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Albrecht Dürer und die Aneignung der Natur

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270.000 Menschen wollten in den letzten drei Monaten die beeindruckende Dürer-Ausstellung im Germanischen Museum Nürnberg sehen. Nun hat sie ihre Pforten geschlossen. Was bleibt? Eine umfassende und beeindruckende Ausstellung, die den räumlichen und geistigen Zusammenhang von Dürers Wirken als Künstler - seine Nachbarschaft zu bekannten Nürnberger Humanisten sowie seine künstlerischen Lehrer und Kollegen - vor Augen führte. Die Schau "Der frühe Dürer" machte deutlich, wie herausragend Dürers Kunst sich darstellt.
Samstag, 8. September 2012
Dürer - Selbstbildnis eines 13jährigen

Das älteste Bild in der Ausstellung: Albrecht Dürer, Selbstbildnis als Dreizehnjähriger, 1484 | Wien, Albertina, Nr. 4839

Nun ist es also vorbei: Am vergangenen Wochenende ging die viel beachtete Ausstellung zum frühen Werk Albrecht Dürers zu Ende. Das Nürnberger Germanische Nationalmuseum wurde in dieser Zeit vom Andrang der Besucher geradezu überrollt. 270.000 kamen, um die exzellent aufbereitete Ausstellung zu sehen. Ausgelegt waren die Räume für diesen Andrang nicht – die Kuratoren hatten lediglich halb so viele Besucher erwartet.

Wer nach bis zu fünf Stunden Wartezeit endlich Einlass in die abgedunkelten Räume gefunden hat, wird vom Meister selbst begrüßt. Als Knabe sitzt er, sinnend am Besucher vorbei sehend, lässig auf einem Schemel. Diese Marmorskulptur Friedrich Salomon Beers aus dem 19. Jahrhundert ist einer der Zufallsfunde der Ausstellungsmacher: Sie war, eingewachsen und versteckt im Park eines amerikanischen Botschaftsgeländes in Berlin, verschollen. Erst vor kurzem wurde sie von einem amerikanischen Kunsthistoriker - ausgerechnet einem Dürer-Experten - wieder entdeckt, als er als Stipendiat der American Academy in Berlin forschte.

Dürer selbst begegnet dem Besucher der Ausstellung mehrmals. Etliche seiner Selbstporträts sind ausgestellt, wenn auch das berühmteste von ihnen – das Selbstportrait im Pelzrock von 1500 - aus der Münchner Alten Pinakothek nicht nach Nürnberg ausgeliehen wurde. Zu fragil ist sein Zustand. Ähnlich ging es den Ausstellungsplanern bereits mit einem früheren Selbstbildnis, das Dürer mit Anfang 20 Jahren zeigt. Dieses, mindestens ebenso beeindruckende Gemälde wurde vom Pariser Louvre nicht hergegeben. Die Kuratoren dort befürchteten schwere Schäden. Derzeit kann es nicht einmal von seinem Standort zu den Restaurationswerkstätten transportiert werden. So nimmt der Besucher vorlieb mit den ausgestellten Reproduktionen. Sie haben zwar nicht die Aura des Originals, doch was ist schon die kurze Erhebung des Gemüts beim Betrachten eines vielen hundert Jahre alten Gemäldes gegenüber dem Risiko, es auf Dauer zu verlieren.

Dürer - Turnierhelme

Albrecht Dürer, Turnierhelme in drei Ansichten, um 1500 | Paris, Musée du Louvre, Département des Arts graphiques, Nr. R.F. 5640

Eindrücklich vermittelte die Ausstellung den räumlichen und geistigen Zusammenhang, in dem Dürer als Künstler wirkte. Seine Nachbarschaft zu bekannten Nürnberger Humanisten, seine künstlerischen Lehrer und Kollegen, der geistige Horizont, in dem er sich bewegte, werden durch die geschickte Wahl von Exponaten lebendig. Gerade in diesem Vergleich wird rasch deutlich, wie herausragend Dürers Kunst sich darstellt. Sowohl in der Farbwahl der Gemälde, wie auch in der Detailversessenheit vieler Motive suchte er seinesgleichen - oft vergeblich. Dabei ist sein Interesse selektiv. Viele Werke sind nur in bestimmten Regionen ausgearbeitet, dort aber mit einer stupenden Akribie. Andere Aspekte des Objektes bleiben skizzenhaft oder unbeachtet. Sie waren für ihn nicht interessant. An solchen Stellen wird deutlich, dass Dürers Werk auch eine Suche nach der vollendeten Darstellung enthält, nicht nur diese selbst. Hier sehen wir den Künstler gleichsam im Werden.

Dabei ist auch sein intellektueller Anspruch unabweisbar. Dürer wollte mehr sein als ein bloßer Abbildner von Wirklichkeit. Er wollte auch Gelehrter sein: Die pittura aus den artes mechanicae der Handwerke weiterentwickeln zu den artes liberales der Gebildeten. Die Mathematik, die Proportionenlehre, das genaue Messen und detailverliebte Beobachten sind seine Methoden zur rationalen Erfassung und bildnerischen Aneignung der Welt. Fast erscheint Dürers Werk als naturwissenschaftlich fundierte Ingenieurskunst im ästhetischen Metier.

Der Bruch zur Geisteswelt des Mittelalters könnte drastischer nicht wahrgenommen werden. Es ist der Mensch selbst, der durch den Gebrauch seines Verstandes und seiner eigenen Erkenntnismöglichkeiten, seine Umwelt und sich selbst in ihr neu wahrnimmt. Er stellt sich unmittelbar zu seiner Wirklichkeit, ohne Vermittlung durch transzendente Bezüge, ohne das Verharren in überkommenen Schemata. Alles wird neu gesehen, als ob es zuvor noch gar nicht da gewesen wäre. Es ist als ob ein Schleier von der Welt genommen worden wäre (Jacob Burkhardt).

In jenen Jahren um 1500 gelang es, den Blick auf die Welt zu befreien. So sind auch die Werke des jungen Dürer Dokumente dieses ungeheuerlichen Aufbruchs, der den Weg frei machte zur Entwicklung der technisierten Zivilisation, in der wir heute leben. Das diese Erkenntnis sinnlich greifbar wird, dürfte eines der größten Verdienste dieser Ausstellung sein

Der Katalog zur Ausstellung, die die Ergebnisse der traditionellen Dürer-Forschung des Museums in Nürnberg nicht nur prächtig präsentierte, sondern auch erweiterte und vorantrieb, mit vielen lesenswerten Einzelessays ist unter dem Titel Der frühe Dürer im Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, erschienen.