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Atheistische Heiligtümer gesucht

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Laut Eurobarometer sind zwei Drittel der Berliner frei von Konfession und Glauben. Aber glauben diese Menschen wirklich gar nichts? Diese und andere Fragen stellen sich die Macher und assoziierten Mitarbeiter des "Labors für kontrafaktisches Denken" in Berlin. Für eine Ausstellung sind sie auf der Suche nach atheistischen und agnostischen Reliquien.
Montag, 6. Mai 2013
Wer's glaubt wird selig

Ankündigung der geplanten Ausstellung auf der Seite des Labors für kontrafaktisches Denken | Screenshot

Das so genannte Labor für kontrafaktisches Denken in Berlin, dessen Unterstützer sich selbst auch „zu dieser ungläubigen Gruppe" zählen, will im Dezember eine Ausstellung eröffnen, die sich mit der Frage „Woran glauben Atheisten" beschäftigt. Unter dem mehrdeutigen Titel „Wer's glaubt wird selig" wollen die Macher des Labors zweieinhalb Wochen lang atheistische und agnostische Reliquien in den Sophiensaelen präsentieren.

Ausgangspunkt ist eine Art Selbstbefragung, die auch auf andere übertragen werden soll: Glauben wir und andere Atheisten nun tatsächlich an nichts? Welche Rolle spielen Begriffe wie Schuld, Buße, Gebet, Gelübde, Gemeinschaft, Moral in unseren Weltbildern, was gibt es für Todes- und Jenseitsvorstellungen? Ist die Religionszugehörigkeit überhaupt ein Gradmesser für Gläubigkeit oder verschwimmen die Grenzen zwischen Glauben und Unglauben heute ganz woanders? Dies sind nur einige der Fragen, die die kontrafaktischen Laboranten ergründen wollen.

Was sind das eigentlich für Leute? Sie beschreiben sich selbst mit den folgenden Worten: „Aufgewachsen in mehr oder weniger engen katholischen, evangelischen oder quasireligiösen sozialistischen Zusammenhängen - inzwischen postmodern geschult und künstlerisch tätig." Diese Tätigkeit führt nun zu diesem einzigartigen Kunstprojekt, das nun Klarheit in diesen Fragen schaffen will.

Nachdem in der Vergangenheit die Ehe, der Konjunktiv und parallele Wirklichkeiten kontrafaktisch gegen den Strich gebürstet wurden, ist nun die atheistische Ungläubigkeit an der Reihe. Ganz nach dem Motto: „Nichts ist vor einem kontrafaktischen Zugriff sicher". Im 2007 gegründeten Labor für kontrafaktisches Denken soll die Realität kontrafaktisch unter der Option eines „Als Ob" gedacht und verändert werden. Dinge die angeblich so sind wie sie sind, sollen aufgelöst und anders betrachtet werden.

Labor für kontrafaktisches Denken

Kunst darf alles! Das nehmen die Macher durchaus wörtlich. Um möglichst viele Antworten auf die Frage, woran Atheisten glauben, zu bekommen, wollen die Macherinnen des Labors, Julia Schleipfer und Peggy Mädler, Interviews mit Atheisten und Agnostikern führen, einen atheistischen Pilgerweg in Kreuzgangform durch Berlin konzipieren – der in Form eines atheistischen Stadtplans beim Humanistischen Verband schon in Grundzügen vorliegt – und eine große atheistisch-agnostische Reliquiensammlung ausstellen. In deren Hintergrund sollen die Interviews im Wechsel auf einem „Leinwandtryptichon" gezeigt werden.

Man merkt schon: Mit Einordnungen in einen quasireligiösen Kontext soll alles dafür getan werden, die Aufklärung wieder etwas zu verklären bzw. kontrafaktisch querzudenken. Das Phänomen der Patchwork-Religiosität der Moderne wird hier mit einem Augenzwinkern, wenngleich nicht ohne Ernst, aufgegriffen. Schließlich glaubt selbst der strengste Atheist spätestens beim Thema Liebe an etwas Irrationales (zumindest wäre das jedem zu wünschen). Und mancher womöglich auch schon in anderen Angelegenheiten an etwas anderes. All diese "gläubigen" Atheisten und Agnostiker sind nun aufgerufen, das vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Projekt zu unterstützen.

Für die Ausstellung werden nun Reliquien gesucht. Darunter sind zum Einen persönliche Schutz- oder Glückbringer, zum Zweiten Gegenstände oder Körperteile (!) atheistischer Verehrung im Sinne eines Personenkults oder drittens Gegenstände, die Atheisten bzw. Agnostikern aus bestimmten Gründen heilig sind oder Zeugnis von etwas geben, das sie als heilig empfinden, zu verstehen. Unter der ersten Kategorie sind also Talismane und Glücksanhänger oder ähnliches im weitesten Sinne zu verstehen. Die zweite Gruppe der Reliquien können wahrscheinlich nur diejenigen bedienen, die eine Locke von Jean-Jacques Rousseau, einen Fingernagel von Immanuel Kant oder ein verschwitztes T-Shirt von Richard Dawkins in ihrer Glasvitrine aufbewahren. Und hinsichtlich der Glaubenssymbole können wohl vor allem die Pastafaris Material liefern – obwohl da schon die Frage besteht, ob diese überhaupt zu den Atheisten und Agnostikern gehören. Ein eigens angefertigter Erklärungsbogen gibt im Zweifel Hilfestellung, was die einzelnen Reliquien und ihre Einordnung betrifft.

Wer in diesem Sinne etwas Heiliges beisteuern kann, der ist aufgerufen, per E-Mail ein Foto seiner Reliquie mit dem ausgefüllten Reliquienfragebogen an das Labor für kontrafaktisches Denken zu schicken. Anhand des Fotos werden die Reliquien nach Auskunft des Labors eigenhändig nachgebildet bzw. adäquat ersetzt und mit den entsprechenden Daten aus den Fragebögen beschriftet. Das Ganze erfolgt natürlich streng anonym.

In der Ausstellung soll die Reliquiensammlung in Form eines großen naturwissenschaftlichen Objektkastens präsentiert werden, der von der Vielfalt und Verschiedenheit seiner Gegenstände lebt. „Deshalb freuen wir uns sehr, wenn ihr für uns Gedächtnis, Schränke wie Regale durchstöbert und die Reliquien eurer atheistischen bzw. agnostischen Alltagspraxis aus ihren zahlreichen Verstecken ans Tageslicht holt", heißt es in dem Aufruf, der derzeit per E-Mail kursiert. Man darf gespannt sein, was dabei alles zutage befördert wird.