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Die kühnsten Erwartungen übertroffen

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Am vergangenen Freitag feierte das Hands-on-Museum turmdersinne in Nürnberg sein zehnjähriges Jubiläum.
Freitag, 22. März 2013
Foto: Karin Becker / bildschön.net

Geschäftsführer Rainer Rosenzweig dankte im Namen des turmdersinne-Teams allen Freunden und Förderern. Foto: Karin Becker / bildschön.net

Das hätten sich die ehrenamtlich Aktiven vom „Arbeitskreis turmdersinne“ wohl kaum träumen lassen, als sie Mitte bis Ende der 1990er Jahre die ersten Pläne für ein Museum mit Wahrnehmungstäuschungen zum Ausprobieren schmiedeten. Kein Kuriositätenkabinett sollte es werden, sondern ein didaktisch durchdachtes kleines Science Center, in dem die Besucherinnen und Bescher spielerisch die Funktionsweise der Sinnesorgane und deren Zusammenspiel mit dem Gehirn kennenlernen.

Im Jahr 2003, mit Eröffnung des Erlebnismuseums turmdersinne am Westtor der Nürnberger Stadtmauer, wurde die Vision zur Realität. Seit zehn Jahren lädt die Einrichtung die Besucher zum Experimentieren, zum „Erleben, Staunen und Be-greifen“ – so das Motto – ein: Wahrnehmung gleichermaßen als Thema und Methode. Vor allem eines sollte die Ausstellung vermitteln, erklärt Dr. Rainer Rosenzweig, Geschäftsführer der gemeinnützigen turmdersinne GmbH, „dass unser Bild von der Welt nicht immer so zustande kommt, wie wir das vielleicht meinen“. Statt die Welt einfach abzubilden, konstruiert das Gehirn sie aus den eintreffenden Sinnesdaten. Aus evolutionärer Sicht bringt dieses Verfahren zahlreiche Vorteile mit sich, doch in bestimmten Sonderfällen führt es zu verblüffenden Täuschungseffekten. Der turmdersinne macht diese Phänomene erlebbar und zeigt Wege auf, wie wir trotz der Täuschungsanfälligkeit unseres Wahrnehmungsapparates an verlässliche Erkenntnisse gelangen können.

Auf den Tag genau zehn Jahre nach Eröffnung feierte der turmdersinne am vergangenen Freitag das Jubiläum seines Hands-on-Museums mit einem Galaabend. Und mehr als 200 Gäste feierten mit. Anlass für Rainer Rosenzweig, einen Blick zurückzuwerfen auf die Anfänge des Projekts, als die Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg grünes Licht für die Museumsfinanzierung gegeben hatte. „Das Herz sprang mir vor Freude zunächst bis zur Gurgel, um mir dann unverzüglich und krachend in die Hose zu rutschen“, erinnert sich Rosenzweig noch heute lebhaft. „Trotz Freude und Euphorie schlotterten mir die Knie angesichts der Herausforderung und Verantwortung, die ich in diesem Moment empfand.“ Kein Wunder, schließlich hatten Rosenzweig und seine Kollegen vom „Arbeitskreis turmdersinne“ bereits seit 1995 von solch einem Museum geträumt.

Das die Idee Potenzial besaß, daran zweifelte schon damals niemand von ihnen. Und doch hat der Erfolg die kühnsten Erwartungen übertroffen. Von 15.000, allerhöchstens 18.000 Besuchern jährlich waren die Organisatoren anfangs ausgegangen – heute kommen jedes Jahr rund 30.000 Gäste in das mit nicht mehr als 120 Quadratmetern wohl kleinste Science Center der Welt. Eine ganze Tonne Traubenzucker (erkennt man das Aroma auch ohne Nase?) und 1,2 Millionen Schmeckstreifen – ein exklusiv für den turmdersinne hergestellte Träger für Schmeck-Experimente – wurden in dieser Zeit verbraucht.

Foto: Karin Becker / bildschön.net

Foto: Karin Becker / bildschön.net

Und nun wurde ordentlich gefeiert, mit jazziger Musik von Pianistin Hildegard Pohl und Percussionist Yogo Pausch. Die Besucher konnten sich außerdem auf einen Meilenstein der Wahrnehmungsforschung freuen. Prof. Dr. Peter Wittmann, Juniorprofessor am Friedrich-Baur-Institut der LMU München und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des turmdersinne, seine Entdeckung, das „Parfs –Phänomen“. Parfs, so erfuhren die Zuschauer, ist ein Akronym aus „Peripheral Attention Reduction by Foveal Signals“. Moment – Sie haben noch nie von dieser Illusion gehört? Wäre auch erstaunlich, denn sie stellte sich im Lauf des Abends als eine Erfindung des Unterhaltungskünstlers Thomas Fraps heraus, der das Publikum in der Rolle des falschen Wissenschaftlers ebenso unterhielt wie mit verblüffenden Zaubertricks. Dem Entsetzen des Publikums über den skurrilen „Festredner“ und dessen grotesk überfrachteten Fachvortrag folgte die Erleichterung über diesen raffiniert in Szene gesetzten Fake, gefolgt von tosendem Applaus für den sympathischen Künstler.

Doch auch ganz handfeste Premieren wurden zum Start ins zweite Museums-Jahrzehnt vorgestellt. So macht nun ein neues Image-Video den Turm und seine Attraktionen in eineinhalb Minuten erlebbar.

Flyer

Ein Stückchen Hands-on-Museum zum Mitnehmen verspricht das ambitionierte Projekt „MEIN turmdersinne“, das von der Zukunftsstiftung erneut unterstützt wird und dessen Planungen an diesem Abend ausschnittsweise vorgestellt wurden. Ein kurzer Videoclip vom Besuch im Ames-Raum oder ein Bild vom eigenen Gesicht als Objekt der Thatcher-Täuschung – dies und vieles mehr können die Museumsgäste demnächst kostenfrei als Datei erhalten, wenn sie den turmdersinne besuchen.

Natürlich führt der turmdersinne auch im Jubiläumsjahr seine beliebten Veranstaltungsreihen fort. So beschäftigen sich im Frühjahr und Sommer wieder eine Auswahl renommierter Referentinnen und Referenten in die beiden Reihen „Von Sinnen“ und „Außer Sinnen“ mit Wahrnehmung und Gehirn, Paranormalem und Skepsis. Zum Auftakt verortet am 26. März der Gießener Biophilosoph Eckart Voland unsere Wahrnehmung zwischen Konstruktion und (überlebenswichtiger) Realitätsabbildung.