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Fehlende Standfestigkeit: Sinne im Gleichgewicht

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Im Sport ist es unerlässlich, das Gleichgewicht. Lange Zeit glaubte man, dass die Informationen über das Gleichgewicht ausschließlich von den Rezeptoren in Gelenken und Muskeln kommen sowie vom Gleichgewichtssinn (Vestibulärsinn). Dies ist ein Sinn mit Sitz im Innenohr des Menschen, wo sich in einem Röhrensystem eine Flüssigkeit als träge Masse je nach Körperhaltung bewegt.
Samstag, 27. Oktober 2012

Erst seit 1966 zählt man auch das Sehen zu den propriozeptiven Sinnen, also zu denen, die uns Auskunft über die Position unseres Körpers im Raum geben. In der Entwicklungsgeschichte dürften sich die visuellen und motorischen Systeme gemeinsam entwickelt und dabei gegenseitig beeinflusst haben.

Sinne im Gleichgewicht 1

Gleichgewichtswand Abb. 1

Wird das bewährte Zusammenspiel von Seh- und Gleichgewichtssinn nun allerdings künstlich gestört, so sind die Folgen frappierend, erlebbar im turmdersinne: Sobald die „Gleichgewichtswand" im fünften Stock nur ein winziges Stück zur Seite geschoben wird, kommen auch konzentrierte Besucher aus der Balance. Irgendwann erwischt es jeden, der sich auf einem Bein vor die bewegliche Wand stellt und auf die Längsstreifen schaut, während ein Partner die Streifenwand langsam in vertikaler Richtung bewegt.

Nicht nur eine einzelne Wand wie im turmdersinne, sondern einen kompletten „Schaukelraum" entwarfen Wissenschaftler in einem eindrucksvollen Experiment im Jahr 1974. Nur der Boden war fest montiert, der gesamte „Aufbau" aus Decke und Seitenwänden konnte verschoben werden, sodass für Menschen im Raum-Inneren der gleiche visuelle Reiz entstand wie beim Vor- und Zurückschwingen des eigenen Körpers.

Sinne im Gleichgewicht 2

Gleichgewichtswand Abb. 2

Das Wirken künstlicher, durch Verschieben des Schaukelraum-Aufbaus hervorgerufener Fließmuster untersuchten die Forscher zunächst anhand der Reaktion von 13 bis 16 Monate alten Kleinkindern. Dabei versuchten die Kinder, vermeintliche Veränderungen der Körperposition jeweils auszugleichen. Die Körperbewegungen waren so ausgeprägt, dass 33 Prozent der Kinder dabei zu Boden fielen. Auch Erwachsene ließen sich vom Schaukelraum narren – ohne dass sie die Ursache bewusst bemerkten.

Diese Beispiele sind weitere Belege für das ausgeklügelte System unserer Wahrnehmung. Es funktioniert ganz ohne unser bewusstes Zutun, unwillkürlich und in bewährter Weise. Aufgedeckt und messbar werden diese zumeist sehr gut automatisierten Mechanismen nur durch Tricks findiger Wissenschaftler in ausgeklügelten Wahrnehmungsexperimenten.

Ein reflektierter Humanismus sollte nun – durch solche Erkenntnisse inspiriert – subjektives Erleben als solches erkennen und die Hybris einer „unfehlbaren Wahrnehmung" ersetzen durch ein selbstkritisches Bewusstwerden der eigenen Täuschbarkeit.