Direkt zum Inhalt

Gewichtige Erwartung, paradoxe Erfahrung

DruckversionEinem Freund senden
Was wir über die Welt schon wissen oder zu wissen glauben, beeinflusst nicht nur unser Denken, sondern bereits unser Erleben. „Magische Klötzchen“ im turmdersinne erzeugen eine groteske Wahrnehmungserfahrung.
Samstag, 1. März 2014

Man mag ja glauben, was man will. Aber was man am eigenen Leib erlebt hat, ist doch wohl über jeden Zweifel erhaben! Ist es? Mitnichten. Wir erleben unsere Wahrnehmung zwar so, als ob sie identisch sei mit der Welt, die uns umgibt. Aber wie Kenner dieser Rubrik längst wissen, ist das Wahrnehmungsergebnis kein detailgetreues Abbild, sondern allenfalls ein „Nachbau“ der Außenwelt anhand der Informationen, die unsere Sinnesorgane liefern. Eine Rekonstruktion, geschickt gemacht, aber eben nicht unfehlbar. Nie können wir sicher sein, dass unsere Erfahrungen mit der Außenwelt in allen Punkten übereinstimmen – so überzeugend das Erlebte auch ist oder war.

Eindrucksvolles Beispiel hierfür ist eine verblüffend einfache, faszinierende Gewichtstäuschung im „Herz“ des Nürnberger Hands-on-Museums turmdersinne: die „magischen Klötzchen“. Ihr Name kommt nicht von ungefähr, denn kaum jemand kann sich dem „Zauber“ der unscheinbaren Holzquader entziehen. Hebt man zunächst die beiden aufeinander liegenden Klötzchen mit einer Hand an und versucht gleich danach dasselbe allein mit dem kleineren, oberen Klötzchen, erlebt man eine Überraschung: Das kleinere scheint schwerer zu sein als beide zusammen. Das ist paradox, denn offensichtlich kann ein Teil nicht schwerer sein als das Ganze.

Bild

Unser Gehirn erwartet aufgrund früherer Erfahrungen, dass ähnlich aussehende Körper sich auch im Gewicht gleichen. Demnach müsste das kleine Klötzchen deutlich leichter sein als das große. In Wirklichkeit aber ist es aus einem anderen, deutlich schwereren Material: Es liefert somit allein fast das gesamte Gewicht beider Klötzchen, während das größere Klötzchen darunter kaum etwas wiegt. Die falsche Erwartung führt somit zu einem widersprüchlichen Wahrnehmungseindruck. Dass wir den kleinen Quader nur an einer schmalen Fläche fassen können und deshalb fester zugreifen müssen, verstärkt noch den Eindruck der Schwere des kleinen Klötzchens.

Solche Verfälschung von Erlebnissen durch Erwartungen und „Vor-Urteile“ begleiten uns auch im Alltag. Hoffnungen und Wünsche, aber auch Ängste und Befürchtungen können unbemerkt zur Richtschnur der bewussten Wahrnehmung werden. Abstellen lassen sich derartige Mechanismen nicht – bei den Klötzchen zeigt sich der „magische“ Effekt selbst dann noch, wenn man den Mechanismus der Täuschung begriffen hat. Wir können die Täuschung also nicht ausschalten. Aber wir können uns bewusst machen, dass wir uns täuschen – und zwar unabhängig von der subjektiven Überzeugungskraft des Erlebten.

Illusionen wie die „magischen Klötzchen“ verraten uns mehr über uns selbst als über die Außenwelt. Sie zeigen, dass es nicht immer klug ist, der eigenen Wahrnehmung blind zu vertrauen. Denn manches, worauf wir unsere Überzeugungen gründen, könnte in Wahrheit ganz anders sein. Wenn wir wirklich wissen wollen, wie die Welt beschaffen ist, müssen wir unsere ursprüngliche Wahrnehmung mit geeigneten Methoden kritisch überprüfen.