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Studien: Gläubige häufiger depressiv, Atheisten öfter high

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Religiöse Menschen neigen eher zur Niedergeschlagenheit als Ungläubige. Das will eine vor kurzem veröffentlichte Untersuchung mehrerer Tausend Personen herausgefunden haben. Eine Studie unter jungen Schweizern zeigt zur gleichen Zeit, dass Atheisten häufiger zu Suchtstoffen wie Nikotin, Cannabis oder harten Drogen greifen.
Samstag, 5. Oktober 2013
Foto: kótai dávid / Flickr / CC-BY-SA

Bong oder beten? Forscher untersuchen die Unterschiede zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen beim Konsum von Suchtstoffen. Foto: kótai dávid / Flickr / CC-BY-SA

Dass die religiösen Überzeugungen von Menschen sich auf ihre Lebensführung auswirken, kann wohl mit gutem Gewissen als unbestreitbar bezeichnet werden. Doch noch längst nicht ist umfassend erforscht, auf welch vielfältige Weise religiöser Glaube bzw. dessen Abwesenheit und das indivuelle Verhalten miteinander in Verbindung stehen.

Wissenschaftliche Untersuchungen in der Vergangenheit deuteten hier unter anderem darauf, dass der Besitz von Vorstellungen über übernatürliche Dinge die Kooperationsfähigkeit unter Gleichgesinnten erhöht und Menschen dazu bringt, signifikant mehr Nachwuchs im Vergleich zu ihren weniger frommen Nachbarn zu erzeugen. Gut belegt zu sein scheint auch, dass die Einbindung in eine religiöse Gemeinschaft die Resizilienz (psychische Widerstandskraft) von Individuen erhöht.

Überraschend könnten deshalb Ergebnisse einer Kohortenstudie unter rund 8.300 Personen aus sieben Ländern wirken, die im Oktober in der Fachzeitschrift Psychological Medicine veröffentlicht wurden. Im Durchschnitt hatten 10,3 Prozent von den Teilnehmern, die sich als religiös bezeichneten, während des Untersuchungszeitraumes eine Depression erlebt, während das gleiche nur bei 7 Prozent unter den Teilnehmern mit atheistischen Überzeugungen der Fall gewesen war. Am höchsten lag dieser Wert bei denjenigen mit einer „spirituellen“ Haltung: 10,5 Prozent erlebten eine depressive Phase. Im Ergebnis stellten die Forscher fest: „Es gab keinen Beleg dafür, dass Religion als Puffer für Depressionen bei schweren, lebensbedrohlichen Ereignissen dient. Die Ergebnisse stützen nicht Ansicht, dass religiöse und spirituelle Lebensansichten das psychische Wohlbefinden verbessern.“

Doch verschaffen sich Menschen, die nicht an religiösen Vorstellungen hängen, vielleicht nur einfach unter Rückgriff auf handfestere Stoffe den notwendigen seelischen Kick, um den Gang durch das emotionelle und mentale Jammertal zu vermeiden?

Solch ein Schluss kann aus den Daten einer anderen Kohortenstudie gezogen werden, deren Resultate in der vergangenen Woche vorgestellt wurden. Für diese Studie wurden Fragebögen von fast 5.400 knapp 20 Jahre alten Männern aus Rekrutierungszentren der Schweizer Armee ausgewertet.

Die vom Schweizerischen Nationalfond geförderte Untersuchung fand heraus: Unter den 543 religiösen jungen Männern rauchten 30 Prozent täglich Zigaretten, 20 Prozent kifften mehr als einmal pro Woche, und weniger als ein Prozent hatte im letzten Jahr Ecstasy oder Kokain konsumiert. Unter den 1650 atheistischen jungen Männern rauchten hingegen 51 Prozent täglich, 36 Prozent kifften mehr als einmal in der Woche und sechs beziehungsweise fünf Prozent hatten im letzten Jahr Ecstasy oder Kokain zu sich genommen. Die drei zwischen den Extrempositionen stehenden Gruppen der „spirituellen“, agnostischen und gegenüber der Gretchenfrage „Unsicheren“ lagen nicht nur mit ihren religiösen Anschauungen, sondern auch mit ihrem Suchtmittelkonsum in der Mitte, hieß es.

Twitter: Zur neuen Studie aus der Schweiz gab es besonders hämische Kommentare.


Für den Leiter der wissenschaftlichen Untersuchung Gerhard Gmel vom Universitätsspital Lausanne zeigten diese Zahlen, dass es sich bei der Erforschung des Suchtverhaltens lohnt, nicht nur Risiko-, sondern auch Schutzfaktoren zu bestimmen. Wie die Zahlen seiner Studie belegen würden, gehöre der religiöse Glaube zu den vor dem Suchtmittelkonsum schützenden Einflüssen. „Ob die Unterschiede zwischen den Gruppen mit moralischen Vorstellungen der Betreffenden oder der sozialen Kontrolle des Umfelds zu tun haben, bleibt aber offen“, hieß es in einer Pressemitteilung zur vorgestellten Studie – und ob der Entzug der Wahrheit ein adäquates Mittel gegen gesundheitsschädlichen Drogenkonsum sein soll, freilich ebenfalls.