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Ein Fehler mit langem Nachgeschmack

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Wie sich eine Fehlinterpretation von amerikanischen Forschern beinahe ein Jahrhundert lang auf unsere Vorstellung von der Geschmacksverarbeitung auf der Zunge auswirkte.
Donnerstag, 18. Juli 2013
Foto: turmdersinne

Ein populär gewordener Irrtum: Süßes ist nur mit der Zungenspitze zu schmecken.

Anfang des 20. Jahrhunderts fand der deutsche Physiologe David Pauli Hänig heraus, dass der Mensch die vier bekannten Geschmacksqualitäten „süß“, „sauer“, „salzig“ und „bitter“ an bestimmten Bereichen der Zunge besser wahrnehmen könne, als an anderen. (Die heute unter dem Namen „umami“ bekannte fünfte Geschmacksmodalität war bis zum Jahrtausendwechsel kaum geläufig, obwohl sie 1908 von dem japanischen Forscher Kikunae Ikeda postuliert und benannt wurde.)

Bei bitter ist dieser besonders empfindliche Bereich an der Zungenbasis, sauer und salzig lassen sich am Zungenrand am besten schmecken, süß an der Spitze des Geschmackorgans. Das entscheidende Detail: Dies waren nur die Spitzenwerte für die einzelnen Geschmacksrichtungen. Hänig schrieb explizit, dass die jeweilige Geschmacksqualität „an allen Punkten der Zungengeschmackszone empfunden wird, aber in abgestufter Intensität.“ Aber gab es da nicht noch diese Abbildung, die die menschliche Zunge mit bestimmten klar abgegrenzten Geschmacksfeldern zeigt?  Ja, die gibt’s. Aber Hänig hat sie nicht gekannt.

Bild: turmdersinne

Abbildung 1.

Woher kommt also diese „Zungenlandkarte“? (Abb. 1.) 40 Jahre nach Hänigs Studie bekam sie der renommierte Psychologiehistoriker Edwin Garragues Boring in die Hand. Wohl mangels deutscher Sprachkenntnis überlas er allerdings die Details und missinterpretierte die Darstellungen des deutschen Kollegen. Boring kam zu dem Schluss, süß sei ausschließlich an der Zungenspitze zu schmecken, die anderen bekannten Geschmacksrichtungen ebenfalls nur an den Orten auf der Zunge, an denen sie laut Hänig eigentlich nur ihre Intensitätsmaxima besäßen. Einmal in die Welt gesetzt, wurde dieses Ergebnis in vielen Lehrbüchern kritiklos übernommen und immer wieder ungeprüft in Folgeauflagen übertragen.

Einen ersten Korrekturversuch unternahm 1974 die amerikanische Psychologin Virginia Collings, die die entstandenen „Geschmacksflecken“ der Zungenkarte mit der experimentellen Bestätigung von Hänigs ursprünglichen Ergebnissen zu tilgen versuchte (vgl. Abb. 2). Die eigentlich über 100 Jahre alte Erkenntnis, die Besucher im Nürnberger turmdersinne mit eigens dafür bereitgestellten Schmeckstreifen an der eigenen Zunge ausprobieren können (vgl. Foto), setzt sich erst allmählich auch wieder in den gängigen Lehrbüchern durch.

Abbildung 2.

Abbildung 2.

Diese wissenschaftshistorisch bedeutsame Anekdote verweist auf zwei Wesensmerkmale der Wissenschaft. Erstens ist bei aller Methodensorgfalt zu berücksichtigen, dass im Forschungsprozess immer Menschen beteiligt sind – mit all ihren (allzu)menschlichen Defiziten, Irrtümern und Missverständnissen. Unter diesem „menschlichen Irrtumsvorbehalt“ ist alle wissenschaftliche Erkenntnis zu betrachten. Zweitens gibt es wirksame Korrekturmechanismen: Erkenntnisse müssen stets kritisch geprüft, Experimente wiederholt, Ergebnisse repliziert werden, wenn das Projekt Erkenntnisgewinn voranschreiten soll. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind also fehlbar – ob uns das nun schmeckt oder nicht. Aber sie sind und bleiben die verlässlichsten, die uns Menschen überhaupt zur Verfügung stehen.