Direkt zum Inhalt

SkepKon 2016: Spielverderber in Aktion

DruckversionEinem Freund senden
Wo trafen sich Ex-Homöopathinnen, Genmais-Fans und Impfbefürworter, um über Sinn und Unsinn der Gender Studies zu debattieren? Natürlich auf der diesjährigen SkepKon in Hamburg. Die Konferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften lockte wieder ein diskussionsfreudiges Publikum an.
Freitag, 10. Juni 2016
Foto: André Sebastiani

Ex-Homöopathin und Skeptikerin: Natalie Grams berichtete über ihre Abkehr vom Globuli-Glauben. Foto: André Sebastiani

Neben zahlreichen Stammgästen konnten bei der SkepKon 2016 vom 5. bis 7. Mai 2016 in Hamburg auch viele neue Gesichter begrüßt werden. Die Moderatorinnen freuten sich bei der Begrüßung am Publikumstag die verschiedenen Arbeitsbereiche der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) diesen frischen und „kritischen Augen präsentieren zu dürfen“. Mehrere Gebärdensprach-Dolmetscherinnen übersetzten die Vorträge und Moderationsbeiträge am Publikumstag.

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) ist ein gemeinnütziger Verein, der seit 29 Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiv ist. In den einzelnen GWUP-Regionalgruppen bearbeiten die Mitglieder unterschiedliche Schwerpunktthemen. Das Magazin „Skeptiker“, das von der GWUP herausgegeben wird, bietet immer wieder spannende und vor allem kritische Berichte über Paranormales, Verschwörungstheorien und Esoterik. Weitere Infos: www.gwup.de

Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke berichtete im ersten Vortrag der Konferenz von der Vermisstensuche durch Hellseher, die ihre unseriösen Angebote im Internet verbreiten. In einem konkreten Fall, beklagte sich eine Hellseherin darüber, dass sie leider nie von Angehörigen und Polizei kontaktiert werde, obwohl sie den Aufenthaltsort vermisster Kinder „sehe“. Mit dieser Hellseherin führte Benecke eine längere Facebook-Diskussion und stellte schließlich auch eine Anfrage an die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord. In der Antwort wurde beschrieben, dass es keine Zusammenarbeit der Polizei mit Hellsehern, Kartenlegern oder Wahrsagern gebe. Dennoch werde derartigen Hinweisen teilweise nachgegangen, um auszuschließen, dass es sich um einen Täter oder Zeugen handelt, der mit „Täterwissen“ perfide glänzen will.

„Ich bin keine Erfindung der Pharma-Industrie, sondern aus Fleisch und Blut“

Die Ärztin Natalie Grams machte sich mit einer Homöopathie-Praxis selbstständig, die sie mittlerweile geschlossen hat. Im Entstehungsprozess ihres Buches „Homöopathie – neu gedacht“ und in der Auseinandersetzung mit den kritischen Positionen zur Homöopathie wurde die Ärztin schließlich zur Ex-Homöopathin.

Die Referentin hat zwar persönlich positive Erfahrungen mit Homöopathie gemacht – sowohl bei ihren eigenen Kindern als auch bei Patienten – jedoch wiegen für sie die wissenschaftlichen Fakten stärker. Und diese zeigen: Je umfangreicher Studien zu Homöopathie sind, desto deutlicher ist die Übereinstimmung mit dem Wirkungsergebnis bei einem Placebo-Effekt. Dementsprechend beschrieb Grams die Homöopathie als eine tradierte, rituelle Form des Placebo-Effekts, die großes gesellschaftliches Ansehen genieße.

Der Umgang mit Patienten in der homöopathischen Behandlung ist von wesentlich mehr Zeit, Empathie und einer positiven Grundhaltung bei Erstgesprächen geprägt. Die Zuwendung des Therapeuten zum Patienten entfaltet das Potenzial der (natürlichen) Selbstheilungskräfte. Der Wunsch vieler Patienten sei es, im Medizinbetrieb wahrgenommen zu werden und genau diesem Wunsch trage die Homöopathie Rechnung, so Natalie Grams.

