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Die kritische Kamera

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Im Rahmen des fünften europäischen Monats der Fotografie veranstaltet die Gesellschaft für Humanistische Fotografie ihre diesjährige Jahresausstellung unter dem Titel "THE CRITICAL CAMERA" in der Galerie Nord in Moabit. Die äußerst sehenswerte Ausstellung zeigt einen wichtigen Ausschnitt der international bedeutenden sozialen Dokumentationsfotografie.
Dienstag, 23. Oktober 2012
Humanistische Fotografie

Von Nina Berman sind Fotografien aus der Serie "Purple Heart" zu sehen | Foto: Thomas Heinrichs

Die Gesellschaft für Humanistische Fotografie wurde 2006 von sozial engagierten Fotografinnen und Fotografen gegründet, die damit auf die zunehmende öffentliche Verdrängung dokumentarischer und künstlerischer Fotografie, die sich mit sozialen Themen beschäftigt, reagierten. Die Gesellschaft hat es sich zum Ziel gesetzt dieser Fotografie ein öffentliches Forum zu schaffen und Fotografinnen und Fotografen dabei zu unterstützen weiterhin an sozialen Themen zu arbeiten und dafür Veröffentlichungsmöglichkeiten zu finden.

Mit der vom Kunstverein Tiergarten betriebenen Galerie Nord hat die Gesellschaft für humanistische Fotografie dabei für ihre Jahresausstellung 2012 einen Partner gefunden, der seit nunmehr fast 10 Jahren in der Turmstraße immer wieder auch Ausstellungen von Kunst mit einem politischen und sozialen Anspruch veranstaltet. Die Ausstellung zeigt Fotografien von Nina Berman, Enrico Fabian, Leona Goldstein, Robert Knoth und Katharina Mouratidi. Allen Bildern ist ein erklärender Text beigegeben.

Nina Berman ist eine weltweit bekannte amerikanische Fotografin, die vor allem an Dokumentation über die politische und soziale Themen in den USA arbeitet. Die hier ausgestellte Serie "Purple hearts" zeigt Irakkriegsveteranen, die im Krieg verstümmelt worden sind. Purple heart heißt der Orden, den die US Armee Soldaten verleiht, die durch Kriegsverletzungen Körperteile verloren haben. Die Soldaten wurden zu Hause, im Krankenhaus oder in den Armeestützpunkten von Nina Berman interviewt und fotografiert. Die Bilder und beigefügten Texte zeigen die nicht nur körperlichen Verletzungen der Soldaten und ihre individuellen Versuche, einen Weg zu finden, damit weiterzuleben. Wie bei allen hier gezeigten Projekten sind auch ihre Bilder geprägt von einem respektvollen Miteinander zwischen Fotografin und Fotografiertem. Es handelt sich nicht um eine Curiositätenschau, sondern um die Dokumentation würdevollen Lebens trotz der Zeichnungen durch den Krieg.

Enrico Fabian dokumentiert in seinem Projekt "Auf den Spuren des Abfalls" das Leben der Müllsammler Indiens. Das Recycling des Mülls von Neu Delhi ist die Lebensgrundlage der ärmsten Mitglieder der indischen Gesellschaft, die gewissermaßen in und vom Müll leben. Die Bilder wecken in dem Betrachter die wohl nicht immer spontan vorhandene Achtung vor den Menschen, die diese sozial wichtige aber zumeist kaum anerkannte Arbeit leisten.

Humanistische Fotografie

Was Armut anrichtet, ist auf Robert Knoths Serie "Certificate.no 000358/" zu sehen | Foto: Thomas Heinrichs

Leona Goldstein zeigt mit "displaced" die Hoffnungslosigkeit der Flüchtlinge vor den geschlossenen Grenzen der europäischen Union. Mit Stacheldraht werden die Grenzen geschlossen und Menschen, die in ihren Ländern u.a. auch aufgrund der Exportpolitik der EU keine Lebensperspektive mehr sehen, außen vor gehalten. Flüchtlinge, die an den Grenzen der spanischen Enklaven in Marokko Ceuta und Melilla aufgegriffen werden, werden in die Wüste gefahren und dort ausgesetzt. Nicht wenige sind in der Wüste schon gestorben. Der Europäischen Union wurde kurz vor Eröffnung der Ausstellung der Friedensnobelpreis verliehen. Angesichts dieser Politik muss man sich die Frage stellen, ob dies richtig war.

Die von Robert Knoth gezeigten Bilder gehören zur Serie "Certificate no. 000358/", die weltweit schon in 70 Ausstellungen gezeigt wurde. Sie dokumentiert das Leben und die Krankheiten der Menschen, die zu arm waren, um aus durch zivile Katastrophen oder militärische Tests nuklear verseuchten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion wegzuziehen. Die Ausstellung zeigt Bilder des normalen Alltagslebens und die nicht normalen Erkrankungen der Bewohner der Zonen zwei und drei um Tschernobyl. Mit dem Wissen um die radioaktive Verseuchung der Flüsse in denen die Kinder baden und der Erde, auf der sie Ballspielen, hinterlassen auch die Bilder des "normalen" Alltagslebens einen verstörenden Eindruck.

Katharina Mouratidi zeigt zwei Projekte. Zum einen hat sie 30 Träger des Alternativen Nobelpreises auf einer Art rotgoldenen Thronsessel vor einem schwarzen Hintergrund fotografiert. Eine beeindruckende Auswahl ist in der Galerie zu sehen. Die Fotografin hat dabei den Thron gezielt als Provokation eingesetzt, um den Zuschauer zu bewegen, sich Gedanken über soziale Hierarchien und die Stellung der Träger des Alternativen Nobelpreises zu machen. Das zweite Projekt ist eine Dokumentation eines gallischen Dorfes. In Ecuador kämpft seit Jahren erfolgreich der indigene Stamm der Kichwa gegen Ölbohrungen in seinem angestammten Lebensraum, die dazu führen würden, ihre biologischen und sozialen Lebensgrundlagen zu vernichten.

Diese äußerst sehenswerte Ausstellung zeigt im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie in Berlin einen bedeutenden Teil der internationalen sozialen Dokumentationsfotografie.

The Critical Camera, Galerie Nord, Turmstraße 75, 10551 Berlin; vom 19.10.2012 bis 17.11.2012. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 14 - 19 Uhr (Für Gruppen von Kindern und Jugendlichen werden Führungen angeboten.)

www.mdf-berlin.de, www.kunstverein-tiergarten.de; www.humanistischefotografie.de