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Humanistische Perspektive: Die Größentäuschung im Amesraum

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Menschen haben Erlebnisse, machen Erfahrungen und ziehen daraus Schlüsse – die meisten sogar unbewusst. Viele dieser Schlüsse sind verlässlich, andere falsch. Ob wahr oder falsch: Daraus formen wir unser Weltbild, also das, was wir für wahr halten.
Mittwoch, 17. Oktober 2012

Wer sich für ein religiöses Weltbild entschieden hat, stellt den Glauben in den Mittelpunkt. Wichtige Stützen des Glaubens sind Evidenzerlebnisse: Das Spüren einer unerklärlichen Nähe, eines geheimnisvollen Blickes, einer „überirdischen Präsenz“; das Erleben eines unerklärlichen Zusammentreffens von Ereignissen, das Erscheinen der „heiligen Jungfrau“. Subjektive Erfahrungen, die uns unvermittelt und unvorbereitet treffen, zunächst überraschend und absolut unerklärlich erscheinen, daher auch emotional berühren, und mit der Zeit dann unweigerlich von unserer Erinnerung ausgeschmückt und verklärt werden. Selbstverständlich kann das komplexe Phänomen des Glaubens nicht auf Evidenzerlebnisse reduziert werden. Dennoch sind sie ein nicht ganz unbedeutender Baustein für Menschen, die den Glauben ins Zentrum ihres Weltbilds setzen.

Ames-Raum 1

Abb. 1a: Der Autor und seine Frau im Ames-Raum. (Bildquelle: Karin Becker im Auftrag des turmdersinne.)

Weltliche Humanisten, die darauf verzichten möchten, tun gut daran, die Wurzeln des eigenen Weltbilds, also die Funktion und Grenzen der eigenen Wahrnehmung, genauer unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu untersuchen. Diese Überlegung war Ausgangspunkt für die Initiatoren des Nürnberger Hands-on-Museums turmdersinne des HVD Bayern. Auf sechs Stockwerken eines historischen Nürnberger Stadtmauerturms sind eine Reihe verblüffender Experimente zusammengetragen, die nicht nur Spaß machen, sondern Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken anregen über die Frage, wie Wahrnehmung funktioniert und ob (und wenn ja wie) angesichts zahlreicher unkontrollierbarer Täuschungsmechanismen dennoch so etwas wie verlässliche Erkenntnis möglich ist.

Eine der bedeutendsten Erfahrungen im Leben eines
Menschen ist das Erlebnis, dass wir uns täuschen können.
Fundamentalisten sind Menschen,
denen diese Erfahrung fehlt.

(Der erste Teil dieses Zitats bildet das Motto des Nürnberger Hands-on-Museums turmdersinne ab.)

Unter dem Motto Humanismus und Wahrnehmung stellt diesseits regelmäßig Themen und Phänomene aus dem turmdersinne vor und versucht, den Bezug zum alltäglichen Leben, zum kritischen Denken und zum praktischen Humanismus herzustellen.

Wie beim Besuch des Turms im Erdgeschoss, so steht auch am Beginn dieser diesseits-Reihe ein sehr anschauliches, wunderbar einfaches aber auch verblüffendes und aussagekräftiges Phänomen: Der Ames-Raum, benannt nach seinem Erfinder, dem amerikanischen Psychologen und Augenarzt Adelbert Ames Jr. (1880–1955).

Dieser Raum ist eigentlich ausgesprochen schief und fast grotesk verzerrt gebaut. Doch von einer bestimmten Stelle an der Vorderwand aus betrachtet erscheint der Raum ganz normal, mit geraden Wänden und rechten Winkeln. Eine Person in der linken Ecke des Ames-Raums steht im Vergleich zu einer in der rechten Ecke in Wirklichkeit näher am Beobachter, ihr Abbild auf dessen Netzhaut ist also größer. Da der umgebende Raum aber suggeriert, die beiden befinden sich in der gleichen Entfernung, erscheint die linke Person größer als die rechte (vgl. Abbildung 1 a&b).

Ames-Raum 2

Abb. 1b: Der Autor und seine Frau im Ames-Raum. (Bildquelle: Karin Becker im Auftrag des turmdersinne.)

Die faszinierende Größentäuschung im Ames-Raum beruht wie viele Illusionen auf einem grundsätzlichen Problem unserer Wahrnehmung: Die Daten unserer Sinnesorgane reichen meist nicht aus, um ein vollständiges Bild der Welt in unserem Kopf zu erzeugen. Beim Sehen etwa wird die dreidimensionale Umgebung auf die zweidimensionale Netzhaut abgebildet, wobei zwangsläufig Informationen verloren gehen. Da ganz unterschiedliche Objekte ein und dasselbe Abbild erzeugen können, genügt dieses allein nicht, um das Original sicher zu rekonstruieren (siehe Abbildung 2). Daher musste unser Gehirn im Lauf der Stammesgeschichte Strategien entwickeln, mit denen es aus den unvollständigen, teils sogar fehlerhaften Sinnesinformationen ein annähernd korrektes Bild der Umwelt formt. Es macht dafür jeweils möglichst plausible Annahmen – so auch beim Ames-Raum: Unter den unendlich vielen theoretisch möglichen Interpretationen des Netzhautbilds wirkt diejenige, dass die Wände tatsächlich rechtwinklig angeordnet sind, schon intuitiv am naheliegendsten. Zudem sind uns Dinge mit rechten Winkeln sehr vertraut, da wir in unserer Umgebung ständig darauf stoßen. Warum sollte ausgerechnet dieser Raum nicht so beschaffen sein?

Abbildung dreidimensionaler Objekte auf die Netzhaut

Abb. 2: Aus einem bestimmten Blickwinkel können ganz unterschiedlich geformte Objekte dasselbe Abbild auf der Netzhaut im Auge erzeugen, da dreidimensionale Informationen auf eine zweidimensionale Ebene reduziert werden.

Eine weitere wichtige Strategie unseres Wahrnehmungsapparats ist die Größenkonstanz. Um die Ausmaße eines Objekts möglichst korrekt zu bestimmen, wird neben der Ausdehnung des Abbilds auf der Netzhaut auch die geschätzte Entfernung berücksichtigt. Wie wir aus dem Alltag wissen, schrumpft jemand, der sich von uns wegbewegt, nicht plötzlich, nur weil sich sein Bild auf unserer Netzhaut verkleinert. Die tägliche Erfahrung, dass weit entfernte Personen kleiner erscheinen, ist in unsere neuronalen Schaltkreise tief eingebrannt und sorgt für eine automatische, unbewusste Kompensation. Ohne die Größenkonstanz wären wir von fortlaufend wachsenden und wieder schrumpfenden Zwergen und Riesen umgeben – eine bizarre Vorstellung! Im Fall der Ames-Täuschung versagt jedoch dieser sonst so zuverlässige Mechanismus; der dominierende rechtwinklige Eindruck des Raums entzieht ihm jegliche Grundlage. Was wir wahrnehmen – Riesin und Zwerg, Zwergin und Riese – ist paradox, aber letztlich nichts anderes als eine logische Folge aus einer meist korrekten, diesmal aber falschen Annahme unseres Gehirns.

Symposium turmdersinne 2012 „Das Tier im Menschen. Triebe, Reize, Reaktionen" vom 19. bis 21. Oktober.