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SkepKon 2016: Prophezeiungen, Pädagogik-Mythen und Genderwissenschaften auf dem Prüfstand

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Der zweite Themenblock der SkepKon vom 5. bis 7. Mai 2016 in Hamburg wurde von vielen nur scheinbar nicht sehr alltagsnahen Themen beherrscht: unheilbare Mimikfalten, provokative Gender-Thesen und Schulen auf Abwegen.
Freitag, 17. Juni 2016
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Den ersten Teil des Berichts finden Sie hier: SkepKon 2016 – Spielverderber in Aktion

Hermann Ritter thematisierte in seinem Vortrag mit dem Titel „Die Weltregierung tagt auf der Venus“ Verschwörungstheorien, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Der rechts-esoterische Rand verbreitet laut Ritters Recherchen Informationen heute eher über Romane und ähnliche Publikationen, weniger hingegen über „Fachbücher“. „Die Annahme, erzählende Literatur hätte keine Wirkungsmacht, ist absolut falsch. Menschen sind es gewohnt, Informationen aus erzählender Literatur zu entnehmen und nicht nur aus Sachtexten“, schloss der Referent.

Die Entmystifizierung des Nostradamus

Der Politikwissenschaftler Bernd Harder diskutierte anschließend, was aus früheren urbanen Mythen heute herausgelesen wird. Der Chefreporter des Magazins Skeptiker berichtet von einer „UFO-Schlacht“ bei Nürnberg um 1561, die weltweite Bekanntheit erlangt habe. Außerdem ging er Prophezeiungen des Nostradamus auf den Grund, in denen der erste Weltkrieg sowie der Tod von König Heinrich II vorausgesagt worden sein sollen. Zur Lösung dieser paranormalen Rätsel zog er das erst vor wenigen Jahren aufgetauchte Augsburger Wunderzeichenbuch aus der Mitte des 16. Jahrhunderts heran. In dieser Sammlung phantasievoller Zeichnungen werden vor allem Naturphänomene wie Hagel, Erdbeben und Sonnenfinsternisse abgebildet. Mithilfe des Wunderzeichenbuches konnten die geheimnisvollen Prophezeiungen und Abbildungen Nostradamus entmystifiziert werden.

Norbert Aust beschäftige sich am frühen Samstagmorgen mit sehr rätselhaften Energiequellen. Im Internet kursieren zahlreiche Verschwörungstheorien zu verschiedenen Maschinen, die als höchst effiziente Energiequellen mehr Energie abgeben als sie aufnehmen. Mithilfe dieser „freien Energie“, die praktisch kostenlos, umweltschonend und frei verfügbar sei, könnten viele Probleme auf dieser Welt beseitigt werden – wenn es sie denn gäbe.

Zweifel am Hirntod: Wie Esoteriker Organspenden verhindern

Das gesellschaftlich wichtige Thema „Organspende“ wurde anschließend im Kontext pseudowissenschaftlicher Kritik von Benedikt Matenaer diskutiert. Obwohl es in Deutschland eine grundsätzlich positive Stimmung zur Bereitschaft der Organspende gibt, liegt Deutschland im internationalen Vergleich bei den tatsächlich durchgeführten Organspenden auf den hinteren Plätzen.

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Der Palliativmediziner Matenaer führte diese niedrige Spendenbereitschaft nicht allein auf die jüngeren Skandale um manipulierte Organvergaben zurück, sondern erzählte von esoterischen Zweifeln am Konzept des Hirntods. Die pseudowissenschaftlichen Begründungen der Vertreter dieser Hirntod-Kritik werden auf Esoterik-Veranstaltungen, aber auch teilweise in Volkshochschulen verbreitet. Dabei ist diese Kritik am Konzept des Hirntods alles andere als wissenschaftlich berechtigt. Matenaer erklärte, dass die Hirntoddiagnostik zu den sichersten Diagnosen überhaupt gehört und bisher kein Fall publiziert wurde, bei dem sich nach diagnostiziertem Hirntod die Hirnfunktion besserte.

