Direkt zum Inhalt

„Das war Slammen auf ganz hohem Niveau!“

DruckversionEinem Freund senden
In der zweiten Auflage des Science Slams „Affentheater“ ging es Ende Oktober in Gießen wieder einmal heiß her. Das wissenschaftlich interessierte Publikum war in die Hermann-Hoffmann-Akademie nach Gießen eingeladen und wie schon im letzten Jahr füllte sich der alte botanische Hörsaal bis auf den allerletzten Platz.
Mittwoch, 25. November 2015
Foto: B. Salomon

Foto: B. Salomon

Die Biologiedidaktiker Kirsten Greiten und Julian Roth betraten in Laborkitteln die Bühne und wurden dabei von zwei anderen Affen der Gattung „Gorilla nonsensus“ begleitet. Nach einer herzlichen Begrüßung des Publikums im Saal, sowie an den Geräten zu Hause durch die Moderation, stellte Lehrstuhlinhaber Dittmar Graf das Institut für Biologiedidaktik der Justus-Liebig-Universität Gießen als Veranstalter und die Hermann-Hoffmann-Akademie für junge Forscher vor, die sich jeweils „Wissensvermittlung“ auf die Fahnen geschrieben haben. Wenn man gern über den Sinn des Lebens grübelt, für Selbstbestimmung auch am Lebensende ist, sich als atheistischer Flüchtling in Deutschland befindet oder nicht-kirchlich-heiraten möchte, ist man gut beim Humanistischen Verband Deutschlands aufgehoben, erklärte Anna Beniermann, die den Verband in Hessen als zweiten Veranstalter vorstellte.

Foto: D. Graf

Die Biologiedidaktiker Kirsten Greiten und Julian Roth bildeten das wortgewandte Moderations-Duo. Foto: D. Graf

Dann hieß es wieder „Bühne frei!“ für das hinreißende Moderationsteam. Nachdem die Regularien dem Primaten-Publikum nähergebracht wurden, wurde unter tosendem Applaus die erste Slammerin des Abends auf die Bühne gerufen: Maria Isabel Hagen!

Die Theaterwissenschaftlerin slammte über „falsche und echte Tränen auf der Bühne“ und erklärte, wann Heulen auf der Bühne uns mitreißt. Sie stellte fest, dass Tränen wohl die einzige Körperflüssigkeit ist, die nicht mit einer Spur Ekel behaftet ist und fragte: „Was unterscheidet die Träne von Sperma?“

Foto: D. Graf

Maria Isabel Hagen berichtete lachend über das Heulen. Foto: D. Graf

Vom Theater ging es in die unendlichen Weiten des Star-Wars-Universums. Sabrina Elmshäuser erklärte die helle und dunkle Seite der Hirnchemie. Als Medizinerin vertraut sie dabei nicht nur der Macht, sondern vor allem Hippokrates, der einst feststellte: „Wenn Schlaf und Wachen ihr Maß überschreiten, sind beide böse!“

Ob schlafend oder wach – Buntfußsturmschwalben-Küken haben kein leichtes Leben. „Mir ist kalt!“, jammern die in der Antarktis lebenden kleinen Racker und die Biologin Nadja Küpper beobachtet sie dabei. Anhand dieser flauschigen Vögel erklärte sie Energiespar-Strategien in der Tierwelt.

Danach ging es in die wohlverdiente Pause, in der auch dieses Jahr die Zuschauer mit stimmungssteigernden Getränken versorgt wurden. Moderatorin Kirsten Greiten zog schon jetzt ein erstes Resümee: „Da brat mir doch einer einen Storch! So ein tolles Publikum hatte ich ja schon lange nicht mehr.“ Gleichzeitig mischten sich die Gorillas unter die gesellige Menschenmenge und sorgten für Staunen und Raunen. Sie waren es auch, die am Ende der Pause die vergnügungssüchtigen Vertreter der Spezies Homo sapiens wieder in den Hörsaal trieben.

