Direkt zum Inhalt

Ich, wer ist das?

Druckversion
Gibt es das überhaupt, ein „Ich“? Und in welchem Verhältnis steht der Körper zum Geist? Das war das Thema des diesjährigen Symposiums des turmdersinne.
Mittwoch, 6. November 2013
Foto: Karin Becker / www.bildschön.net

Das Symposium in der Stadthalle Fürth brachte mit rund 700 Gästen einen neuen Besucherrekord. Foto: Karin Becker / www.bildschön.net

Fragen wie diese rütteln an den Grundfesten unseres Selbstverständnisses. Und wenn sich auf einer ganzen Tagung hochkarätige Wissenschaftler mit den aktuellen Forschungen zu Bewusstsein und Selbst auseinandersetzen, darf man spannende Debatten erwarten.

Genau dies war beim Symposium turmdersinne der Fall, das Anfang Oktober in Fürth stattfand. Aufgrund des großen Besucherandrangs hatten sich die Organisatoren in diesem Jahr entschieden, vom traditionellen Veranstaltungsort, dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, in die geräumigre Fürther Stadthalle umzuziehen.

Ein kluger Entschluss. Nicht weniger als 700 Besucher erlebten, wie Psychologen, Hirnforscher und Philosophen sich von ganz unterschiedlichen Standpunkten an das Thema annähern.

Zumindest die Grundfragen gelten heute unter Neurowissenschaftlern als entschieden. Längst hat die Wissenschaft die Vorstellung von einem Geist, der unabhängig von der Materie des Gehirns wirkt, zu Grabe getragen, sie ist lediglich im Glauben noch konserviert. Einigkeit besteht auch darüber, dass das Gehirn über keine zentrale Instanz verfügt. Ein „Ich“ oder „Selbst“ lässt sich nirgends finden.

Feststeht weiter: Unser Gehirn lässt sich wiegen, vermessen und bei der Arbeit beobachten. Auf Basis der Aktivitätsmuster im Hirnscan kann man sogar mit gewisser Genauigkeit auf die Art der Denkaktivität schließen, wie der Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes in seinem Vortrag berichtete. Unter bestimmten Bedingungen lässt sich mit 70-prozentiger Genauigkeit erkennen, ob der Proband gerade eine Additions- oder eine Subtraktionsaufgabe löst.

Bildergalerie (36 Elemente)

Nach Einschätzung von Haynes könnte es sogar irgendwann einmal eine„universelle Gedankenlesemaschine“ geben. Allzu optimistischen Hoffnungen versetzt er dennoch einen Dämpfer. Denn unsere Erfahrungen bestimmen mit, welche Bedeutung wir den Objekten in unserer Umgebung beimessen. Jeder Mensch hat ein anderes semantisches Assoziationsfeld und damit etwas andere Aktivitätsmuster für denselben Wahrnehmungsinhalt.

Und: Auch durch ausgefeilteste Untersuchungsmethoden lässt sich nicht klären, auf welche Weise die Masse in unserer Hirnschale zum Denken, Fühlen und Erleben kommt. Genau genommen, wissen wir nicht einmal, ob andere Menschen phänomenale Erlebnisse, ebenso erleben wie wir. Uns bleibt verborgen, was ein anderer sieht, wenn wir die Farbe Rot wahrnehmen.

„In unserem Kopf geht es anders zu, als uns scheint“, brachte es ein anderer Referent, Wolf Singer, auf den Punkt. Für eine angemessene Darstellung der Vorgänge im Gehirn werden wir auf äußerst abstrakte Beschreibungen zurückgreifen müssen – so abstrakt, dass sie unserer Intuition völlig widerstreben, ist der Neurowissenschaftler Singer überzeugt.

Befindet sich also die Hirnforschung an demselben Punkt wie die Physik vor Entdeckung der Quantentheorie, wie ein Zuhörer in der Diskussion fragte? Eine reichlich optimistische Einschätzung, so der Psychologe und Ethologe Norbert Bischof. Kein Wunder, dass er sich in seinem Vortrag skeptisch gegenüber dem Selbstbewusstsein, mit dem viele Hirnforscher die eine privilegierte Erklärungsmacht beanspruchen.

Doch wie müsste eine wissenschaftlich sinnvolle Annäherung an das Phänomen Bewusstsein aussehen? Gesucht ist nichts Geringeres als eine mathematisch formulierte Theorie zur Erklärung, warum manche Strukturen bewusst sind und andere nicht: Die „integrierte Informationstheorie“ von Giorgio Tononi könnte solch ein Ansatz sein. Demnach braucht es eine bestimmte Dichte von differenzierter und integrierter Information, damit in einem System Bewusstsein entsteht. Ausgehend von diesem Modell wagte sich Eröffnungsreferent Prof. Christof Koch ins Reich der Spekulation. Nach seiner Ansicht könne man „es definitiv nicht ausschließen, dass ein System wie das Internet Bewusstseinszustände hat oder irgendwann erlangen wird.“

Aber ist es überhaupt möglich, aufgrund von Vorgängen im Gehirn mentale Phänomene wie Bewusstsein und Erleben zu erklären? Ein klares Nein kam von Brigitte Falkenburg. Gewiss, die Methoden der Naturwissenschaften funktionieren bestens, räumte die Physikerin und Philosophin ein. Dennoch ist sie überzeugt, dass sich das Bewusstsein einer mechanistischen Erklärung entzieht. Zwar lassen sich Zuordnungen zwischen Hirnaktivität und Erleben vornehmen, so Falkenburg, „aber eine Korrelation ist keine Beziehung.“  

Material zu den Vorträgen des Symposiums turmdersinne 2013: www.turmdersinne.de/de/symposium/symposium-2013/vortragsfolien

Die Beiträge des Symposiums zeigten vor allem eins: die Vielfalt der Annäherungen an ein Forschungsgebiet, das zum einen noch in den Kinderschuhen steckt, und zum anderen tief an das Selbstverständnis des Menschen rührt, ob Wissenschaftler oder Öffentlichkeit. Die Zukunft dürfte für alle Beteiligten Überraschungen bereithalten. Von Mit-Organisator Helmut Fink nach der größten Hoffnung für die nächsten zehn Jahre gefragt, gaben die Referenten ganz unterschiedliche Antworten.

Während Ansgar Beckermann sich einen Abbau der Missverständnisse zwischen Neurobiologen, Philosophen und Psychologen wünscht, plädiert Brigitte Falkenberg für mehr Wissenschaftstheorie in der Debatte. Und Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes hofft, dass die Interaktion mit Philosophen und Wissenschaftstheoretikern nicht destruktiv verläuft, sondern eine konstruktive Richtung bekommt.