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Ziemlich beste Gesellschaft? Da müssen wir schon selbst ran!

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Millionen Kinobesucher weltweit sahen die französische Komödie „Ziemlich beste Freunde“. Philippe Pozzo di Borgo ist der Mann hinter der bewegenden Geschichte, von der der Film erzählt. Er besuchte unlängst Deutschland, um für mehr Solidarität und Mitmenschlichkeit zu werben. Er sprach über die Verletzlichkeit in jedem von uns und über die Kraft, die ihn jeden Morgen antreibt, weiterzumachen.
Freitag, 7. Dezember 2012
Philippe Pozzo di Borgo

Philippe Pozzo di Borgo bei der Pressekonferenz in Berlin | Foto: Thomas Hummitzsch

Über 8,5 Millionen Menschen sahen allein in Deutschland den Kinofilm Ziemlich beste Freunde. Er erzählt die Geschichte eines ungleichen und zugleich ziemlich ähnlichen Duos. Philippe, ein vermögender, querschnittsgelähmter Mann in den vierziger Jahren, und Driss, ein junger, kriminell gewordener Einwanderer, verbindet die gleiche Erfahrung: von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Philippe stellt Driss, obwohl nahezu alles dagegen spricht, als Pfleger ein. Aus beiden werden, wie es der Filmtitel verrät, ziemlich beste Freunde.

Die Komödie war nicht nur in Deutschland sehr erfolgreich, sondern zog weltweit Millionen Menschen in die Kinos. Ob in Frankreich, Südkorea oder Japan – die beiden Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano berührten die Menschen mit ihrem humorvollen Film. Dieser basiert auf dem gleichnamigen Buch von Philippe Pozzo di Borgo, der gerade in Deutschland sein neues Buch Ziemlich verletzlich, ziemlich stark vorgestellt hat.

In Berlin pilgerten mehr als 800 Menschen zur öffentlichen (und komplett barrierefreien) Lesung in die Columbiahalle, einem Tempel der modernen Musikindustrie, der normalerweise als Konzerthalle dient. Die Menschen stehen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in Schlangen vor der Halle, um eingelassen zu werden. Viele müssen wieder gehen, weil der Raum nicht so viele Menschen aufnehmen kann, wie gerne Einlass finden möchten. Diejenigen, die Philippe Pozzo di Borgo am Abend erleben, feiern ihn bewegt mit stehenden Ovationen. Zuvor haben sie mit ihm gelacht, nachgedacht, gemahnt, sie haben ihm und in den Raum gelauscht, gewartet, das etwas passiert, als säße dort ein Heiliger.

Dabei sieht er sich selbst keineswegs als einen solchen. Aber er weiß, wie viele Menschen ihm ihr Vertrauen schenken, nachdem sie sein Alter Ego auf der Kinoleinwand so würdevoll und stolz, kämpferisch und witzig, menschlich und verletzlich erlebt haben. Wie viele ihn dabei mit François Cluzet verwechseln, der in dem Film seine Rolle einnimmt, kann man nur mutmaßen. Der echte Philippe Pozzo di Borgo ist aber kaum weniger humorvoll. Als er am Morgen nach der Buchpräsentation etwas verspätet zur Pressekonferenz erscheint, begrüßt er die versammelten Journalisten damit, dass er mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden und daher etwas zu spät sei. Einträchtiges Schmunzeln erfasst den Raum.

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Philippe Pozzo di Borgo hat trotz der Schicksalsschläge, die er hinnehmen musste, seinen Humor nicht verloren | Foto: Thomas Hummitzsch

Alle Anwesenden wissen, dass Philippe Pozzo di Borgo ohne den Kinofilm womöglich immer noch als kaum bekannter Geschäftsmann in Marokko leben würde, der seit einem Unfall beim Paragliding querschnittsgelähmt und seinem aus Marokko stammenden Pfleger hinterhergezogen ist. Bereits 2001 hatte Pozzo di Borgo seine Geschichte aufgeschrieben und veröffentlicht. 15.000 französische Leser interessierten sich für diese Geschichte. Die Resonanz war äußerst bescheiden. In einer Situation, in der auf allen Kanälen eine goldene Zukunft prophezeit wurde, wollte sich offenbar niemand mit dem Scheitern auseinandersetzen. Erst der Film und die Neuauflage seines Buches, das sofort die Bestellerlisten aufrollte, hat den Hype um seine Person und sein Anliegen ausgelöst. Diesem verleiht er nun - wenngleich nicht er selbst, sondern sein filmisches Alter Ego auf dem Buchtitel abgebildet ist - mit seinem neuen Buch erneuten Nachdruck.

