nicht akzeptiert und außerdem schlecht verstanden. „Die meisten Kinder haben nach der Grundschule kreationistische Vorstellungen", erklärte Graf. Daher muss sich in der Schule dringend etwas ändern, z.B. durch ein früheres Unterrichten des Themas Evolution, wie es die Initiative Evokids fordert. In empirischen Studien wurde bereits nachgewiesen, dass das Interesse von Grundschulkindern am Thema Evolution im Vergleich zu anderen Themen hoch ist. Erst kürzlich wurde überdies eine Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlicht, in der eine umfangreichere Behandlung des Themas Evolution als integrativer Rahmen im Biologieunterricht gefordert wird.

Deutsche Energiepolitik vernachlässigt den Klimawandel

Ähnlich schwer fassbar und wie auch die Evolutionstheorie teilweise geleugnet ist der Klimawandel. Johannes Ackva betonte jedoch, dass ähnlich wie beim Thema Evolution die Leugnung des Klimawandels einen großen politisch-kulturellen Aspekt beinhaltet und daher häufig nicht viel mit Faktenwissen und wissenschaftlichen Verständnis zu tun hat. Er verdeutlichte, dass die soziokulturelle Identität die Problemwahrnehmung stark prägt. So findet man zum Beispiel im Wahlprogramm der AfD für die Bundestagswahl 2017 Klimawandel-Leugnung auch im Kontext deutscher Politik. Die Aussagen im Wahlprogramm sind falsch und ignorieren beobachtete Langzeit-Trends. Der Referent betonte jedoch auch, dass wir in Deutschland „alle ein bisschen Klimawandel-Leugner sind“, denn anders ist es kaum zu erklären, dass die Nutzung von Kohlekraft in Deutschland weiterhin ansteigt. Auch wenn hierzulande keine politische Partei außer der AfD den Klimawandel leugnet, ist dennoch „keine politische Gruppe bereit, über ihre klimaschädlichen ideologischen blinden Flecken zu springen“, so Ackva. Zu einem zeitgemäßen und evidenzbasierten Umgang mit den Erkenntnissen aus der Klimaforschung würde nämlich auch gehören, Dekarbonisierungsstrategien ernst zu nehmen und danach zu handeln.

Johannes Ackva. Foto: © Andreas Braun

Klimawandel-Leugnung: Johannes Ackva erklärte, dass politisch-kulturelle Konflikte leider nicht durch Fakten lösbar sind. Foto: © Andreas Braun

Dass sich die Menschen, die den Klimawandel anzweifeln, jedoch nicht nur in der AfD tummeln, lässt sich anhand von Befragungsdaten erahnen. 16 Prozent der Deutschen glauben nicht, dass sich das Klima verändert, berichtete Katrin Riegger. Die Politikwissenschaftlerin leitet die Kommunikation der European Climate Foundation in Deutschland und erklärte, wie eine gute und zeitgemäße Klimakommunikation funktionieren kann. Gerade wenn Menschen den Klimawandel nicht anerkennen oder für unwichtig halten, ist es wichtig, dass öffentliche Institutionen Aufklärungsarbeit leisten und Informationen bereitstellen. Eine besondere Herausforderung ist es hier, Mythen zum Thema Klimawandel zu widerlegen, ohne sie dadurch zu festigen, erklärte Riegger. Eine gute Klimakommunikation ignoriert das Leugnen von Fakten nicht, erklärt die Zusammenhänge und macht den Klimawandel für die Menschen relevant, ohne dabei abzuschrecken.

Wie sollen wir handeln?

Die Herausforderung einer gelingenden Klimakommunikation in Zeiten einer fortschreitenden Faktenleugnung wurde tiefgehender in der abschließenden Podiumsdiskussion thematisiert, bei der die Experten Katrin Riegger, Johannes Ackva und Kathrin Goldammer zu Wort kamen. Als besonders effektiv und evidenzbasiert wurde dabei die Website „klimafakten.de“ hervorgehoben. Das Problem der Klimawandelleugnung ist in Deutschland zwar derzeit kein besonders großes Thema. Gleichzeitig wird es jedoch trotz seiner hohen Relevanz in der Politik nicht konsequent angegangen, war man sich einig. Umso wichtiger ist es, effektive Wissenschaftskommunikation zu betreiben, um so auch Laien globale Herausforderungen wie den Klimawandel näher zu bringen.

Moderiert von Hanna Decker (FAZ) kamen bei der abschließenden Podiumsdiskussion Klima-Experten zu Wort. Foto: © Peter Ofenbäck

Moderiert von Hanna Decker (FAZ) kamen bei der abschließenden Podiumsdiskussion Klima-Experten zu Wort. Foto: © Peter Ofenbäck

Sowohl in Kontext von Paramedizin als auch bei den Themen Energiepolitik, Klimawandel und Evolution spielen Bildung und Faktenwissen nur begrenzt eine Rolle. Diese Themen berühren die Lebenswelt der Bevölkerung jedoch teilweise stark und sind mitunter eng mit Emotionen verknüpft. Auch stellen skeptische Betrachtungsweisen eventuell die Gruppenzugehörigkeit von Personen auf die Probe und greifen ihre soziale und persönliche Identität an. Es erscheint daher unerlässlich Werteinstellungen nicht außer Acht zu lassen. Man sollte sich als skeptischer Mensch daher nicht nur fragen: „Welche Argumente und Behauptungen sind wissenschaftlich und welche sind pseudowissenschaftlich?“, sondern auch: „Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Handeln für die Betroffenen?“

Mit dieser Überlegung im Hinterkopf sollte dann allerdings auch gehandelt werden, wenn es nach den Referentinnen und Referenten auf der SkepKon geht. Viele von ihnen gaben konkrete Handlungsanweisungen und Ideen an das Publikum weiter. Auch wenn man überzeugte Verschwörungsgläubige und Esoteriker in der Regel nicht in Diskussionen umstimmen können wird, hören doch oft genug Menschen zu, die in ihrer Meinung nicht gefestigt sind. Und für diese „Zaungäste“ sollte man öffentlich diskutieren, so der Tenor. Gleichzeitig zeigte sich im Skeptiker-Publikum große Einigkeit darüber, dass das Verstehen von Wissenschaftstheorie die wichtigste Kompetenz ist, die man Schülerinnen und Schülern in der Schule vermitteln sollte. Schließlich gibt man ihnen so die Werkzeuge zur kritischen Betrachtung in die Hand, mit denen jeder Mensch selbst Behauptungen jeglicher Art prüfen kann.

Die nächste Skepkon findet vom 10.-12. Mai 2018 in Köln statt. Website: www.skepkon.org