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Dokumentarin des Widerstands

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Seit fast zwei Jahrzehnten begleitet die humanistische Filmemacherin Ricarda Hinz die kleine Schar von säkularen Aktivisten in den rheinländischen Hochburgen des Katholizismus. Und hat einen erstaunlichen Wandel beobachtet.
Freitag, 1. März 2013
Foto: David Müller-Rico

Ricarda Hinz (l.) mit Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime. Foto: David Müller-Rico

„Ich hatte ja gedacht, wir leben in Freiheit.“ Ricarda Hinz lacht nach dem Satz, sie lacht viel. Aber bei diesem Satz klingt das Lachen der ehemaligen Katholikin besonders ungläubig. Zum zwanzigsten Mal jährt sich zwar mittlerweile der Austritt aus der Kirche ihrer Eltern. Doch bis heute blickt sie mit gemischten Gefühlen auf die Naivität der früheren Vorstellungen zurück.

Wie wenig frei sie und die Menschen um sie herum wirklich waren, stellte Ricarda Hinz Anfang der neunziger Jahre fest. Damals besuchte sie Veranstaltungen von Terre des Femmes, engagierte sich in der Vereinsarbeit, interessierte sich für Fragen der Emanzipation. Doch bei der Frauenrechtsorganisation waren nicht alle Argumente oder Ideen willkommen: „Religionskritik wurde zensiert und tabuisiert“, erinnert sich Hinz. So kam wenig später die damalige Kommunikationsdesign-Studentin zu ihrem ersten Kontakt mit dem, was sie heute „die säkulare Szene“ nennt.

„Weite Teile der Gesellschaft hielten und halten Religion doch für eine harmlose Schmusekatze. Tatsächlich hat die Religion unglaublich große Macht. Sie ersetzt vielfach die Politik und hat den sozialen Sektor monopolisiert.“ Ricarda Hinz meint weiter, bis heute sei Religion ein „gefährliches Privatvergnügen“. Für die Gesellschaft eher schädlich als nützlich.

Einen Impuls für ihre Arbeit erhielt sie nach dem Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts Mitte der neunziger Jahre. Der Beschluss, der die gesetzliche Pflicht zum Anbringen von Kreuzen in bayerischen Schulen für verfassungswidrig erachtete, sollte 1996 zum Thema eines Karnevalswagens werden. So hatten in wochenlanger Arbeit Künstler um den Karnevalswagenbauer Jacques Tilly einen Jecken gestaltet, der an einem Kreuz befestigt war. Für die Gläubigen in Düsseldorf und der Region war das zu viel Narrenfreiheit. Ein Sturm des Protestes entfachte sich, die Teilnahme des Wagens wurde kurzum untersagt. Die filmische Dokumentation dieses Kruzifix-Skandals im Düsseldorfer Karneval ist zum ersten Werk in ihrer Arbeit als Dokumentarin des Widerstands gegen religiösen Wahn und die Macht der Kirchen geworden.

Knapp zwei Jahre später entstand dann der, so sagt sie heute, „bislang wertvollste Beitrag“: Mit dem 70-minütigen Werk „Die hasserfüllten Augen des Karlheinz Deschner“ zog ein Film von ihr Aufmerksamkeit weit über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus auf sich. Der Film hatte die Aussagen von Kirchenvertretern und Kirchenkritikern zu Deschners kontroversem Hauptwerk „Kriminalgeschichte des Christentums“ in einem virtuellen Streitgespräch zusammengefasst und zählt nun zu den Klassikern der kirchenkritischen Filmgeschichte in Deutschland.

Insgesamt sind mit den Jahren mehr als ein Dutzend Produktionen der „geborenen Skeptikerin“ entstanden, darunter der erfolgreiche Clip „Susi Neunmalklug erklärt die Evolution“, der Kurzfilm „Aufklärung ist ein Ärgernis“ und eine Dokumentation der Buskampagne 2009. Dutzende Filme und Clips über Veranstaltungen von atheistischen und säkularen Aktivisten kommen dazu.

Tipp Im YouTube-Kanal von Ricarda Hinz finden sich viele Dokumentationen und Videos: www.youtube.com/user/videoteuse

Das Schönste ist bis heute für mich, dass unsere Arbeit so viel Resonanz erfährt“, sagt Ricarda Hinz dazu. „Das säkulare Selbstbewusstsein hat ja geradezu darauf gewartet, wachgeküsst zu werden.“ Sie lacht wieder und dieses Mal klingt es überzeugter: „Die Emanzipationsgeschichte der Menschheit ist eine Säkularisationsgeschichte.“

Ricarda Hinz blieb deshalb nicht in ihrer Rolle hinter der Kamera. Monatlich veranstaltet sie seit zwei Jahren als ehrenamtliche Aktivistin den „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“, der laut Selbstbeschreibung „explizit säkularen Feierlichkeit der Düsseldorfer Humanisten und Humanzen“. Der 30 Mitglieder zählende Verein informiert auf vielfältige Weise: in Fußgängerzonen, bei Filmvorführungen sowie Lesungen und Podiumsdiskussionen, zu denen regelmäßig mehr als 80 Gäste kommen.

In der Öffentlichkeit hat sie mittlerweile einen erstaunlichen Wandel beobachtet. „Die Theologen von früher sitzen ja immer noch in den Redaktionen der Medien. Und trotzdem wird der Bischof nicht mehr dem Religionskritiker vorgezogen, sondern umgekehrt.“

Weit genug ist dieser Wandel aber trotzdem noch lange nicht. Unter anderem engagiert sie sich deshalb als Sprecherin des laizistischen Arbeitskreises der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen. Sogar ohne Parteibuch, doch zur menschlichen Emanzipation gehört für sie eben auch die ökonomische Frage. Ist die Nähe von säkularem Humanismus und den Erben kommunistischer Utopien für viele Menschen nicht ein Problem? Wieder lacht sie: „Wir im Rheinland wissen, dass es ja selbst zwischen CDU und Faschismus keinen Bruch gegeben hat. Da bin ich also entspannt.“

Festgestellt hat sie in den vergangenen Jahren jedoch, dass reine Kirchenkritik nur begrenzt genügt. „Man muss die Bedürfnisse bedienen, die Religionen bedienen. Aber auf eine ehrlichere, demokratischere Art.“ Eine Mehrheit der Mitglieder im Verein will die reine Religionskritik hinter sich lassen, sagt sie. Der frühere „Gottlosenstammtisch“ wurde vor einigen Wochen umbenannt: Zum monatlichen Treffen lädt nun der „humanistische Salon“.

Dass die aus ihrer Sicht wichtige Vernetzung von humanistischer Theorie und Praxis nicht einfach ist, hat sie schon festgestellt. „Ich vermisse den Humanistischen Verband in
NRW.“ Doch ihre zwei bisher verschickten Anmeldeformulare blieben bislang ohne eine Antwort. Gefragt nach den Hoffnungen für die kommenden Jahre wird Ricarda Hinz schließlich kurz nachdenklich. „Evolution muss endlich in die Grundschulen. Mehr Kirchengebäude sollten soziokulturelle Zentren werden, offen für alle Menschen.“ Dann lacht die zweifache Mutter erneut. „Und ich wünsche mir, dass meine Enkel mal sagen: WAS, ihr habt noch Religionsunterricht gehabt?!“