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600 Jahre Konstanzer Konzil: Humanisten wollen Jubiläum mitgestalten

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Im nächsten Jahr jährt sich das Konzil von Konstanz zum 600. Mal. Das kirchenpolitische Großereignis des ausgehenden Mittelalters soll bis 2018 als ein Jubiläum mit vielfältigen Veranstaltungen und einer europaweiten Ausstrahlung begangen werden. Zur Mitgestaltung und kritischen Begleitung des Konzilsjubiläums sind auch kirchenferne Menschen aufgerufen.
Montag, 30. Dezember 2013
Foto: Bonsira / Wikimedia / CC-BY-SA

Die Figur in ihrer rechten Hand trägt die kaiserliche Reichskrone, die in ihrer Linken eine päpstliche Tiara. Foto: Bonsira / Wikimedia / CC-BY-SA

Auf Händen getragen – und doch der Lächerlichkeit preisgegeben: König Sigismund und Papst Martin V. als winzige Geschöpfe auf dem Präsentierteller der „Imperia“, der Statue im Hafen von Konstanz. Zwei machtgierige Herrscher, die von 1414 bis 1418 am Bodensee zusammenkamen, um die Ansprüche auf weltliche und kirchliche Obrigkeit zu klären. Was der Bildhauer Peter Lenk auf eine amüsante Art und Weise mit seiner 1993 aufgestellten Skulptur darstellen wollte, hat einen ernsten Hintergrund: Das Wahrzeichen, das sich drehend am Ende der Mole allen Besuchern zeigt, steht bis heute als Erinnerung an das Konzil, das sich im 15. Jahrhundert mit Reformen in der Kirche beschäftigen sollte – und am Ende nur wenig Ergebnisse, dafür aber viel Grausamkeiten zurückließ.

Die Kurtisane, die bei ihrer Aufstellung als Kunstfigur besonders unter klerikalen Kreisen erhebliche Kritik verursachte, macht nur auf eine der dunklen Seiten aufmerksam, die die fünfjährige Veranstaltung damals mit sich brachte. So waren es 600 Frauen, die während des Konzils offiziell in die Stadt kamen, um die Bedürfnisse der Tagungsgäste zu befriedigen. Eigentlich wollte die katholische Kirche das abendländische Schisma überwinden, welches innerhalb der lateinischen Konfessionsrichtungen zu einer Spaltung geführt hatte. 1378 war aufgrund von Streitigkeiten ein Gegenpapst ernannt worden. Zum amtierenden Pontifex, Urban VI., wurde gleichzeitig Clemens VII. installiert. Obwohl man sich beim Konzil von Pisa auf die gemeinsame Einsetzung eines neuen Papstes einigen konnte, kam es in der Folge zu neuen Verwerfungen. Um diese endgültig ausräumen zu können, sollte ein neutraler Ort dienen. Konstanz wurde zum Austragungsort einer Versammlung mit tausenden Teilnehmern.

Während des Konzils kam es zu tumultartigen Szenen: Einerseits hatten sich Widersacher der einzelnen Regierenden geweigert, an der Tagung teilzunehmen; andererseits flüchteten mehrere Gesandte und ehemalige Inhaber des Papstamtes, so auch Johannes XXIII., aus Furcht vor neuen Konflikten. Rom-treue Botschafter hielten sich zunächst vollkommen  fern, saß dort doch Gregor XII. in Amt und Würden, der das Konzil von Konstanz nicht anerkannte. Nachdem der aktuelle Papst auf Grundlage eines gemeinsamen Dekrets abgesetzt worden war, befanden 1417 schlussendlich 56 Kardinäle im Konklave zu Konstanz über ein neues Kirchenoberhaupt: Martin V. und alle Anwesenden verabschiedeten 1418 zum Abschluss ihrer Gespräche einen Erlass, der regelmäßig ein neues Konzil vorsah.

gemeinfrei

2015, das „Jahr der Gerechtigkeit“ will den tschechischen Theologen und Reformer Jan Hus würdigen. Hus wurde 1415, wie ein Jahr später sein Landsmann Hieronymus von Prag, als Häretiker verurteilt und verbrannt.

Am Ende trat man in Reformfragen nahezu auf der Stelle, war man doch zu intensiv mit den personellen Querelen beschäftigt. Inhaltlich wurden erst bei der Tagung in Basel Fortschritte erzielt. Bis heute wird an der Versammlung in Konstanz massive Kritik geübt, wobei die Völlerei, die man den Fürsten während ihres „Hausens“ in der Stadt über die fünf Jahre der Zusammenkunft vorwarf, nur das geringste der Probleme darstellen dürfte. Denn immerhin waren zuvor Jan Hus, Hieronymus von Prag und John Wyclif zu Ketzern erklärt worden. Die beiden ersten wurden noch während des Konzils verbrannt, die Gebeine des früher verstorbenen Wyclif ließen die Verantwortlichen ausgraben und ins Feuer werfen. Das Vorgehen führte in Tschechien zu Volksaufständen und löste die sogenannten Hussitenkriege aus. Die Spaltung zwischen katholischer Kirche und Anhängern von Hus und Hieronymus trug unter anderem dazu bei, dass sich viele Menschen in Böhmen im 16. Jahrhundert der protestantischen Bewegung anschlossen.