Sozialwissenschaften vs. Naturwissenschaften

Die Philosophiedidaktikerin Bettina Bussmann beschäftigt die Frage, inwiefern das Thema „Gender“ in der wissenschaftlichen Lehre einen Platz finden kann. Aus ihrer eigenen Lehrpraxis an der Universität Salzburg weiß sie, mit welchen Anforderungen Lehrende bzgl. gendergerechter Lehre konfrontiert werden. In ihrem Vortrag ging sie auf den Konflikt zwischen Vertretern und Kritikern der „Gender Studies“ ein.

Foto: Peter Ofenbäck

Bussmann kritisierte, dass die politischen Forderungen der Gender Studies mittlerweile in universitäre Curricula, in Bildungspläne und in Schulbücher Eingang gefunden haben. Foto: Peter Ofenbäck

Die Philosophin bezieht selbst eine kritische Position gegenüber den Genderwissenschaften und lehnte sich inhaltlich hauptsächlich an die Thesen und Erklärungen von Ulrich Kutschera an, der mit seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ unlängst für Aufsehen sorgte. Auch wenn Bussmann inhaltlich an Kutscheras Seite steht, hält sie das polemische Vorgehen des Biologie-Professors für nicht zielführend und möchte sachlich eruieren, wo der Dissens liegt. „Wir haben es eigentlich mit einem Science War zu tun, also einem Kampf darüber, wie eigentlich Wissen konstruiert wird“, beschrieb die Wissenschaftlerin. So beschäftigen sich die Gender Studies, die innerhalb der Kultur- und Sozialwissenschaften angesiedelt sind, mit dem sozialen Rollengeschlecht („Gender“), während es in den Naturwissenschaften um das biologische Geschlecht („Sex“) geht. Diese beiden vollkommen unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen führen zu Missverständnissen.

Hinter dem Vorgehen der Gender Studies steht laut Bussmann die Ansicht, dass die Wirklichkeit durch Praxis entsteht und die Praxis so die Realität bestimmt. Diese sozialkonstruktivistische Sichtweise kritisierte die Referentin und beschrieb die Gender Studies als hauptsächlich politisch motiviert.

Die Referentin ließ die Frage, ob gendergerechte Sprache verwendet werden sollte, offen. Sie machte jedoch darauf aufmerksam, dass Geschlechter-Unterschiede in vielen Disziplinen eine wichtige Rolle spielen und dort dementsprechend bereits erforscht werden. Dass die Genderwissenschaften trotzdem häufig nur innerhalb ihrer eigenen Disziplin zitieren, bezeichnete Bussmann als Immunisierungsstrategie.

Was tun gegen Impfmüdigkeit?

Die Leugnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die Bussmann dem Großteil der Gender Studies attestierte, beschäftigte auch den folgenden Referenten. Philipp Schmid erklärte, dass „Science Denialism“, wie AIDS-Leugnung, Leugnung der Schädlichkeit von Tabak und der Wirksamkeit von Impfungen, zu vielen unnötigen Todesfällen führe. Zur Aufrechterhaltung dieser naturwissenschaftskritischen Positionen werden beispielsweise falsche Experten befragt, unrealistische Erwartungen an wissenschaftliche Forschung gestellt oder selektiv einzelne Forschungsergebnisse herangezogen.

Doch die Leugnung der Wirksamkeit von Impfungen sei nur ein Faktor für die sogenannte Impfmüdigkeit in Deutschland und weiteren Ländern. Oftmals fehle ein Bewusstsein für die Folgen der durch Impfungen vermeidbaren Erkrankungen oder es fänden rationale und individuelle Berechnung von Risiken und Nutzen einer Impfung statt. Die Entscheidungen pro oder contra Impfen fallen dabei laut Schmid oft in Sekundenschnelle.

Gerade die Verzerrung durch eher negative Berichterstattung in Foren, wo von gelungenen Impfungen in der Regel nicht berichtet wird, führe zum Sinken der Impfbereitschaft von Menschen, die sich in Patientenforen informieren. Doch was kann dagegen unternommen werden?

