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Stell dir vor, Integration gelingt und keiner sieht hin

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In Berlin gibt es die einzige interkulturelle Hospizeinrichtung in Deutschland. Initiatorin und Leiterin In-Sun Kim ist der lebendige Beweis dafür, das sich für erfolgreiche Integration hierzulande nur Wenige interessieren.
Dienstag, 8. Februar 2011
Preisverleihung In-Sun Kim

Preisverleihung an In-Sun Kim

Sarrazin hin oder her: Wer sich die deutschen Versäumnisse bei der Integration vor Augen führen möchte, sollte sich mit In-Sun Kim treffen. Sie hat die erste und bisher einzige kultursensible Hospizeinrichtung Deutschlands aufgebaut, den interkulturellen Hospizdienst Dong Ban Ja. Der Hospizdienst von Migranten für Migranten erfährt zumindest auf Stiftungsniveau Anerkennung, ist bei verschiedenen Preisausschreiben immer wieder ganz vorne mit dabei. Das Projekt genießt aber auch europaweites Ansehen. Seit dem Sommer 2010 wird es als europäisches Leuchtturmprojekt auf der Integrationswebsite der Europäischen Kommission geführt.

Für ihre Erfolgsgeschichte interessiert sich hierzulande jedoch kaum jemand. Stattdessen bestimmen Aufsehen erregende Skandalthesen die gesellschaftliche Migrationsdebatte. Dies würden insbesondere die Medien herbeiführen, meint der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Migration und Integration (SVR), der in seinem Jahresbericht die Medienberichterstattung über Migration als „stark problemorientiert“ kritisierte und mehr Nachrichten über erfolgreiche Integration forderte.

Dabei geniest die Koreanerin in ihrem Herkunftsland hohes Ansehen. Fast wöchentlich erreichen sie Interviewanfragen koreanischer Zeitungen, von Radiostationen oder Fernsehsendern. Kürzlich erst erhielt sie den renommierten Preis für Soziales Engagement für Auslandskoreaner vom koreanischen Außenministerium, kurz danach den Engagementpreis des koreanischen Elektronikkonzerns Samsung. In Deutschland kennt In-Sun Kim hingegen kaum jemand, selbst in ihrer Heimatstadt Berlin ist sie höchstens einigen  integrationspolitischen Insidern ein Begriff.

Wer ist diese Frau, die in einem Land, das sie vor fast 40 Jahren verlassen hat, mehr Ansehen genießt als in ihrer Wahlheimat? In-Sun Kim wurde am 1. Januar 1950 geboren, ein halbes Jahr vor Ausbruch des verheerenden Korea-Krieges, bei dem fast zwei Millionen Menschen ums Leben kamen. Aufgewachsen ohne Vater war ihre Kindheit im traditionellen Korea von Entbehrungen geprägt. Als sie 16 Jahre alt war, verließ die Mutter Korea und ging mit dem Stiefvater nach Deutschland. Auf sich allein gestellt, begann sie nach der Schule ein Kunststudium. 1972 lud sie ihre Mutter nach Deutschland ein. Mehrere tausend Koreaner waren bis dahin schon nach Deutschland gekommen, Männer als Bergarbeiter, Frauen als Krankenschwestern. Entgegen ihrer Pläne wurde In-Sun Kim Krankenschwester, durchlief anschließend die Diakonissenausbildung und holte an der Abendschule ihr Abitur nach. Statt Kunst studierte sie dann Theologie, 2002 schloss sie ihr Studium an der Berliner Humboldt-Universität ab.

Bereits in Korea war sie in der Kirche aktiv, denn diese sei in Korea nicht dogmatischer Blockierer, sondern gesellschaftlicher Wegbereiter der weiblichen Emanzipation gewesen, erklärt sie. Die Kirchen hatten nach dem Koreakrieg ihre Evangelisierungsbemühungen verstärkt und sich beim Wiederaufbau des Landes engagiert. Heute ist fast ein Viertel der südkoreanischen Bevölkerung christlichen Glaubens, die Freikirchen werden immer einflussreicher. In-Sun Kim beobachtet diese Entwicklungen in ihrem Herkunftsland mit Sorge. „Gefährlich“ sei es, dass diese evangelikalen Bewegungen immer stärker werden und eine Aufklärung nach europäischem Vorbild verhindern, erklärt sie im Gespräch.

Immer wieder ging ihr der gleiche Fragekomplex durch den Kopf. Wo will ich sterben? Will ich in Deutschland beerdigt sein? Das sichere Gefühl, gut integriert zu sein, war plötzlich verschwunden.