In Konstanz zeugt bis heute das Konzilsgebäude von dem Ereignis, das die Stadt zwar bekannt machte, sie aber auch unzertrennlich mit Schrecken und Intoleranz in früheren Zeiten in Verbindung bringt. Historisch gesehen prägt die Geschichte der heute über 80.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt kaum etwas so intensiv wie die dramatischen Stunden, die sich ab 2014 zum 600. Mal jähren. Und deshalb stand bereits früh fest, dass bis 2018 ein ganzer Reigen an Festivitäten dazu beitragen soll, Konstanz in Europa als Kulturgut zu verankern, aber auch als Gelegenheit dienen soll, sich mit den Vorkommnissen von damals noch einmal intensiv auseinanderzusetzten. Die Stadt setzte einen Eigenbetrieb ein, um die vielfältigen Interessen, die an ein Programm gestellt würden, ausführlich und mit unterschiedlichen Akteuren zu reflektieren.

Ideen gab es viele: Von einem mittelalterlichen Markt über den Nachbau und die Fertigung von Kulissen, Kleidern und Geräten aus der Konzils-Periode bis hin zu einer Einladung an den mittlerweile abgetretenen Papst Benedikt XVI. war Diverses dabei. Die Partnerstädte sollten mit Videoübertragungen gegrüßt, namhafte Historiker, Politiker und Prominente auf Podien willkommen geheißen werden. Das Konzilshaus restauriert erstrahlen, der Vorplatz aufwändig umgegraben werden. Spätestens am Geld scheiterten zahlreiche der Vorhaben, aber selbst der Landesdatenschutzbeauftragte musste sich mit den Feierlichkeiten befassen – denn Kameras, die Bilder zu den Freunden der Stadt in die ganze Welt entsandt werden sollten, brauchten Auflagen, um Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzten.

Foto: Pixelteufel / CC-BY-SA

Größter erhaltener mittelalterlicher Profanbau in Süddeutschland: Das Konzilgebäude aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert fungiert heute als Restaurant und Tagungsort. Foto: Pixelteufel / CC-BY-SA

Allerhand Wirbel, bei dem letztlich aber vor allem eine Seite involviert war: die Kirchen. In Ausschüssen und Arbeitsgruppen wirken sie ganz vorne mit. Dabei kommen wesentliche finanzielle Zuflüsse vom Land Baden-Württemberg – und die Stadt selbst lässt sich das Spektakel ebenso Einiges kosten. Beim Rechnungsprüfungsamt Konstanz hieß es auf die Frage nach der Transparenz der Mittel nur, man werde dies genauestens im Auge behalten. Dass solch ein scharfer Blick auch für die Inhalte des Jubiläums nötig sein würde, zeigte sich unter anderem, als immer neue Programmpunkte öffentlich wurden. Zwar wollte gerade die protestantische Seite versuchen, den Katholiken zumindest ein Stück weit Selbstkritik an dem abzuringen, was besonders in den letzten Jahren des Konzils und in den darauffolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen im Böhmischen als Folge der gnadenlosen Hinrichtung der Kritiker durch die Kirchen verursacht worden war. Letztlich dürfte aber nichts darüber hinweg täuschen, dass beide Konfessionen wohl eher darauf bedacht sind, eigene Schuld in den Hintergrund zu drängen. Dafür spräche auch der allseits geäußerte „feierliche“ Charakter, den das Jubiläum einnehmen soll. 

Unabhängige Akteure blieben in den Vorbereitungen zunächst ausgespart, obwohl im Gemeinderat der Stadt immer wieder Einwände zu hören waren, wonach eine derartige Veranstaltung nicht ohne Einbeziehung aller gesellschaftlichen Gruppen durchzuführen sei. Anfang 2013 griff dann erstmals die „Humanistische Alternative Bodensee“  (HABO) den Diskurs auf, erreichte jedoch erst nach mehreren Versuchen und einer schriftlichen Nachfrage einen Erfolg: Durch mediale Unterstützung der regionalen Presse sicherte das Organisationsteam dem Sprecher der HABO, Dennis Riehle, zu, Vorschläge für ergänzende inhaltliche Schwerpunkte des Konzilsjubiläums zu prüfen. Dieser hatte gefordert, während den fünf Jahren müsse Platz sein für kritische Stimmen von außen, die weder durch Kirche, noch Veranstalter engagiert worden seien. Zudem mahnte Riehle an, man dürfe das Gedenken nicht vergessen, immerhin habe das Konzil Tod über mehrere engagierte Persönlichkeiten gebracht, für den die katholische Kirche Verantwortung trage. Auch sei der Anreiz zur Verklärung groß und die Botschaft, die sich vom damaligen Konzil bis in die Gegenwart wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kirche ziehe, zu wenig im Programm verwirklicht worden: Wie geht man heute mit Kritikern um? Wie steht es um den Dialog mit „Abtrünnigen“ oder Andersgläubigen? Und welche Reformen sind 600 Jahre nach dem Konstanzer Konzil vonnöten?

Die HABO, die sich als loser Zusammenschluss von Menschen mit humanistischem, atheistischem, agnostischem, freidenkerischem oder konfessionslosem Hintergrund versteht, hatte im Vorfeld ihrer Intervention bei den offiziellen Planern des Konzilsjubiläums bereits Anregungen gesammelt, mit welchen Facetten der Programmablauf bereichert werden könnte. Zusammengefasst wurden diese mittlerweile an die Geschäftsführerin der „Konzilstadt Konstanz“ übermittelt, mit dabei sind unter anderem auch Beiträge, für die noch Unterstützung aus befreundeten säkularen, freidenkerischen und kirchenkritischen Verbänden gebraucht werden kann.

Von Ausstellungen über Vorträge und Lesungen bis zu Podiumsdiskussionen sei Verschiedenes denkbar, so Riehle. Ob letztendlich auch gewollt, das bleibt noch offen. Immerhin werden sich auch die kirchlichen Vertreter im Gremium zunächst äußern und beweisen müssen, wie viel sie in 600 Jahren tatsächlich gelernt haben. Eine Zusage, dass humanistische Programmpunkte willkommen sind, haben die Organisatoren mittlerweile gegeben.