Unsere kapitalistische Leistungsgesellschaft verlange von den Menschen ein hohes Maß an Perfektion, an Idealität, die kaum jemand erfüllen könne. Dieser Anspruch an den Einzelnen mache Angst, treibe in die Einsamkeit und führe zu der tiefen Verletzlichkeit, die ein jeder in sich trage, erklärt Pozzo di Borgo. Mitten in diese sozial-emotionale Atmosphäre sei der Film eingedrungen und habe die Menschen berührt. Sie seien heute sensibler für dieses Thema als noch vor zehn Jahren, wo noch alles möglich schien. Im dem, seinem neuen Buch vorangestellten Gespräch mit der Zeit-Journalistin Elisabeth von Thadden sagt Pozzo di Borgo:

Es klafft ein Abgrund zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem, was sich in den Menschen zuträgt. Sie fühlen sich abgehängt, ausgeschieden, zerstört, beladen, gejagt, sie sind voller Scham und Angst, weil sie nicht leisten können, was man von ihnen verlangt, als Arbeitnehmer, als Familienväter, als Migranten oder Arbeitslose, es sind alle Lebenssituationen dabei, ob mit körperlicher Behinderung oder nicht. Wir haben eben alle ein Handicap, sei es nun körperlich, seelisch oder sozial.

Ziemlich verletzlich, ziemlich stark hat Philippe Pozzo di Borgo gemeinsam mit Jean Vanier und Laurent de Cherisey – zwei französischen Wegbereitern im Bereich der Inklusion von behinderten Menschen, Gründer der diakonischen Arche-Bewegung der eine, der andere Entwickler so genannter „geteilter Häuser" im Verein Simone de Cyrène – geschrieben. Wer nun vermutet, dass dieses Autorentrio hier ein Plädoyer für eine christlich-solidarische Gemeinschaft vorlegt, sei eines besseren belehrt.

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Philippe Pozzo di Borgo mit seiner Herausgeberin Elisabeth Ruge und Sascha Decker von der Aktion Mensch. Am linken Bildrand die Gebärdendolmetscherin für Hörgeschädigte | Foto: Thomas Hummitzsch

Ausgehend von der Beschreibung der Situation von Behinderten und der realen Barrieren, vor denen diese immer wieder stehen, machen sie die Widersprüche von politischen Absichtserklärungen, juristischen Spitzfindigkeiten und tatsächlichen Lebenswirklichkeiten deutlich (in der deutschen Übersetzung hat die Aktion Mensch in Einschüben die Lage in Deutschland ergänzt). Denn was nützen all die Zugeständnisse für barrierefreie Innenstädte, wenn der Denkmalschutz ebene Zugänge oder an Außenmauern angebrachte Fahrstühle verhindert? Hier gilt es, sich das bewusst zu machen, um Lösungen überhaupt erst zu ermöglichen.

Natürlich fordern die drei Autoren auch mehr Mitgefühl und „Brüderlichkeit" für behinderte Menschen. Mit Brüderlichkeit ist hier jedoch keine priesterliche Verbundenheit, sondern das Ideal der französischen fraternité, die „Bereitschaft der Menschen, einander beizustehen", gemeint. Dabei geht es nicht vorrangig um finanzielle Aufmerksamkeit und den Ausbau der behindertengerechten Infrastrukturen – wenngleich beides nicht außer Acht gelassen werden darf – sondern es geht um Miteinander, Gemeinschaftlichkeit und Verbundenheit. Denn die Erfahrung der Behinderung ist eine Erfahrung der Einsamkeit, erklärte Pozzo di Borgo.

Was mich behindert gemacht hat, war nicht der Unfall, sondern erst der Tod meiner Frau drei Jahre später.

Seine verstorbene Frau war es auch, die ihm riet, seine Geschichte aufzuschreiben. „Lege Worte auf deinen Schmerz" hatte sie ihm vor ihrem Tod noch mitgegeben. Nun ist nach seiner persönlichen Geschichte ein Appell an die Solidarität und Mitmenschlichkeit erschienen:

Unsere Gesellschaft kann tatsächlich gerechter und menschlicher werden, wenn wir wieder an den tieferen Sinn der Solidarität anknüpfen. Denn nur sie bietet eine Antwort auf die fundamentale Frage nach dem Sinn des Lebens.

Es geht nicht um Mitleid! Es geht um ein Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Es geht auch um einen Abschied von der Leistungsgesellschaft, der Perfektionsgesellschaft, der Fitnessgesellschaft. Es geht um ein Bekenntnis zur Verletzlichkeit des Menschen, die in jedem einzelnen ruht. Dies gilt es anzuerkennen, um die unterkühlt-versachlichte Liberalgesellschaft, in der sich jeder selbst der nächste ist, wieder auf den Weg zu einer solidarischen Gesellschaft zu bringen.

