Direkt zum Inhalt
Unser neuer News- & Community-Service – Entdecke die Vielfalt!
view counter

Widerlegung der Kritik an der Papstkritik

DruckversionEinem Freund senden
Je näher der Besuch des Papstes in Deutschland und die Proteste dagegen rücken, desto polemischer wird der Ton gegen die Papstkritiker. diesseits widerlegt einige Argumente der Papstanhänger.
Mittwoch, 21. September 2011
Plakat Papstdemo

Es sind immer wider dieselben Argumente, die die Verfechter des Papstbesuches und dessen Rede im Bundestag vortragen, um die Papstkritiker zu diskreditieren und als extreme Religionshasser hinzustellen. Dabei verbiegen sie die Realität und drehen sich die Tatsachen zurecht, bis passend ist, was passend gemacht werden sollte. diesseits setzt dieser Mythenbildung Fakten entgegen und widerlegt die wichtigsten Argumente der Papstanhänger.

Argument 1: Den Papstkritikern fehlt es an Toleranz gegenüber den Gläubigen in Deutschland.

Die Protestdemonstration des Bündnisses Der Papst kommt richtet sich nicht gegen die gläubigen Katholiken. Ihre Freude, ihr religiöses Oberhaupt zu sehen, ist verständlich und stößt im Bündnis erklärtermaßen auf Toleranz. Gläubige oder der Glaube als solcher werden nicht kritisiert. Nicht toleriert werden hingegen die menschen- und geschlechterfeindliche Sexualpolitik des Papstes sowie dessen Rede im Plenum des Deutschen Bundestages.

Argument 2: Die Papstkritiker unterstellen, dass Papst Benedikt XVI. als religiöses Oberhaupt im Bundestag spricht und seine Rede daher gegen die weltanschauliche Neutralität des Staates verstoßen würde. Der Papst ist aber als Staatsoberhaupt in den Bundestag eingeladen und hat daher ein Rederecht.

Die Rede des Papstes vor dem Deutschen Bundestag ist nur aufgrund des Winkelzugs, ihn als Staatsoberhaupt des 0,4 Quadratkilometer kleinen und ca. 600 Staatsangehörigen umfassenden Vatikanstaats einzuladen, möglich geworden. Doch was soll ein solcher Staatschef, dessen Einflussgebiet als staatlicher Souverän kleiner ist, als das des Bürgermeisters von Oberammergau, den deutschen Parlamentariern sagen? Was soll ein absolutistischer Monarch unseren Politikern mit ihrem demokratischen Selbstverständnis Sinnvolles vortragen? Nein, der Papst wird im Bundestag nicht als Chef des Zwergenstaates Vatikanstadt, sondern als religiöses Oberhaupt der katholischen Kirche sprechen. Nicht versehentlich wird er auf der Webseite des Bundestags als „Heiliger Vater" begrüßt. Dieser Auftritt ist ein massiver Verstoß gegen die säkulare Struktur der Bundesrepublik, gegen die in der Verfassung verankerten Trennung von Staat und Kirche. So nah, wie am Donnerstagnachmittag, waren sich Staat und Kirche in der Bundesrepublik noch nie. So nah sollten sie sich auch nie kommen. Weil es nun dennoch dazu kommt, gehen die Protestler im Papstbündnis auf die Straße.

Argument 3: Den Bundestagsabgeordneten, die der Papstrede fernbleiben wollen, fehlt es an Respekt und Dialogfähigkeit. Ihre antiklerikale Haltung ist skandalös.

Ca. 100 Bundestagsabgeordnete wollen der Rede des Papstes im Bundestag fernbleiben und damit ihren Protest kundtun. Ihnen mangelnde Dialogfähigkeit vorzuhalten, ignoriert, dass der Auftritt des Papstes im Bundestag keinesfalls als Dialog, als Austausch angelegt ist. Der Papst wird von Bundestagspräsident Norbert Lammert begrüßt werden und wird dann das Wort ergreifen. Nach ca. 25 Minuten wird er seine Rede beenden, die Anwesenden werden artig klatschen und der Papst wird sich dann in die Räume des Bundestages zurückziehen, um sich mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde in Deutschland zu treffen. Anschließend macht er sich im Korso über die gesperrten Straßen Berlins zur Messe im Olympiastadion auf. Die Bundestagsabgeordneten haben während und nach seiner Rede keinerlei Möglichkeit, auf die Worte des Papstes direkt einzugehen, Nachfragen an ihn zu richten oder seine Ausführungen in seiner Anwesenheit zu kritisieren. Der Auftritt wird zur Predigt, das Podium im Bundestag zur Kanzel. Ist es tatsächlich Ausdruck mangelnder Dialogfähigkeit, wenn Abgeordnete des Bundestags die Verweigerung des Dialogs durch den Papst nicht hinnehmen wollen und die einzige Möglichkeit ihres Protestes in Form ihrer Abwesenheit nutzen?