Preisverleihung In-Sun Kim

Preisverleihung an In-Sun Kim

Während ihres Theologiestudiums arbeitete sie weiter als Krankenschwester. Sie pflegte Alte, Kranke und Schwache und wurde dabei oft mit dem Tod konfrontiert. Dabei ging ihr immer wieder der gleiche Fragenkomplex durch den Kopf: Wo will ich eigentlich sterben? Will ich in Deutschland beerdigt sein? Das sichere Gefühl, gut integriert zu sein, sich in Deutschland zuhause zu fühlen, war plötzlich verschwunden. Wie auch bei vielen anderen älteren Migranten, bei denen der Zweifel, in Deutschland eine zweite Heimat gefunden zu haben, bestehen bleibt. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamts waren 2008 etwa 10 % der Menschen mit Migrationshintergrund (ca. 1,5 Mio.) 65 Jahre und älter. Die Tendenz ist steigend. Oft können diese aber aus finanziellen oder medizinischen Gründen nicht mehr in ihr Herkunftsland zurückkehren. Für sie besteht hierzulande eine Versorgungslücke.

In-Sun Kim wollte dies ändern und baute 2005 mit sieben koreanischen Krankenschwestern den interkulturellen Hospizverein Dong Heng auf. In ihrer Freizeit pflegte und versorgte sie sterbende Landsleute und machte sich für die kultursensible Pflege in Politik und Verwaltung stark. „Integrative Pionierarbeit“ nennt dies die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John. Vor zwei Jahren suchte In-Sun Kim einen Träger, der das Anliegen einer interkulturellen Hospizarbeit unterstützen wollte. In ihrer Kirche stieß sie auf Desinteresse, ihr jahrelanges Engagement zählte nicht. Auch das ist deutsche Einwanderungsgeschichte, wenn (Integrations-)Leistungen von Migranten kaum anerkannt, geschweige denn honoriert werden.

Der Humanistische Verband in Berlin nahm das Projekt auf. Ausgerechnet der Verband der Konfessionsfreien gab der gläubigen Christin eine Perspektive. Bei ihren alten Bekannten aus der Kirche sorgte dies für Misstöne: Ob sie wisse, wo sie da gelandet sei und ob sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren könne? „Natürlich konnte ich. Ich wurde gut aufgenommen“, erzählt sie lachend. Den Leuten aus der Kirche falle es viel schwerer, zu akzeptieren, dass sie sich bei den „Gottlosen“ wohl fühle, als den Verantwortlichen beim HVD, dass sie gläubig ist, erklärt sie. Und langsam wird deutlich, dass hier keine gewöhnliche Christin westlicher Couleur vor einem sitzt.

Ihr Glauben ist Resultat eines wechselvollen Lebens in verschiedenen Kulturkreisen, vielmehr Bauchgefühl als gepredigtes Dogma. Er ist eine Mischung aus meditativer Ausgeglichenheit, warmherziger Offenheit und mitfühlender Solidarität, findet seine Grundwerte in Respekt, Toleranz und Freiheit. Dabei kommt sie ohne vorgegebene Normen und Absolutheitsanspruch aus. Im besten Sinne selbstbestimmt pflückt sie sich die passenden Blumen von der Wiese ihrer multikulturellen Erfahrungen, um sich einen eigenen „Werte-Strauß“ zusammenzustellen. Klar entstehen Dissonanzen, aber wer lebt schon ohne Widersprüche? Der größte liegt in ihrem Glauben selbst, der kaum mehr konfessionell zu greifen ist. Ob evangelisch, katholisch, buddhistisch, hinduistisch sei doch letztlich egal, sagt sie selbst. „Vagabundierende Religiosität“ nennt der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) und Theologe Reinhard Hempelmann einen solchen Patchwork-Glauben ohne dezidiertes Bekenntnis.

Damit könnte In-Sun Kim sicher gut leben, denn ihr Glaube besteht aus dem, was ihr Leben geprägt hat, begleitet von einer souverän kritischen Haltung gegenüber der Institution Kirche, die ihr oft viel zu eng ist. Zu den ihr Leben prägenden Erlebnissen gehört zweifellos auch ihre Krebserkrankung vor zwei Jahren. Zeitweise habe sie über Suizid nachgedacht, nicht verbittert, sondern annehmend. „Ich habe schon mit 15 Jahren gelernt, für mich selbst zu sprechen und das wäre dann auch meine eigene Entscheidung gewesen“, erklärt In-Sun Kim.

Selbstbestimmtheit und Autonomie, die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen und sie mit Leben zu füllen, diese Ansprüche kristallisieren sich als die Maßgeblichen für ihr Leben heraus. Dazu passt, dass sie nie darauf gewartet hat, etwas von Deutschland zu bekommen, sondern sich immer fragte, was sie diesem Land eigentlich geben könne. Schließlich wurde es eine Dienstleistung für diejenigen, die in Deutschland immer nur als Problemfälle wahrgenommen werden und deren Beitrag zum wirtschaftlichen Wiederaufbau dabei unter die Räder einer verzerrten Debatte gerät. Es wird Zeit, dass dieses Land diese Leistungen auch anerkennt. Aber es gehört wohl auch zur deutschen Migrationsgeschichte, dass dies zu erkennen leider noch einige Zeit dauern wird.