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Erfundene Konturen oder: Pacman trifft Weihnachtsbaum

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Von der Vorstellung, dass unser Bild von der Welt durch eine möglichst originalgetreue Abbildung über unsere Sinnesorgane zustande kommt, haben sich Wahrnehmungsforscher längst verabschiedet. Vielmehr staunen sie immer wieder über die kreativen Fähigkeiten unseres Gehirns, aus spärlichen Sinnesinformationen ein aussagekräftiges Abbild der Welt zu konstruieren. Ein Beispiel für die geniale Schöpfungskraft unseres Wahrnehmungssystems sind die Scheinkonturen des Herrn Kanizsa.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Kanizsa-Dreieck

Kanizsa-Dreieck

Das Bild ist eindeutig: Ein weißes Dreieck liegt über einer schwarz eingerahmten ebenfalls dreieckigen Fläche und verdeckt diese. Jeder von uns kann diese Deutung der abgebildeten Figur mühelos und spontan erkennen. Die überraschende Einsicht erreicht uns erst beim genauen Hinsehen: Es sind gar keine Dreiecke abgebildet! Das einzige, das die Druckerschwärze aufs Papier gebracht hat, sind drei angeschnittene Torten (ältere Semester fühlen sich an das Computerspiel Pacman erinnert) und drei Linien, die jeweils mittig im 60-Grad-Winkel abgeknickt sind. Den Rest konstruiert unser Gehirn. Dabei würden viele von uns schwören, dass das „obere“ Dreieck feine Konturen besitzt und sogar etwas heller ist als das darunter liegende, dessen Umrisslinien doch vom oberen verdeckt sind. Dass dies nicht der Fall ist, merken Sie, wenn Sie Teile des Bildes abdecken.

Entdeckt wurde das Phänomen der Scheinkonturen 1955 von dem italienischen Künstler und Gestaltpsychologen Gaetano Kanizsa. Die Anordnung der drei Kreise, denen ein Segment entfernt wurde, lässt die Gestalt eines Dreiecks erwarten. Unser Wahrnehmungssystem, also das Zusammenspiel zwischen Sinnesorganen und Gehirn, greift diese Suggestion auf und unterstützt uns dabei, das Erwartete zu erkennen: Damit die gesuchte Figur eine vollständige Umrisslinie bekommt, konstruiert es die entsprechenden Ränder postwendend hinzu. Die „feinen Konturen“ sind also eine schöpferische Leistung unseres Gehirns, das sich ins Zeug legt, uns vor Augen zu führen, was erkannt zu werden bedarf. Die imaginäre „Aufhellung“ hebt die Rolle des oberen Dreiecks als „Verdecker“ des zweiten angedeuteten Dreiecks hervor.

Kanizsa-Weihnachtsbaum

Kanizsa-Weihnachtsbaum

Neben Menschen sind übrigens auch einige Insekten in der Lage, die Kanizsa-Konstellation als Dreiecksgestalt zu erkennen. Um dies zu zeigen, dressierte ein australisches Forscherteam Honigbienen zunächst darauf, Dreiecke anzufliegen. Dazu stellten die Forscher Zuckerschälchen in die Mitte derart geformter Umrisse. Nachdem die Tiere gelernt hatten, dass inmitten von dreieckigen Formen Futter wartet, präsentierten ihnen die Wissenschaftler die drei entsprechend angeordneten „Pacmen“. Prompt surrten die Bienen zielsicher zu Kanizsas Pseudo-Dreieck.

Für Insekten und Menschen gilt also gleichermaßen: Mit angebissenen Tortenstücken kann man Tinte sparen und dennoch diverse Dinge zeichnen -etwa einen Weihnachtsbaum, der gar nicht da ist. Eine pfiffige Metapher für einen seltsamen Mythos, der in diesen Tagen wieder die Runde macht und dem es in unseren Breiten irgendwie gelungen ist, die Wintersonnwende für seine religiöse Deutung zu vereinnahmen.