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Freiheit zum Tod

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Ein langes, qualvolles Siechtum in Aussicht, entschied sich Marion M. ihr Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit zu beschleunigen: Sterbefasten. Es ist eine in Vergessenheit geratene Methode, human und selbstbestimmt sein Leiden zu verkürzen. Eine Dokumentation zeigt, wie sie von einem Arzt und ihrer Tochter dabei begleitet wird.
Donnerstag, 28. November 2013
Foto: Medienprojekt Wuppertal

Foto: Medienprojekt Wuppertal

Am 19. November 2013 war in der Urania-Berlin die Premiere des Dokumentarfilms „Sterbefasten – Freiheit zum Tod“ des Wuppertaler Medienprojekts. Gezeigt wurden Interviews mit der 57-jährigen Marion M., die sich entschieden hatte, durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, ihr Sterben zu verkürzen. Wer es ins Loft der Urania geschafft hatte, sah Interviews mit der Sterbewilligen, dem sie begleitenden Arzt und ihrer Tochter, gefolgt von einer Publikumsdiskussion mit Tochter, Arzt, einer Medizinethikerin des Humanistischen Verbandes und dem Filmemacher.

Frau M. war bei einem Urlaub in Indonesien an Amöbenruhr erkrankt. Diese Infektionskrankheit bewirkt blutigen und schleimigen „himbeergeleeartigen“ Stuhl verbunden mit Durchfall, Bauchschmerzen, teilweise hohem Fieber und Krämpfen. Zahlreiche Untersuchungen, mehrere Klinikaufenthalte und sieben Ärzte mit verschiedensten Therapiemethoden konnten ihr nicht helfen. Eine erste 40-tägige Antibiotikabehandlung führte dazu, dass sie auf 40 Kilogramm abmagerte, obwohl sie reichlich Nahrung zu sich nahm. Sie wurde immer schwächer und nach weiteren fünfzehn Monaten Kampf, in denen sie alles versuchte, um wieder gesund zu werden, kam sie zu der Überzeugung, dass sie nicht mehr zu retten war. Sie wollte es nicht zulassen, ein Medizinprojekt mit künstlicher Ernährung zu werden. So hatte sie nur noch den Wunsch nach Schmerzfreiheit und einer „stimmigen Atmosphäre, um gehen zu können“.

Bereits zehn Monate vor ihrem Tod äußerte sie ihrer Tochter gegenüber die Überlegung, ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Bei ihrer Suche nach möglichen Wegen fand sie das Buch „Ausweg am Lebensende“ von Boudewijn Chabot und Christian Walther. Darin wird die Methode des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit als humane, sanfte, würdevolle und selbstbestimmte Möglichkeit beschrieben, das eigene Leiden (und Leben) zu verkürzen. Nach dem Lesen kam sie zu der Erkenntnis, dass es nichts sei, vor dem es sie gruseln würde.

Die Vorstellung, durch Suizid mit Hilfe von Medikamenten aus dem Leben zu scheiden, schien ihr dagegen nicht stimmig zu sein, zumal sie sich nicht sicher war, ihn zum Erfolg führen zu können. Auch die Belastung für ihre Hinterbliebenen und Freunde durch einen gewaltsamen Akt wollte sie nicht verantworten. Sie hatte in ihrem Freundeskreis ein paar Personen, mit denen Sie über ihren Sterbewunsch sprechen konnte, was für sie eine große Hilfe war. Auch das Erstellen einer Patientenverfügung empfand sie als Erleichterung, weil sie damit auf das Einfluss nehmen konnte, was mit ihr dann geschehen würde.

Über mögliches, auf sie zukommendes Siechtum, wollte keiner der sie behandelnden Ärzte mit ihr sprechen, obwohl es auch nach mehreren ausgiebigen Untersuchungen keinen Befund für ihren Zustand gab. So zog sie zwei Monate vor ihrem Tod zu ihrer Tochter nach Berlin, weil diese sie nicht dadurch unter Druck setzen wollte, dass sie innerhalb eines zweiwöchigen Urlaubsbesuchs der Tochter ihr Leben beenden müsse.

Ausschnitt der Dokumentation

Eine Hospizeinrichtung empfahl ihnen, sich an den Humanistischen Verband zu wenden, der einen ehrenamtlich tätigen Arzt vermittelte. Dieser führte vier längere Vorgespräche, um sich von der Ausweglosigkeit der Situation und der Ernsthaftigkeit ihres Sterbewunsches zu überzeugen. Dann legte sie den Beginn ihres Fastens fest. Der Arzt kam alle zwei Tage, um mit ihr zu sprechen und ggf. palliativmedizinisch zu unterstützen. Diese ärztliche Begleitung war für sie eine wichtige Voraussetzung. Während der letzten acht Wochen hatte sie einen sehr intensiven Kontakt zu ihrer Tochter und deren Familie. Ihr Fasten dauerte insgesamt drei Wochen, weil sie gegen den Durst Eiswürfel oder gefrorene Früchte lutschte und so täglich noch ca. 400 ml Flüssigkeit aufnahm, was das Sterben um ca. eine Woche länger machte, als zu erwarten gewesen wäre. Sie erledigte bis zum vorletzten Tag ihre Körperpflege alleine und stand danach nur noch einmal aus dem Bett auf, um sich die Kleidung anzuziehen, in der sie beerdigt werden wollte. Am nächsten Tag schlief sie im Beisein ihrer Tochter und deren Familie friedlich ein.

Die Tochter empfand diesen Weg im Nachhinein als menschlich und auch deshalb vorteilhaft, weil es ihrer Mutter erlaubte, im Kopf klar zu bleiben und Abschied nehmen zu können. Sie war froh und dankbar, dass ihre Mutter ihr die Gelegenheit gegeben hatte, sie zu begleiten. Von all den möglichen Weisen, auf die es hätte geschehen können, war dies die optimale, sagte sie in der anschließenden Diskussion. Der Arzt fügte hinzu, dass wenn Angehörige die Wünsche Sterbender akzeptierten, in der Erinnerung nichts bleiben würde, was einem schade.

Frau M. kann ihren Todeswunsch, aber auch die Verzweiflung über ihren Zustand sehr gut glaubhaft machen. Auch die anderen Protagonisten wirken authentisch und glaubwürdig und behandeln diese schwere Thematik mit Sensibilität, Respekt und unter Wahrung der Würde von Frau M. Der Film ist nicht nur für Menschen zu empfehlen, die selber nach einem Ausweg suchen, sondern auch für Angehörige, Ärzte, Pflegende und Sterbebegleiter.

Dieser Film ist ein aufklärerisches Novum, zumindest im deutschsprachigen Raum, und weckte durch die ungewöhnliche Thematik starkes Interesse. Folglich war die Veranstaltung in der Urania komplett ausverkauft. Über 100 Besucher mussten abgewiesen werden.

Das Medienprojekt Wuppertal konzipiert und realisiert seit 1992 Videos. Seine Zielgruppe sind vorrangig Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 28 Jahren. Umso mehr überrascht es, dass es sich dem Thema Sterben zugewandt hat. Die DVD „Sterbefasten – Freiheit zum Tod“ kann hier bestellt werden: www.medienprojekt-wuppertal.de