„Ärzte und Apotheker können sich doch nicht so irren“

Die Tatsache, dass homöopathische Mittel apothekenpflichtig sind und von Ärzten verschrieben werden, führe zu einem sehr hohen Vertrauen der Bevölkerung in diese alternativmedizinische Form der Behandlung. Diese Feststellung und die Tatsache, dass es nur sehr wenige, ganz neutrale Informationen zum Thema Homöopathie im Netz gibt, führte zur Gründung des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH), welches von Norbert Aust vorgestellt wurde.

Dass Fakten keine Meinung sind, ist laut Grams vielen Menschen nicht klar, die nicht im kritischen Dialog stehen. Daher müsse dieser Unterschied durch gezielte Aufklärungsarbeit deutlicher gemacht werden: „Ich habe gelernt, dass Fakten Fakten sind und dass die Fakten gegen die Homöopathie sprechen.“ Stellung gegen Homöopathie zu beziehen, sei jedoch unglaublich schwer, auch an Hochschulen. Die Homöopathie sei in der Gesellschaft sehr gut verbreitet und daher in den Köpfen etabliert. Daher wird Kritik an Homöopathie laut Grams so wahrgenommen, als würde man etwas Liebgewonnenes wegnehmen wollen.

„Skeptiker zu sein, bedeutet leider auch oft, schöne und interessante Geschichten zu zerstören“

Der Physiker und Wissenschaftsredakteur Florian Aigner stellte anschließend die GWUP als Spielverderber für jegliche Form von Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien vor. Bei den Betätigungsfeldern der GWUP geht es um die Enttarnung von Esoterik und Theoriegebäuden, die im Deckmantel der Wissenschaftlichkeit daherkommen. Aigner erklärte jedoch auch, dass es nicht nur darum gehe, Geschichten zu zerstören, sondern im Gegenteil auch zu betonen, wie schön und sinnvoll es ist, den eigenen Verstand zu benutzen und kritisch zu denken.

Ähnlich wie einst bei der One Million Dollar Paranormal Challenge der James Randi Educational Foundation (JREF) wurden von der GWUP 10.000 Euro für den Beweis einer paranormalen Fähigkeit ausgelobt. Um die paranormalen Fähigkeiten von Anwärtern auf diesen Preis zu testen, werden seit 2004 an der Universität Würzburg die „Psi-Tests“ durchgeführt. Martin Mahner berichtete am Publikumstag von einigen kuriosen Behauptungen, die auf die Probe gestellt wurden: Ob die Mutung eines strahlenden Handys, das Aufspüren von Wasser in einem Eimer mit einer an einem Seil hängenden Zwiebel oder die Wirkungskraft eines homöopathischen Düngemittels auf eine Hefesuspension. „Bei den Psi-Tests ist es besonders wichtig, die Zufallswahrscheinlichkeit auszuschließen“, erklärte Mahner und berichtete, wie schwer es häufig zu vermitteln ist, dass einzelne Treffer bei entsprechender Ratewahrscheinlichkeit nichts zu bedeuten haben. Bisher konnte übrigens niemand den Tests standhalten und seine paranormalen Fähigkeiten unter Beweis stellen.

„Fernheilung von Krebs garantiert, sonst Geld zurück!“

Im nächsten Block des Publikumstages wurden drei Projekte der GWUP vorgestellt. Caroline Snijders und Guido Bock beschrieben das Heilmittelwerbegesetz-Projekt der GWUP. Hierbei geht es um Heiler, die übertriebene Versprechen in den Raum stellen. Das Heilmittelwerbegesetz soll eigentlich vor solch unlauterer Werbung schützen. Bei esoterischen Kleinunternehmen gebe es jedoch häufig gar keine Kontrolle, obwohl gerade hier derartige Heilsversprechen in der Werbung Platz finden und gefährlich sind. Mit dem vorgestellten Projekt wird die Idee verfolgt, Unternehmen mit esoterischen Heilsversprechen systematisch abzumahnen. Zu diesem Zweck kooperiert die GWUP-Regionalgruppe Hamburg mit dem Konsumentenbund, der ein abmahnberechtigter Verein ist.