Philipp Schmid hält eine zielorientierte Kommunikation für die richtige Lösung. Die Kommunikation der Tatsache, dass die individuelle Impfentscheidung durch die sogenannte „Herdenimmunität“ Nutzen für die gesamte Gesellschaft birgt, sei wichtig. Empirische Studien belegen, dass die Impfbereitschaft – auch bei hoher Impfquote in der Bevölkerung – steigt, wenn statt des individuellen der soziale Nutzen betont wird. Eine gezielte Kommunikation des Nutzens von Impfungen sei daher sinnvoll und notwendig.

„Wer schön sein will, muss... zahlen?“

Dann folgte Pharmazie-Studentin Claudia Courts, die der Skeptiker-Szene bereits als Bloggerin und Podcasterin bekannt ist. In ihrem Vortrag nahm sie Versprechen von Kosmetikfirmen unter die Lupe. Courts erklärte, dass die notwendige Regeneration der Haut mit zunehmendem Alter immer schlechter funktioniert und aus diesem Grund vor allem Anti-Aging-Produkte so beliebt seien.

Die Studien zur Wirksamkeit kosmetischer Stoffe seien in der Regel nicht aussagekräftig, betonte die Referentin. Die Inhaltstoffe werden dabei in hohen Konzentrationen an Zellkulturen getestet und dann in sehr kleinen, meistens nicht wirksamen Stoffkonzentrationen in Cremes eingesetzt. Das sei zwar unlogisch, jedoch auch beruhigend, denn viele dieser Stoffe wären in hohen Konzentrationen sehr hautreizend. Hinzu komme, dass es kaum klinische Studien zur Wirksamkeit von Anti-Aging-Produkten gibt, stattdessen werden die Selbsteinschätzungen freiwilliger Produkttester als Testergebnisse angegeben.

Foto: Peter Ofenbäck

„Zur Bewerbung von Anti-Aging-Produkten werden häufig pseudowissenschaftliche Neologismen, wie „DNAge“ bei Nivea verwendet“, erklärte Claudia Courts. Foto: Peter Ofenbäck

Bei wissenschaftlichen, doppelt verblindeten Studien hingegen wird nur eine Gesichtshälfte über einen langen Zeitraum mit der zu testenden Creme behandelt und die Faltentiefe gemessen. Diese sogenannten Gesichtshälften-Studien zeigen: Es gibt keine Wundermittel.

„Mimikfalten sind also nicht ‚heilbar‘ – und das ist ja vielleicht auch gut so“, resümierte Claudia Courts. Die wirksamsten Effekte für eine jung erscheinende Haut erziele man also nicht mit teuren Anti-Aging-Produkten, sondern durch Nichtrauchen, viel Wasser trinken, wenig Sonnenbaden und am wichtigsten: ein stressfreies Leben.

Pädagogik zwischen Wissenschaft und Mythenbildung

Im letzten Themenblock der Konferenz drehte sich alles um Pädagogik. Benedikt Wisniewski ist Autor des Buches „Schule auf Abwegen“ und sprach in seinem Vortrag über in der Pädagogik verbreitete Mythen.

Der Referent bezeichnete das sogenannte „hirngerechte Lernen“ als heutzutage weitgehend widerlegt. Methoden, die versprechen zur Vernetzung der beiden Hirnhälften beizutragen, sollte man skeptisch sehen. Wenn eine Lehrkraft beispielsweise jede Stunde drei Minuten für solche Gehirnjogging-Aufgaben opfere, gehe pro Jahr eine Woche Unterricht verloren.

Ein weitverbreiteter Mythos sei außerdem, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen. Diese Annahme sei unsinnig und beruhe auf einem Fehlschluss aus einem Experiment mit Ratten, erklärte der Referent. Viele Schulen werben derzeit auf ihren Websites mit einem „lerntypengerechten Lernen“, wobei es laut Wisniewski keinerlei empirischen Nachweis dafür gibt, dass die Berücksichtigung von Lerntypen irgendeinen Effekt auf den Lernerfolg hätte.

Insgesamt sieht Wisniewski die Fokussierung auf berühmte Pädagogen kritisch und spricht sich gegen eine eminenzbasierte und für eine evidenzbasierte Pädagogik aus. Seit der Hattie-Studie sei bekannt, dass für einen Lernerfolg die Lehrer-Schüler-Beziehung, hohe Erwartungen und möglichst unmittelbares Feedback grundlegend seien.

