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Positionen jenseits von Glauben und Unglauben

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"Wir schwimmen in einem Meer von Sinnlosigkeit." Joachim Kahl hat der Badischen Zeitung erklärt, warum er Religionskritiker ist.
Samstag, 27. August 2011
Joachim Kahl

Skeptisch, undogmatisch, atheistisch - so beschreibt sich Prof. Joachim Kahl gegenüber den Lesern der Badischen Zeitung. Im Interview erklärt Kahl, wie er noch als Theologiestudent vom Glauben abgekommen ist und sich der Religionskritik zugewandt hat.

Es sei ein "kontinuierlicher, intellektueller Erkenntnisprozess, die Reflexion des Behaupteten" gewesen, der aber keineswegs nur leicht gewesen sei.

Ich habe gemerkt: Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, zerrinnt das genuin Christliche zwischen den Händen und am Ende bleibt der allgemeine philanthropische Appell: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Für diese Nächstenliebe braucht Kahl aber keine Religion. Dass es dennoch Religionen gibt und Menschen sich zu diesen hingezogen fühlen, sei mit den Sinn- und Wunschbedürfnissen zu erklären. Religiöse Mythen geben Antworten auf Fragen, die eigentlich unbeantwortbar seien, für die die Menschen aber Antworten brauchen, führt Kahl aus. In Situationen, in denen es keinen Trost gebe, wie etwa bei Amokläufen oder schlichtweg beim Tod, stiften Religionen künstlich Sinn mit dem transzendenten Heilsversprechen.

Ich verzichte auf jedes transzendente Heilsversprechen. Insofern ist mein Atheismus asketischer, karger und emotional herber. Aber er ist redlicher und wahrhaftiger.

An diese Fragen koppelt sich die Suche nach dem Sinn in der Welt. Gibt es ihn überhaupt? Oder ist die Welt, und damit auch das Leben, sinnlos? Kahls Antworten auf diese Fragen sind verblüffend.

Ich unterscheide zwischen sinnleer und sinnlos. Die Welt als Ganzes ist nicht sinnlos, sie ist aus meiner Sicht sinnleer, das heißt, sie entbehrt einer höheren, göttlichen Sinngebung. Aber sie ist sinnfähig. Und die einzigen Sinnstifter sind wir vernunftfähige und empfindsame Menschen. Das Leben gelingt, wenn wir es schaffen, Sinninseln zu schaffen, und seien sie noch so klein. Unser Leben ist in jedem Augenblick bedroht, wir wissen das. Um sich dieser Bedrohung emotional zu erwehren, ist die Religion entstanden. Die Menschen suchen eine beschützte Wirklichkeit. Aber wir dürfen uns nicht über die tragische Dimension des Lebens hinwegtäuschen.

Dass diese Position und Haltung des säkularen Humanismus für den einzelnen emotional karger ist und das "Kuschelgefühl" verweigert, welches etwa Margot Käßmann ausstrahlt, wenn sie sagt, sie könne nicht tiefer fallen, als in die Hand Gottes, gesteht Kahl ein. Aber dieses Kuschelgefühl wiege eben nur in vermeintlicher Sicherheit. Gottvertrauen könne Tränen abwischen, aber ihren Grund nicht ungeschehen machen.

Jachim Kahl: Das Elend des Christentums

Kahls Ton ist versöhnlich, er will niemandem den Atheismus überhelfen - und unterscheidet sich darin wohl am stärksten von dem momentan prominentesten Atheisten Richard Dawkins. Dessen Buch Gotteswahn hatte Kahl deutlich kritisiert, Dawkins "triumphalistische Selbstüberschätzung und abgründige Realitätsblindheit" vorgeworfen und damit durchaus für einigen Unmut in der säkularen Szene gesorgt. Er ist sich in dieser Bewertung von Richard Dawkins treu geblieben. Das Interview schließt mit den Worten:

Um zu zeigen, dass es Gott nicht gäbe, müssten wir keine endlichen, sondern unendliche Erkenntnissubjekte sein. Und das ist uns verwehrt, wir sind endlich und irrtumsfähig. Das unterscheidet mich auch von neuen Atheisten, speziell von Richard Dawkins und seinem Gotteswahn. Da sage ich: Es gibt einen Gotteswahn, aber es gibt auch einen Atheismuswahn.

Vier Wochen, bevor der Papstbesuch die südbadische Stadt zur Hochsicherheitszone macht, stellt das Interview in der Wochenendausgabe der Badischen Zeitung eine willkommene Abwechslung in der vorfreudigen Medienberichterstattung dar.