SPD-Fraktion im Bundestag

Die SPD-Fraktion will bei der Papstrede keine leeren Plätze dulden. Bei den normalen Plenarsitzungen scheint dies kein Problem zu sein, wie hier zu sehen ist. Foto: Deutscher Bundestag / Simone M. Neumann

Ist es Ausdruck fehlenden Respekts, wenn sich Bundestagsmitglieder auf die Verfassung der Bundesrepublik berufen und an deren Gültigkeit festhalten? Dass sie den Verstoß gegen die darin verankerte weltanschauliche Neutralität des Staates nicht hinnehmen wollen? Wohl kaum. Vielmehr erweisen Sie der Grundlage ihres politischen Handelns, der Verfassung, ihren Respekt. Im Gegensatz dazu Papst Benedikt XVI. und die katholischen Kirche: Bei jenen scheint es an Respekt gegenüber der deutschen Verfassung mangeln. Denn die Einladung in den Bundestag ist auf Wunsch des Papstes erfolgt, wie der CDU-Politiker Stefan Müller im Deutschlandradio sagte. Skandalös ist daher nicht eine angebliche antiklerikale Haltung der protestierenden Bundestagspolitiker, sondern die antisäkulare Position des Papstes, der die verfassungsgemäße Grundlage der Bundesrepublik mit Füßen tritt.

Argument 4: Die Papstkritiker unterschlagen das enorme soziale Engagement der katholischen Kirche.

Dieses Engagement wird keineswegs unterschlagen, aber dieses Engagement tilgt nicht die menschenfeindlichen Positionen, die die katholische Kirche weltweit verbreitet. So ist die Haltung des Papstes zum Kondomgebrauch, zur Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper sowie zu Homo-, Bi- und Transsexuellen massiv diskriminierend und gefährdet die Gesundheit von Millionen Menschen. Daneben tritt das seltsame Rechtsverständnis der katholischen Kirche im Umgang mit den Missbrauchsfällen in den eigenen Einrichtungen. Statt diese durch die nationalstaatlichen Rechtspflegestellen untersuchen und sanktionieren zu lassen, beansprucht die katholische Kirche die Sanktionierung für sich selbst. Der Opferschutz gerät unter die Räder des klerikalen Täterschutzes. Gegen diese Politik auf die Straße zu gehen, ist kein Zeichen von Ignoranz des sozialen Engagements der katholischen Kirche, sondern eine humanitäre Pflicht.

Argument 5: Die Papstkritiker wollen Religion aus der Gesellschaft verbannen.

Inwiefern Religion in der Gesellschaft relevant bleibt, liegt nicht im Einflussbereich der Kritiker des Papstes. Für die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen und ihrer Einrichtungen müssen diese selbst sorgen. Ihr Engagement in vielen Bereichen ist Ausdruck dafür und dieses wird auch nicht in Abrede gestellt.

Die Kritik der Protestler setzt hier auch nicht an, sondern fokussiert den politischen Lobbyismus der katholischen Kirche. Religion und Politik gehören strikt getrennt. Dies hat natürlich gesellschaftliche Implikationen. Wenn radikale Christen gegen die Abtreibung mobil machen, Interessensverbände politische Entscheidungen wie die PID-Abstimmung beeinflussen wollen oder geltendes Recht immer wieder moralisch und skandalisierend infrage stellen (etwa wenn Kardinal Meisner Abtreibungen als Super-Gau bezeichnet), mag das Teil des gesellschaftlichen Engagements sein. Dieses lobbyistische Engagement zielt aber in erster Linie auf die Beeinflussung der politischen Stimmung und damit auf politische Entscheidungsprozesse ab. Nicht die Meinungsbildung soll  unterfüttert, sondern die Entscheidung der Parlamentarier beeinflusst werden. Beste Beispiel waren die unzähligen Serienbriefe, mit denen die Abgeordneten des Bundestags kurz vor der PID-Abstimmung bombardiert wurden. Dies gilt es zu kritisieren.

Die Kritik: Die Proteste laden ein zu gewalttätigen Übergriffen auf Katholiken.

Das Berliner Bündnis Der Papst kommt hat sich einheitlich auf friedliche Proteste verständigt und von Gewalt distanziert. Eine entsprechende Erklärung haben alle Organisationen umgehend unterschrieben. Die Veranstalter sichern die Demonstration durch Berlin zusätzlich mit eigenen Sicherheitskräften, vor allem auch um Übergriffe von außen auf die Demo vorzubeugen.