Aus der Frankfurter GWUP-Regionalgruppe berichtete Oliver Bechtoldt von einem Gegenprogramm zum 2. „Quer-Denken-Kongress“ in Friedberg. Der „Quer-Denken-Kongress“ versammelte Esoteriker und Verschwörungstheoretiker und füllte die ausverkaufte Friedberger Stadthalle mit 1000 Besuchern. Als Referenten waren unter anderem Christoph Hörstel, Eva Herman, Klaus Volkamer und Rüdiger Dahlke vor Ort. Die Skeptiker Rhein-Main veranstalteten darum als Gegenprogramm und gemeinsam mit der Antifaschistischen Bildungsinitiative die „Aktionstage gegen geistige Brandstiftung“, auf denen beispielsweise eine Filmvorführung von Sebastian Bartoschek und den Hoaxillas stattfand und wo es Vorträge von Holm Hümmler und Norbert Aust gab. Bechtoldt betonte, dass man an dieser Kooperation erkennen könne, wie relevant skeptische Themen auch in allgemeiner Gesellschaft und politischem Leben sind.

Das Gespann Hoaxilla aus Alexa und Alexander Waschkau gibt es seit sechs Jahren. Aus dem anfänglichen Podcast-Format gingen schließlich auch „Hoaxilla TV“ sowie die Hoax-Files-Bücher hervor. Das skeptische Duo aus Hamburg nahm knapp 200 Podcast-Episoden auf, die skeptische und wissenschaftliche Themen behandeln und kostenfrei angehört werden können. Weitere Infos: www.hoaxilla.com

„Ich bin der charismatische Guru“

Wie aus „Lorenz Meyer“ ein charismatischer Guru wurde, beschrieb dieser anschließend in seinem sehr amüsanten Vortrag. Der Autor des satirischen Buches „Sheng Fui“ schreibt für Spiegel Online und ist vor allem über seine Facebook-Präsenz bekannt geworden. „Ich habe eine Sekte und betreibe einen Internet-Tempel! Ihr seid alle meine Jüngerinnen und Jünger, egal, ob ihr mit mir befreundet seid oder nicht“, verkündete der Guru.

Foto: André Sebastiani

Lorenz Meyer hat trotz seiner obsessiven Leidenschaft für Katzen, selbst keinen schnurrenden Vierbeiner. Er hat sie nur sehr gern. Foto: André Sebastiani

Meyer erklärte, dass „Spruchbilder“ die Globuli des Internets seien: Sie sind zuckersüß und helfen nicht. Wo man früher Heiligenbilder ins Zimmer gestellt hätte, pinnt die „Generation Facebook“ sich heute als Religionsersatz einen tollen Spruch an die digitale Pinnwand. Dieser „in Textform gegossene Seelenflausch“ enthalte im Prinzip zwei Kernbotschaften: 1. „Akzeptiere dein Schicksal, alles ist vorherbestimmt!“ und 2. „Jeder kann alles, glaub‘ an dich und wenn’s nicht klappt, hast du selbst schuld.“

Warum Wissen nicht vor Täuschung schützt

Der professionelle Zauberkünstler Thomas Fraps lieferte ein unterhaltsames Abendprogramm und rundete den Publikumstag ab. Der Diplom-Physiker kennt sich mit Naturwissenschaften bestens aus und hat in der Vergangenheit an der wissenschaftlichen Erforschung von menschlicher Wahrnehmung mitgearbeitet und dazu sogar die Trickkiste der Zauberkünstler genutzt. In seinem Vortrag stellte er Naturgesetze auf den Kopf und verdeutlichte, dass die menschliche Wahrnehmung mitnichten immer „wahr“ ist.

Persönliche Wahrnehmungen spielen auch bei der individuellen Bewertung von „Genetisch modifizierten Organismen“ (GMO) eine Rolle. Der Molekularbiologe Martin Moder zeigte am zweiten Konferenztag anhand von Daten aus dem Euro-Barometer auf, welche erheblichen Fehlvorstellungen es zu diesem Thema gibt. So gehen nicht wenige europäische Bürger davon aus, dass genetisch modifizierte Organismen immer größer sind, als normale Organismen und dass herkömmliche Tomaten im Gegensatz zu genetisch modifizierten Tomaten keine Gene enthalten.

