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Plädoyer für die Religionsfreiheit

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Dr. Dr. Joachim Kahl zum Thema „Grenzen der Toleranz – Laizistische Orientierung im Kampf der Ideen, Kulturen, Religionen“.
Dienstag, 4. Oktober 2011
Dr. Dr. Joachim Kahl

Der in Theologie und Philosophie promovierte Wissenschaftler erregte in den 1960er Jahren einiges Aufsehen durch seine Publikation Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott. Den Themen der Religionskritik, der Ethik und Ästhetik ist Kahl bis heute treu geblieben. Die kontroversen Diskussionen über die Verknüpfung von Staat und Kirche, die aktuell durch die Rede des Papstes vor dem Bundestag erneut in den Fokus der Öffentlichkeit geraten sind, nahm er in seinem Vortrag in Bremen und Osnabrück zum Anlass, auf die Notwendigkeit einer Trennung von Kirche und Staat hinzuweisen.

Dabei gab sich der Referent keineswegs religionsfeindlich. Es gehe ihm nicht darum, was der Einzelne glaubt oder nicht glaubt. Dies sei, so Kahl, letztendlich die freie Entscheidung eines jeden Menschen. Wogegen er sich jedoch vehement wehrt, ist die Etablierung einer religiösen Gruppe, die anderen Gemeinschaften ihre Freiheitsrechte abspricht und ihre eigenen Interessen in einem Land und insbesondere in staatlichen Institutionen durchzusetzen versucht.

Kahl plädierte in seinem Vortrag für ein gewaltfreies Zusammenleben auf der Basis eines Pluralismus, der sich an den Menschen- und Bürgerrechten orientiert, besonders an der Parität der Geschlechter und an der Religionsfreiheit in ihrem negativen und positiven Sinn. Erst die säkulare Orientierung garantiere die freie Entfaltung der konkurrierenden Religionen und Weltdeutungen.

Angestrebt wird kein christliches Europa, kein jüdisches Europa, kein muslimisches Europa und freilich auch kein atheistisches Europa, sondern ein demokratisch-pluralistisches Europa, das eben deshalb einen säkularen Rahmen braucht.

Niemand kommt als Muslim, Christ oder Atheist auf die Welt

Es gehe darum, aus romantischen Multi-Kulti-Träumereien zu erwachen und der Realität ins Auge zu sehen, die den Einsatz einer Demokratie statt einer Theokratie fordert, eines religiös-weltanschaulich neutralen Staates. Laizismus ist nicht religionsfeindlich, sondern ermöglicht, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann und keine staatliche Instanz Glaubensinhalte vorschreibt. Damit wird niemanden ein Verzicht auf die eigene Religion abverlangt, sondern – unabhängig von Mehr- und Minderheiten – ihre private und öffentliche Praktizierung ermöglicht: außerhalb von Staatsapparaten.

Besonders kritisch steht der Wissenschaftler der Taufe entgegen. Niemand komme als Muslim, Christ oder Atheist auf die Welt, sondern wir alle werden als Menschen geboren. Erst danach werden wir zu Christen, Muslimen oder Atheisten gemacht. Im Grundgesetz steht, dass niemand zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden darf und ein Recht auf Religionsfreiheit besitzt.  In dem Moment, wo sich Kinder einer religiösen Überzeugung unterwerfen müssen,  werden ihnen die Menschenrechte entzogen. Dieses Menschenrecht müssen auch religiöse Eltern ihren Kindern gewähren. Archaische Initiationsriten wie Taufe oder Beschneidungen entsprächen einer Zwangsmitgliedschaft in einer Religion und seien daher folglich verfassungswidrig.

Auch hinsichtlich des Bildungswesens forderte der Wissenschaftler statt eines stattlich geförderten, bekenntnisbezogenen Unterrichts ein für alle verbindliches Fach „Religions- und Weltanschauungskunde". Kahl bezweifelt, dass eine Trennung  des Schulunterrichts nach religiös-weltanschaulichen Zugehörigkeiten zur Integration beitragen würde. Letztendlich trage sie nur zur Segregation bei, da hier kein menschliches Zusammengehörigkeitsgefühl über weltanschauliche Unterschiede hinweg entstehen kann.

Die Vorträge regten durch die prägnant formulierten Botschaften im Anschluss zu vielen lebhaften Diskussionen unter den Zuhörern an. Aber genau das ist ganz im Sinne von Kahl, der nichts von Kuscheldialogen hält, nur um ja keinen zu verletzen und dem Klartextdialog eindeutig den Vorzug gibt:

Hart aber fair – das ist für alle Beteiligten hilfreich beim Erkennen von Weg und Ziel.