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Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee?

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Bücher von Warlam Schalamow

Erschienen im Verlag Matthes & Seitz, Berlin

Durch den Schnee
Erzählungen aus Kolyma 1

Linkes Ufer
Erzählungen aus Kolyma 2

Künstler der Schaufel
Erzählungen aus Kolyma 3

Die Auferweckung der Lärche
Erzählungen aus Kolyma 4

Über Prosa

Alle Bände sind herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Franziska Thun-Hohenstein.
Gabriele Leupold hat sie aus dem Russischen übersetzt.

Warlam Schalamow - Erzählungen aus Kolyma 1
Warlam Schalamow - Erzählungen aus Kolyma 2
Warlam Schalamow - Erzählungen aus Kolyma 3
Warlam Schalamow - Erzählungen aus Kolyma 4
Warlam Schalamow - Über Prosa
Ist ein Leben nach dem Lager – wenn Humanität und Kultiviertheit unter den Eindrücken des Inhumanen ihre Relevanz verlieren – möglich, ohne ständigen Zweifel an der menschlichen Zivilisation? Dies ist die große Frage, die Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma zugrunde liegt.
Dienstag, 28. Februar 2012

Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tiefschnee. Der Mann läuft weit vor und markiert seinen Weg mit ungleichen schwarzen Löchern. […] Auf der schmalen Spur folgen fünf, sechs andere, Schulter an Schulter. Sie treten um die Fußspur herum, nicht hinein. An der zuvor bezeichneten Stelle angekommen, machen sie kehrt und laufen wieder so, dass sie frischen Schnee berühren, eine Stelle, die der Fuß des Mannes noch nicht betreten hat. Der Weg ist gebahnt.

Durch den Schnee lautet der Titel dieser ersten von 155 Erzählungen und Novellen, die der russische Schriftsteller Warlam Schalamow zu seinem Lebenswerk zusammengestellt hat, welches nun erstmals vollständig in deutscher Sprache zugängig ist. Schalamows Erzählungen aus Kolyma – will man einen Vergleich anstrengen, müsste man Primo Levis Ist das ein Mensch, Jorge Sempruns Was für ein schöner Sonntag! oder Tadeusz Borowskis Bei uns in Auschwitz heranziehen – sind ein einmaliges Dokument der Aufrichtigkeit. Die auf sechs Zyklen aufgeteilten Berichte aus einer Welt der Willkür sind das Produkt einer schonungslosen Selbstbefragung, der sich Schalamow nach fast 18 Jahren Gulag unentwegt ausgesetzt hat. Was er in Gefangenschaft durchlebt und erlebt hat, wurde zum Ausgangspunkt einer realistischen Prosa, wie sie eindringlicher nicht sein kann. Seine Erzählungen sind durchkomponiert zu einem großen Ganzen, einem einmaligen Stück Literatur, in der er vom Leben vor, im und nach dem Lager Zeugnis ablegt und nach der Bedeutung des Menschseins fragt.

Warlam Schalamow wurde 1907 im nordrussischen Wologda als Sohn eines orthodoxen Priesters geboren, begann 1924 ein Jurastudium in Moskau und wurde 1929 wegen „konterrevolutionärer Agitation und Organisation“ zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Jahr der großen Säuberung 1937 wurde er ein zweites Mal als Konterrevolutionär verurteilt. Es begann eine Odyssee durch die Lager in der Kolyma-Region im Nordosten Sibiriens. Erst 1956 durfte er nach Moskau zurückkehren und arbeitete fortan als Journalist und Autor. Schalamows Texte blieben in der Sowjetunion bis in die 80er Jahre verboten, kursierten aber bereits seit den 60ern im Untergrund. Von dort gelangten sie nach Westeuropa, wo sie durchaus geschätzt, aber dennoch unterschätzt wurden. Erst jetzt, 30 Jahre nach seinem Tod, erfährt Schalamows Werk die Rezeption, die es verdient.