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Philippe Pozzo di Borgo hinterlässt bei denen, die ihm begegnen, einen bleibenden Eindruck | Foto: Thomas Hummitzsch

Philippe Pozzo di Borgo ist durch Film und Buch, durch seinen pragmatischen Optimismus, der von ihm ausgeht, zu einer Art Botschafter für die Anliegen der Behinderten geworden. Aber was treibt ihn an? Was lässt ihn jeden Morgen die Kraft finden, sich in den neuen Tag zu begeben, fünf, sechs Stunden E-Mails mit seiner Assistentin durchzugehen und zu beantworten und sich in jeder Handlung, die für ihn ausgeführt wird, seiner eigenen Versehrtheit bewusst zu werden? Religion ist es nicht, wie er selbst sagt. „Ich bin nicht gläubig. Für mich gibt es Gott nicht, es gab ihn nie." Seine dreigeteilte Antwort auf meine Frage fällt sehr weltlich aus. Zum einen sei er ein großer Genießer und er freue sich schon beim Aufwachen auf den Geruch und Geschmack eines frischen Kaffees. Er erfreue sich aber auch schon beim Aufwachen am Anblick seiner Frau und seiner Kinder. Und nicht zuletzt ist es eine Verantwortungsethik, die er von seinem Großvater übernommen habe. Dieser habe ihm immer gesagt: Wer privilegiert lebt, hat auch eine Verantwortung. „Das Privileg führt zu einer Pflicht", so beschreibt es Pozzo di Borgo selbst. Als erfolgreicher Geschäftsmann vor seinem Unfall muss er sich keine finanziellen Sorgen mehr machen. Was er nun mache, ist, etwas der Gesellschaft zurückgeben.

Es ist fast paradox, dass nicht nur viele behinderte Menschen, sondern auch unzählige Gesunde an ihn, den mit seiner Lähmung so vom Leben Gezeichneten, richten und hoffen, dass er die Situation „der Unberührbaren" – so nennt er die gesellschaftlich Ausgeschlossenen – in der Welt ändern wird. Doch er ist nicht in der Lage, irgendeinen Kampf selbst zu kämpfen, sagt er dann mit einem auffordernden Lächeln. All die Fragen, die an ihn gerichtet werden, wie was zu machen sei und ob nicht dies und jenes geändert werden müsste, gibt er zurück mit den ermunternden Worten: Ja, da haben Sie Recht, aber ich kann das nicht für Sie machen. Da müssen Sie schon selbst ran.

Apropos „selbst ran". Die Begegnung mit Philippe Pozzo di Borgo hinterlässt einen bleibenden Eindruck, denn es sitzt einem weder ein larmoyanter Gezeichneter – nach dem Film konnte man das auch nicht erwarten – noch ein verbissen-kämpferischer Lobbyist „für das Gute" gegenüber. Pozzo di Borgo verkörpert die Verletzlichkeit und das Anerkennen dieser, die er von uns allen verlangt:

Ich möchte gern wieder unversehrt sein, wieder gehen können, mich wieder bewegen, meine Kinder in den Arm nehmen können, aufhören zu leiden. Doch obwohl ich mir das von Herzen wünsche, sehe ich keinen Nutzen darin, wieder die Kontrolle über meinen Körper zu erlangen, wenn ich nicht gleichzeitig von allem profitiere, was ich durch meine Behinderung gelernt habe. ... Heute lebe ich intensiver und sehe klarer als früher. Damit ich den Sinn des Lebens ganz verstehe, musste ich im Rollstuhl landen und die Welt aus der Perspektive eines Behinderten sehen.

Philippe Pozzo di Borgo lässt uns teilhaben an dieser Erfahrung und dieser Perspektive. Ohne Vorwurf und ohne Anklage. Allein das macht die Lektüre dieses Buches lohnenswert. Und die Begegnung mit diesem Menschen zu einem außergewöhnlichen, bleibenden Erlebnis. „Gesunde Menschen sind nur Kranke, die von ihrem wahren Zustand nichts wissen!", schrieb Jules Romain in seinem Theaterstück Knock oder der Triumph der Medizin. Sich das vor Augen zu halten kann hilfreich sein auf dem Weg zu einer solidarischeren Gesellschaft.

Philippe Pozzo di Borgo Buch

Philippe Pozzo di Borgo, Jean Vanier, Laurent, de Cherisey: Ziemlich verletzlich, ziemlich stark. Wege zu einer solidarischen Gesellschaft. Aus dem Französischen von Bettina Bach. Hanser Berlin 2012. 112 Seiten. 10 Euro.

Philippe Pozzo di Borgo Hörbuch

Das gleichnamige Hörbuch (150 Minuten), gelesen von Frank Röth und Dagmar Drek ist im Jumbo-Verlag erschienen und kostet 12,99 Euro. Hier geht es zur Audioprobe.