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Sehen, was wir kennen: Die „Thatcher-Täuschung“

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Wir Menschen sind Spezialisten beim Erkennen von Gesichtern. Dies führt zu einem verblüffenden Wahrnehmungseffekt, der auf kuriose Weise mit einer britischen Staatslenkerin verknüpft ist.
Dienstag, 25. Juni 2013
Thatcher-Illusion

Thatcher-Illusion: Die beiden in falscher Orientierung ähnlich erscheinenden Gesichter erweisen sich als völlig unterschiedlich, wenn sie richtig herum angesehen werden.

Am 8. April verstarb mit Margaret Thatcher eine der einflussreichsten und umstrittensten Staatsführerinnen der europäischen Nachkriegsgeschichte. Sie regierte das vereinigte Königreich von 1979 bis 1990. Was die wenigsten wissen: Die „Eiserne Lady“ hat sich unfreiwillig auch in einer ganz anderen Disziplin einen Namen gemacht – der Wahrnehmungspsychologie.

Zurück geht die Geschichte auf den Spieltrieb eines Psychologen, der die Geschichte der beobachteten Illusion 1980 in der renommierten Fachzeitschrift Perception veröffentlichte: Peter Thompson experimentierte an der Universität im britischen York mit ausgedruckten Portraitfotos, die er auf seinem Schreibtisch mit der Schere zerschnitt und auf neue Weise wieder zusammenfügte. Vor einigen Jahren erzählte Thompson in einem Vortrag in Nürnberg, wie er Augen und Mund eines Portraitfotos der damals regierenden Premierministerin ausgeschnitten und umgekehrt wieder zusammengesetzt hatte. Dabei entstand eine gleich auf den ersten Blick abschreckend wirkende, erkennbar grausig anmutende Monsterfratze. Als er nach einer Pause zu seinem Schreibtisch zurückkehrte, traute er seinen Augen kaum: Von der anderen Seite des Tisches war die Monsterfratze gar nicht mehr als solche zu erkennen. Um 180 Grad gedreht wirkte das manipulierte Bild nicht viel anders als das Originalfoto. Die groteske Verzerrung war wie von Geisterhand verschwunden.

Wie kann das sein? Sind unsere Sinnesorgane nicht dazu da, die Welt in unserem Kopf abzubilden, möglichst authentisch und originalgetreu? Weshalb sollte die Orientierung eines Bildes da eine Rolle spielen? Thompsons Spielerei entlarvt den Wahrnehmungsvorgang auf eindrucksvolle Weise als aktiven Prozess, gesteuert durch unsere Vorerfahrungen. Gesichter begleiten unsere Wahrnehmungswelt von Geburt an. Schon kleinste Verfälschungen eines Normgesichtes fallen uns unmittelbar ins Auge. Gesichter jedoch, die auf dem Kopf stehen, kommen in unserer Erlebniswelt eher selten vor. Von ihnen haben wir kein durch zahlreiche Erfahrungen geformtes Modell im Kopf. Der extreme Bildunterschied zwischen korrektem und verfälschtem Portrait ist daher falsch herum nicht annähernd so drastisch wie in der korrekten Orientierung (siehe Abbildung).

Was mit jedem geeignet aufgenommenen Portrait funktioniert, ist kurioserweise untrennbar mit Thompsons Mustervorlage verbunden. Der Begriff „Thatcher-Täuschung“ hat sich für diesen verblüffenden Effekt in der wissenschaftlichen Literatur etabliert.

Ganz ähnlich verhält es sich übrigens, wenn wir Gesichter sehen, die sich von den Erfahrungen unserer Wahrnehmungswelt unterscheiden. Fremdländische und daher unbekannte Gesichter, etwa asiatischer Erscheinung, sind für Europäer oft schwer unterscheidbar. Umgekehrt sehen für Chinesen Europäer irgendwie alle gleich aus, zumindest wenn sie selten mit Visagen aus unseren Breiten konfrontiert werden.

Was wir über die Welt bereits wissen, bestimmt also, was wir wahrnehmen. Ungewohnte Dinge erkennen wir schlechter, anders oder manchmal vielleicht auch gar nicht. Schon unsere Wahrnehmung erfolgt also niemals voraussetzungslos, sondern wird ganz erheblich von Erfahrungen mitbestimmt, die wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben. Bewusst ist uns dies während des Wahrnehmungsvorgangs nicht, aber wir sollten bereit sein, daraus zu lernen – selbst von Margaret Thatcher.