Wie dringt man zur Wahrheit des Lagers durch, ohne sich selbst zu verlieren im persönlichen Leid? "Durch Kürze, Einfachheit und Abtrennen von allem, das man als Literatur bezeichnen könnte. Die Prosa muss schlicht und klar sein", erklärt Schalamow in der schmalen Schrift Über Prosa, die sich wie ein Leitfaden seines Schreibens liest. Darin schreibt er, was seine Erzählungen in seinen Augen sind (eine „Fotografie der Vernichtungslager“), wovon sie erzählen (dem „Schicksal von Märtyrern, die keine Helden waren, sein konnten und wurden“) und was sie aufzeigen („neue psychologische Gesetzmäßigkeiten […], Neues im Verhalten des Menschen, der auf die Stufe eines Tieres reduziert ist.“).

Schalamow hatte eine klare Vorstellung, wie seine Erzählungen erscheinen sollen. Der Aufteilung in sechs Zyklen liegt ein aufklärerisches Programm zugrunde, in dem jedes Detail symbolischen Charakter erhält. Der erste Zyklus Durch den Schnee führt den Leser in die Lagerwelt ein, konfrontiert ihn mit den grausamen Realitäten in der Goldmine, den kaum weniger schrecklichen Ruhezeiten in der Baracke und den lebensfeindlichen Bedingungen bei bis zu minus 60 Grad im „Hohen Norden“.

Im zweiten Zyklus Linkes Ufer erzählt Schalamow vom Leben vor und nach dem Lager, von aussichtsreichen Karrieren, Ehen und Biografien und ihrem unausweichlichen Untergang. In kafkaesker Manier macht er die existenzielle Absurdität des stalinistischen Terrors deutlich, der auf der Basis von lächerlichen Vergehen und falschen Vorwürfen eine ganze Gesellschaft in ihr Unglück stürzt. Im Hintergrund dieser eindringlichen Erzählungen schwebt stets die Frage nach dem Sinn der menschlichen Erfahrung. Wie und vor allem warum soll man das Leben neu lernen, wenn man erlebt hat, wie schnell alle Regeln des humanen Miteinanders hinweggefegt sein können?

Der zweite Zyklus stimmt auf den dritten ein. In Künstler der Schaufel geht er der Funktionalität des Systems auf den Grund und zeigt, wie sich der Gulag in den Körper des Gefangenen gebrannt hat und jedes Körperteil Erinnerungen an das Lagerleben hervorruft.

Teil des Systems sind die Ganoven, die im Lager die Fäden in der Hand haben und über Leben und Tod bestimmen. Ihnen widmet sich Schalamow in seinem vierten Zyklus Skizzen der Verbrecherwelt, weil "man das Lager nicht verstehen kann ohne die Rolle der Ganoven darin." Das prosaische Element weicht in diesem, für Schalamow zentralen Zyklus, der historischen Dokumentation. An die Stelle des Erzählers tritt hier der Analytiker, der seine Erinnerungen und Beobachtungen in Texte zwingt, die vom Geist der Aufklärung durchdrungen sind: "Jedes Tier wäre vor jenen Handlungen zurückgeschreckt, die die Ganoven mit Leichtigkeit begehen" – und die Schalamow hier Seite für Seite und nüchtern skizziert. Mit diesem Zyklus verurteilt er das heroisierende Verbrecherbild in der russischen Literatur, zu dem Dostojewski, Tolstoi und andere beigetragen haben, weil sie sich "vom Phosphorglanz […] dieser tückischen, abstoßenden Welt, die nichts Menschliches an sich hat", haben blenden lassen.

Der fünfte Zyklus Die Aufweckung der Lärche beschreibt Szenen der Rückkehr ins Leben, symbolisiert von einem Lärchenzweig, der aus der Kolyma in die Heimat geschickt wurde und dort zu neuem Leben erwacht und grünt. Es sind Erzählungen der Hoffnung, auf denen der Schatten der Kolyma-Erfahrung liegt, die "Moral des Nordens", die wie Pech an den Gefangenen klebt.