Der in Bremen arbeitende Lehrer André Sebastiani ging anschließend in seinem Vortrag den PISA-Untersuchungen auf den Grund, die nach wie vor die Bildungsdebatten beherrschen. Sebastiani beschrieb, dass PISA strenggenommen gar kein wissenschaftliches Testverfahren sei, da für den wissenschaftlichen Diskurs die Methoden und Aufgaben der Untersuchung nicht vollständig zur Verfügung stehen. Neben dem nicht erfüllten Transparenz-Kriterium habe der PISA-Test außerdem keine Qualitätskontrolle hinter sich.

In Hinblick auf die PISA-Ergebnisse erwies sich besonders ein Aufsatz der Bremer Professorin für Grundschulpädagogik Ursula Carle als aufschlussreich. In „Blick hinter den PISA-Spiegel: Bayern nicht mehr deutscher Meister“ schaute sich die Pädagogin die Zahlen hinter den Ergebnissen an und räumte mit so manchem Vorurteil auf. So unterscheiden sich beispielsweise PISA-Schlusslicht Bremen und das hochgelobte Land Bayern stark im prozentualen Anteil ihrer Abiturienten (Bremen 31,3 Prozent; Bayern 19,7 Prozent; 1999). Auf diese Weise werde deutlich, dass hier der Leistungsdurchschnitt des bestens Drittels der Bremer Schülerinnen und Schüler mit dem besten Fünftel der Lernenden aus Bayern verglichen wird.

Auch im internationalen Vergleich gebe es eine Menge statistischer Mängel, meinte Sebastiani. So seien die verglichenen 15-jährigen Jugendlichen in einigen Ländern gar nicht mehr schulpflichtig, sodass die schwächeren Schülerinnen und Schüler bereits nicht mehr zur Schule gehen. Auch das Einschulungsalter variiere in den verglichenen Ländern, sodass sich die getesteten Jugendlichen in der Anzahl der Jahre ihrer Schullaufbahn unterscheiden. Insgesamt sei die Vergleichbarkeit der Probandengruppen sowohl national als auch international höchst zweifelhaft, erklärte der Grundschullehrer.

„PISA kostet viel und liefert viele Ergebnisse, bietet jedoch keine Lösungen für den Schullalltag“, lautete Sebastianis Fazit. So helfe PISA beispielsweise nicht beim Finden eines geeigneten Lehrwerks und das für die Vergleichsstudie investierte Geld wäre besser geeignet, um empirisch geprüfte Unterrichtsmaterialien zu erstellen.

SchlauLicht ist der Podcast für Neugierige! Das Podcast-Duo Oliver Bechtoldt und Jörg Sartorius haben gemeinsam mit dem Grundschullehrer André Sebastiani einen wissenschaftlichen Podcast für Kinder (und auch Erwachsene) entwickelt. Alle zwei Wochen erscheint eine Episode zu verschiedenen Themen von der Varusschlacht über Evolution bis hin zu Gruseln. Weitere Infos: www.schlaulicht.info

SkepKon 2017

Das letzte Wort der Konferenz hatte schließlich der Vorsitzende der GWUP, Amardeo Sarma, der alle Besucherinnen und Besucher herzlich zum 30. Jubiläum der SkepKon einlud. Dieses wird vom 29. April bis zum 1. Mai 2017 in Berlin stattfinden – und hoffentlich wieder zahlreiche Interessierte aus ganz Deutschland anlocken können. Denn die Kreativität von Scharlatanen und Pseudowissenschaftlern ist bekanntlich riesig und nur wenige Thesen sind zu abwegig, um nicht wenigstens einige dankbare Abnehmer – oder gar zahlende Käufer – zu finden. Der SkepKon als einem Feuerwerk der kritischen Vernunft und unterhaltsamen Aufklärung wird der Brennstoff daher wohl in der nächsten Zeit nicht ausgehen.

Den ersten Teil des Berichts finden Sie hier: SkepKon 2016 – Spielverderber in Aktion