Foto: André Sebastiani

Der Molekularbiologie und Science Slammer Martin Moder deckte hartnäckige Mythen und Fehlvorstellungen auf, die sich um das Thema Gentechnik ranken. Foto: André Sebastiani

In seinem sehr informativen Vortrag thematisierte der Science-Slam-Europameister von 2014 Vorurteile und Streitpunkte zur Grünen Gentechnik. So berichtete er von einer vielzitierten Studie, die beschrieb, dass „Genmais“ in Ratten Krebs auslöse, jedoch mittlerweile zurückgezogen wurde. Moder erklärte, dass die untersuchten Organismen in dieser Studie spezielle Ratten waren, die eine 50-Prozent-Wahrscheinlichkeit haben, Tumore zu bilden. Schließlich kam der Referent zu dem Fazit: „Es gibt keine wissenschaftliche Veröffentlichung, die eine gesundheitsschädliche Wirkung von gentechnisch veränderten Pflanzen nahelegt.“ So gebe es über 2000 Studien zu der Unbedenklichkeit von Gentechnik.

„Argumentum ad Monsantium“

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist derzeit ein sehr großes gesellschaftliches wie politisches Thema. Moder räumte ein, dass kein Herbizid gesund und Glyphosat im Vergleich sogar weniger toxisch sei und sich schneller im Boden abbaue. Die Vorteile, die sich durch die Nutzung von GMO ergeben, beträfen vor allem Entwicklungsländer, während Berichte in den westlichen Medien beinah ausschließlich negative Effekte suggerieren würden.

Auch der Entomologe Matan Shelomi, der den zweiten Vortrag zu diesem hoch politischen Thema hielt, beschrieb, dass die Gentechnik-Gegnerschaft zum Schaden von Entwicklungsländern führe. Der genetisch modifizierte Goldene Reis etwa ist reich an Beta-Carotin und kann so Leben retten. Es gäbe darüber hinaus noch weitere unbekanntere Pflanzen, die speziell für diese Region entwickelt wurden, wie etwa Bananen gegen Hepatitis B.

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

Die Verbindung von GMO mit großen Konzernen wie Monsanto sei in der Bevölkerung sehr stark und bestimme daher die politische und gesellschaftliche Stimmung. Dabei werden bei weitem nicht alle GMO, wie z.B. der goldene Reis, von Monsanto oder ähnlichen Firmen hergestellt. So gäbe es auch Nichtregierungsorganisationen, die mithilfe von GMO gesellschaftliche Verbesserungen hervorrufen wollen ohne ein wirtschaftliches Interesse zu haben.

Mit dem Argument GMO wären gefährlich für den Menschen, werde ein Anti-GMO-Aktivismus geführt, der gegen eine Landwirtschaft unter Einsatz von genetisch veränderten Pflanzen vorgeht. Dabei sei die Sicherheit von GMO eines der am häufigsten bearbeitete Themengebiete der Welt. So sei sich die Mehrheit der Wissenschaftler, die dieses Thema bearbeiten, über die Unbedenklichkeit von GMO einig. Shelomi betonte sogar, dass GMO die Notwendigkeit von Pflanzenschutzmitteln vermindern und so bei wachsender Weltbevölkerung den Umweltschutz fördern könnten.

Auch Martin Moder sieht die Möglichkeiten der Gentechnik als essenzielle Hilfsmittel für eine nachhaltige Zukunft und prophezeite: „Die Anzahl der benötigten Lebensmittel zur Ernährung der Weltbevölkerung wird sich bis 2050 mindestens verdoppeln. Hierbei ist Gentechnik ein wahnsinnig mächtiges Werkzeug, das eine wichtige Rolle bei der Nachhaltigkeit der Lebensmittelproduktion spielen kann, wenn man es geschickt einsetzt“.

Im zweiten Teil berichtet Anna Beniermann unter anderem über die Entmystifizierung des Nostradamus, wie Esoteriker Organspenden verhindern und zur Herausforderung „Pädagogik zwischen Wissenschaft und Mythenbildung“. Teil 2 erscheint in der nächsten Woche.