Im letzten Zyklus Der Handschuh stellt Schalamow schließlich die Frage nach seiner Position des Schreibens. Wo steht der Schriftsteller angesichts von so viel Unmenschlichkeit, was sollen seine Erzählungen leisten? Für ihn ist das eine prinzipielle Frage. Und erstmals zieht er hier einen direkten Vergleich mit Auschwitz: Der Gulag sei "etwas Schlimmeres" als Auschwitz, schreibt er. "Natürlich, an der Kolyma gab es keine ‚Kammern‘, hier zog man es vor, durch Frost zu vertilgen".

Das Grauen, welches aus diesen nüchtern erzählten Geschichten – die sich zu keinem Zeitpunkt in religiöse Erlösungsphantasien flüchten – aufsteigt, zieht den fassungslosen Leser in seinen quälerischen Bann. Die Erzählungen aus Kolyma muten dem Leser zu, sich der Wahrheit des Gulags zu stellen, sich zumindest reflektierend selbst diesem ewigen Eis auszusetzen – wobei die unmenschlichen Temperaturen der sibirischen Steppe nur noch von den zerstörerischen Wirklichkeiten des menschlichen Miteinanders übertroffen werden. Schalamow schrieb an seinem Lebenswerk mehr als 20 Jahre, fast 2.000 Seiten füllen seine Erzählungen. Sie sind Ausdruck des Versuchs, in der literarischen Verarbeitung zahlreicher Einzelschicksale die Fakten neu zu fixieren. Schalamow erfüllt mit ihnen das Boris Pasternak’sche Idealbild der Literatur, nämlich "Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen."

Schalamows Ziel war nicht das Zeichnen eines Gesamtbildes, wie dies Alexander Solschenizyn mit seinem Archipel Gulag versuchte, sondern die Kreation eines Panoramas in Fragmenten. Die in sechs Zyklen zerschnittene "Fotografie der Vernichtungslager" kann nur zusammensetzen, wer sich der Betrachtung der Einzelteile aussetzt.

Warlam Schalamow

Warlam Schalamow | Foto: Matthes & Seitz

Schalamows Prosa ist geprägt von einer Intensivierung, Verdichtung und Zuspitzung des zu Erzählenden in der Rekonstruktion des Erlebten. Seine Alltagsbeschreibungen unter dem Eindruck des Lagers sind so eindringlich, weil sie von der Gewöhnlichkeit der Willkür und Grausamkeit erzählen. Es ist die Arendt’sche „Banalität des Bösen“, von der Schalamow Zeugnis ablegt.

Für Schalamow war das Niederschreiben seiner Erzählungen einerseits "die Rechtfertigung meines Lebens, des so mühsam und schmerzlich gelebten", andererseits aber auch das Gefühl einer Verpflichtung gegenüber seiner Generation und der Nachwelt: "Der Mensch muss etwas tun!" Seine ethische Pflicht als Schriftsteller sah Warlam Schalamow darin, nach Auschwitz, Kolyma und Hiroshima die europäische Tradition des Humanismus mit den Mitteln der Literatur einer grundsätzlichen Überprüfung zu unterziehen. Denn man könne die Menschen nicht mehr mit der trügerischen Hoffnung auf Rettung und Erlösung abspeisen.

Die Maxime meines Jahrhunderts, meiner persönlichen Existenz und meines ganzen Lebens, der Schluss aus meiner persönlichen Erfahrung, die Regel, die ich mir aus dieser Erfahrung gewonnen habe, lässt sich in wenigen Worten ausdrücken. Als erstes muss man die Ohrfeigen zurückgeben und erst an zweiter Stelle die Almosen. An das Böse sich vor dem Guten erinnern. An alles Gute sich hundert Jahre erinnern, an alles Schlechte – zweihundert. Darin unterscheide ich mich von allen russischen Humanisten des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts.

Schalamows Literatur ist eines der beeindruckendsten Zeugnisse eines Lebens, dessen Pflicht in der Erinnerung bestand. Man wird keine Literatur finden, die aufklärerischer und humanistischer das Leben im Gulag beschreibt, als Schalamows Erzählungen.