Foto: M. Braut/S. Halupczok

Artistische Affen heizten in der Pause das Publikum weiter an. Foto: M. Braut/S. Halupczok

Dort angekommen, wurde es ungewohnt still, denn die nächste Slammerin, Anne Nym, verzichtete komplett auf ihre Stimme. Stattdessen legte sie mithilfe vieler Utensilien und ihrem Statisten Eugen eine pantomimische Performance hin, die in der Welt der Science Slams ihresgleichen sucht. Die Neuropsychologie-Studentin erzählte auf diese Weise von ihrer Bachelor-Arbeit – in der sich passenderweise alles um die Bewegungswahrnehmung im Gehirn dreht.

Foto: D. Graf

Anne Nym brachte zum ersten Mal in der Geschichte des „Affentheaters“ einen pantomimischen Beitrag auf die Bühne. Foto: D. Graf

Der erste Mann auf der Bühne an diesem Abend war Michael Siegel aus Marburg. Er promoviert zur Philosophie der Psychiatrie und machte dieses Thema auch zum Inhalt seines Slams. Das ist vor allen Dingen insofern bemerkenswert, da der Protagonist selbst an zwanghaften Wahnvorstellungen leidet: Er fühle sich von zwei haarigen Primaten beobachtet, die ihn von der Bühne zerren und aus dem Weg schaffen wollen.

Aufgrund von Zeitüberschreitung tatsächlich von den Gorillas von der Bühne gejagt, wurde jedoch der zweite Marburger Philosoph des Abends, der als letzter Slammer die Bühne betrat. Matthias Warkus war bereits bei der Premiere des Affentheaters im letzten Jahr dabei und reiste diesmal aus dem fernen Jena an. Ging es im letzten Jahr noch um Löcher, konzentrierte sich der erfahrene Slammer in diesem Jahr auf Haufen: „Ab wie vielen Steinen kann man von einem Steinhaufen sprechen?“ In seinem Vortrag „Existenz: Das gibt’s doch gar nicht“ thematisierte er außerdem Einhörner und anderes, dessen Existenz als absolut zweifelhaft anzusehen ist.

Foto: D. Graf

Aufgepasst! Matthias Warkus erklärt Probleme des „Existenz“-Begriffs. Foto: D. Graf

Im Schnelldurchlauf wurden die einzelnen Teilnehmer und Teilnehmerinnen nun noch einmal den Zuschauern in Erinnerung gerufen. Hier zeigte sich erneut, dass Kirsten Greiten und Julian Roth in absoluter Hochform waren: Eloquent und charmant ließen sie den Abend noch einmal Revue passieren, um im Anschluss den Sieger des Abends zu küren. Mit dem patentierten Applausometer aus dem Gimmick-Fundus Dittmar Grafs bestimmte das Publikum per Beifall, Jubel und Ekstase, wer das Preisgeld von 250 Euro mit nach Hause nehmen durfte.

„Das, liebe Freunde, war Slammen auf ganz hohem Niveau“, urteilte der muntere Moderator Julian Roth. Unter großem Beifall wurde dann schließlich der Philosoph Matthias Warkus als verdienter Sieger des zweiten Science Slams „Affentheater“ geehrt. Beim zweiten Anlauf hatte es nun für ihn geklappt und in seiner Begeisterung kündigte er sogar eine dritte Teilnahme im nächsten Jahr an.

Foto: B. Salomon

Die Giganten der Unterhaltung nach einem amüsanten Abend – Affen, Slammer und Moderatoren. Foto: B. Salomon

Bis es soweit ist, können sich alle Wissenshungrigen die Zeit auf dem „Affentheater“-YouTube-Kanal mit den einzelnen Beiträgen aus dem Vorjahr vertreiben. Und noch vor Weihnachten werden dort auch die diesjährigen Vorträge veröffentlicht.

Da das Interesse am „Affentheater“ die Räumlichkeiten der Hermann-Hoffman-Akademie bei weitem übersteigt – in diesem Jahr waren bereits nach acht Stunden alle Karten weg – wird für das nächste Mal ein Umzug in einen größeren Hörsaal angestrebt. Außerdem soll im Frühjahr 2016 zum ersten Mal ein Schüler-Science Slam in der Hermann-Hoffman-Akademie stattfinden.