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Nicht die Schlechtigkeit der Zeit beklagen

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Der deutsche Soziologe und Fürsprecher des aufgeklärten Humanismus Johannes Neumann ist tot. Er verstarb in der Nacht von Sonntag auf Montag nach schwerer Parkinson-Erkrankung im Kreise seiner Familie in Oberkirch in Baden-Württemberg. Ein Nachruf.
Dienstag, 7. Mai 2013
Johannes Neumann

Foto: Evelin Frerk via www.who-is-hu.de

Johannes Neumann wurde 1929 in Königsberg geboren und studierte an den Universitäten in München und Freiburg Philosophie, Geschichte, Soziologie und Theologie. Er promovierte und habilitierte am Kanonischen Institut der Universität München und war anschließend als Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen aktiv. Dort war er 1971 und 1972 sogar als Rektor aktiv und veröffentlichte gemeinsam mit anderen die Streitschrift „Kein Grundgesetz der Kirche ohne Zustimmung der Christen“. So manchen Wegbegleitern ist er aus dieser Zeit als konservativer Verfechter der katholischen Morallehre in Erinnerung.

Es folgte eine radikale Wandlung. In den Folgejahren setzte er sich zunehmend mit den Widersprüchen in der römisch-katholischen Lehre auseinander und fragte schon 1976, nur fünf Jahre nach Veröffentlich seiner Streitschrift provokant „Menschenrechte auch in der Kirche?“. 1977 distanzierte er sich schließlich gänzlich von der Theologie und gab noch im selben Jahr seine Missio canonica zurück und war fortan als Professor für Rechts- und Religionssoziologie in Tübingen aktiv.

Seither hatte es ihm insbesondere das Sozialwesen angetan. Er war Gründungsmitglied und Erster Vorsitzender der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft sowie Gründer und bis 1996 langjähriger Sprecher des Zentrums zur interdisziplinären Erforschung der Lebenswelten behinderter Menschen.

Sein zweites Steckenpferd galt infolge seiner Distanzierung von der römisch-katholischen Kirche und den Glaubensinhalten die religionskritische Aufklärung und das Verhältnis von Staat und Kirche im säkular verfassten Staat. Es ist vor allem sein Verdienst, dass die Themen der Trennung von Staat und Kirche, der Kritik an kirchlichen Privilegien in Verbindung mit der Einstellung der historischen Staatsleistungen in der Öffentlichkeit und unter den Säkularen stets am Leben blieb. Ebenso bahnbrechend wie grundlegend waren dafür die von Johannes Neumann wissenschaftlich fundierten „Zehn Thesen“ für die Humanistische Union.

Dafür setzte er sich als Mitglied der Humanistischen Union ein, wirkte in der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft, in der Humanistischen Akademie Berlin und der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg. Bei beiden letztgenannten glänzte er vor allem als Autor zahlreicher Beiträge. Im Jahr 2000 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Ursula Neumann für die Verdienste um die Trennung von Staat und Kirche mit dem ersten Erwin-Fischer-Preis ausgezeichnet, den der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) zwischen 200 und 2006 insgesamt fünf Mal vergeben hat. Der Preis kam kurz nach der Niederlage der Familie Neumann vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Ethikunterricht als Zwangsersatzfach für das Pflichtfach Religionsunterricht und die Badische Zeitung titelte damals feinsinnig „Ein Preis für einen ‚verlorenen’ Prozess“.

In der Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie Aufklärung und Kritik publizierte er seit Mitte der 1990er Jahre bis Anfang der 2000er fast in jeder Ausgabe Beiträge zu humanistischen Fragen, so etwa „Zur verfassungsrechtlich-politischen Problematik des sogenannten Ethikunterrichts“ (1994), „Zur gesellschaftlichen Stellung, Entwicklung und Wandlung des modernen Atheismus“ (1995), zu den „Privilegien für die Kirche in Deutschland“ (1995), zur Situation der karitativen Einrichtungen und ihrer Finanzierung (1997), zum selbstbestimmten Menschen und seinen Feinden (1998), zur „Gefährdung der Freiheit der kleineren religiösen und weltanschaulichen Gruppen in Deutschland“ (1999), den „Rechtlich provozierten religiösen Konflikten in der Schule“ (2000), den „Neueren Aspekten in religionsrechtlichen Streitfragen“ (2001) und ganz allgemein zu „Religion und Religionen“ (2005).

Neumann war auch Stammautor von humanismus aktuell, der wissenschaftlichen Zeitschrift für Kultur und Weltanschauung des Humanistischen Verbands. Hier sprach er sich „Für eine – neue – humanistische Sozialpolitik?“ aus (1998), forderte einen „Selbstbewußten Humanismus“ (1999), erkundete die europäische Geschichte und stellte fest „Am Anfang war der Humanismus“ (1999). Er diskutierte „Streitfragen im Staat-Kirche-Verhältnis“ (2000), schrieb über einen „Weltkrieg der Religionen“ (2002), erinnerte im Sinne der Staat-Kircher-Trennung an den „Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803“ (2003), suchte nach „‘Europas christlichen Wurzeln’. Von der kontinuierlichen Wirksamkeit eines Mythos“ (2004), forderte dazu auf, den Humanismus zu organisieren (2006) und schrieb über die Frage der „Gleichbehandlung – Folgerungen aus den rechtspolitischen Grundvorstellungen und den Kernforderungen der säkularen Verbände“ (2008). In der nächsten Ausgabe der Schriftenreihe (HAB-7: Humanismus und Humanisierung, erscheint im September 2013) hat Hubert Cancik seinem Beitrag eine lateinische Widmung vorangestellt, die Johannes Neumann galt, den er noch am Krankenbett besucht hat. Horst Groschopp, der Herausgeber der Schriftenreihe, hat Johannes Neumann als „allermenschlichsten Mensch“ in guter und vor allem dankbarer Erinnerung an Vorträge, Aufsätze und sehr persönliche Hilfen für die Humanistische Akademie Berlin.

Johannes Neumann setzte sich auch für die Entwicklung des evolutionären Humanismus ein, wie ihn die Giordano Bruno Stiftung vertritt und zu deren Beirat er von der Gründung der Stiftung bis zuletzt gehörte. Der Stiftungssprecher und Philosoph Michael Schmidt-Salomon bezeichnete Neumann einmal als einen der „wesentlichen Impulsgeber“ für die Gründung der Stiftung und ihr Programm. Auch die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (FOWID) unterstützte Neumann mit Rat und Tat.

Der selbstbestimmte Mensch in einer freien Gesellschaft war stets und immer das Anliegen von Johannes Neumann. Insofern war die plötzliche und schwere Parkinson-Erkrankung, die es ihm unmöglich machte, noch schreibend tätig zu werden, eine besondere Last für diesen kritischen Denker, denn sie schränkte seine Selbstbestimmung ein. Sie war sein Feind, um hier an seinen 1998 publizierten Aufsatz „Der selbstbestimmte Mensch und seine Feinde“ anzuspielen. Der dort formulierte Schlusssatz bringt die Aufgabe, die sich Johannes Neumann selbst wohl am meisten zu Herzen genommen hat, auf den Punkt: „Nicht die Schlechtigkeit der Zeit gilt es zu beklagen, sondern Vorstellungen zu entwickeln, wie es für alle Menschen besser werden könnte, und sie beharrlich zu verfolgen.“ Ein Leitsatz, der über Johannes Neumanns Tod hinausgeht und für all jene Bestand haben wird, die zur Verwirklichung eines toleranten und praktischen Humanismus beitragen wollen. Dieser Humanismus verliert mit Johannes Neumann einen wichtigen Fürsprecher.