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Säkularismus als Herausforderung

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Warum der Säkularismus der bestmögliche und im Grunde der einzige zuverlässige Schutz für die Glaubens- und Religionsfreiheit ist!
Freitag, 1. Juni 2012
Humanismus Ja - Religion Nein

Was ist Säkularismus? Kann man das auch so verkürzt zusammenfassen, wie hier die Frage nach dem Humanismus?

Warum ist der Säkularismus der bestmögliche Schutz für die Glaubens- und Religionsfreiheit, wie Humanisten und Säkulare immer wieder betonen? Bevor man diese Frage beantworten kann, muss man sich zunächst fragen, was hier unter Säkularismus zu verstehen ist, denn gemeinhin wird dieser Begriff sehr unterschiedlich genutzt. Es ist sicher nicht Atheismus gemeint, denn dieser Begriff steht für eine dezidierte Überzeugung, die die Existenz eines Gottes verneint und Religionen ablehnt. Diese persönliche Haltung ist ebenso legitim wie jede religiöse Überzeugung, doch im Säkularismus geht es nicht um den persönlichen Glauben, sondern um die Struktur der Gesellschaft. Niemand kann sich die Unterdrückung durch den Zwangsatheismus im kommunistischen Albanien oder den staatlich subventionierten Atheismus der Sowjetunion zurückwünschen.

Säkularismus steht auch nicht für eine Gesellschaft, in der die meisten oder gar alle Menschen der Religion abgeschworen haben. Eine solche Gesellschaft kann säkular sein, ist es aber nicht zwangsläufig. Kirchenfunktionäre warnen häufig, dass so eine Gesellschaft dem Konsum und trivialem Vergnügen verhaftet sei. Es sei dahingestellt, ob solche Sichtweisen eine gewisse Berechtigung haben, aber wenn dem so wäre, bestünde die Gefahr, dass religiöse Überzeugungen von öffentlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Usancen benachteiligt werden könnten. Das wäre das Gegenteil dessen, was hier mit Säkularismus gemeint ist. Eine Gesellschaft, in der Religion weitgehend abgelehnt wird, könnte durchaus einmal entstehen, so wie es in der Geschichte erzreligiöse Gesellschaften gegeben hat und weiterhin gibt, und es könnte sich dann ebenso um eine gute oder um eine schlechte Gesellschaft handeln. Doch das wäre nicht Säkularismus in unserem Sinne.

Ein säkulares Staatswesen steht Religionen und Glaubensüberzeugungen nicht nur neutral gegenüber, sondern ist von ihnen getrennt.

Mit Säkularismus meine ich ein säkulares Staatswesen. Gegenstand dieses Begriffs sind amtliche Stellen, öffentliche Einrichtungen, Rechtsvorschriften und staatliche Konventionen, nicht die Menschen als solche. Ein säkularer Staat konstituiert sich in einer neutralen Verfassung, die alle Religionen und Glaubensüberzeugungen gerecht und gleich behandelt. Es sei angemerkt, dass dabei Glaubensüberzeugungen – ebenso wie in den Menschenrechten – auch nichtreligiöse Weltanschauungen und die Ablehnung von Glaubensinhalten beinhalten. Im Wesentlichen steht ein solches Staatswesen Religionen und Glaubensüberzeugungen nicht nur neutral gegenüber, sondern ist von ihnen getrennt: Religionsgemeinschaften oder Glaubensrichtungen beteiligen sich nicht an der Regierung, und das staatliche Recht befasst sich nicht mit der Durchsetzung von Religionen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Den Beweggrund für eine solche Neutralität und Trennung bildet zweifellos das Bekenntnis zu den Menschenrechten und zum Grundsatz der Gleichheit und dem Diskriminierungsverbot. Dies ist Säkularismus als politisches Prinzip.

Ein so aufgestellter Staat könnte theoretisch ausschließlich aus religiösen Menschen bestehen, möglicherweise aus Anhängern ganz unterschiedlicher Religionen und dennoch säkular sein. Nicht auf die weltanschaulichen Überzeugungen der einzelnen Bürger kommt es an, sondern auf die Neutralität staatlicher Einrichtungen.

In diesem Sinne sind viele Gläubige säkular. Zum Beispiel gibt es in Großbritannien die Gruppe Muslims for Secular Democracy (Muslime für säkulare Demokratie). Tatsächlich ist das Bekenntnis zum Säkularismus unabhängig vom persönlichen Glauben, und es gibt Atheisten und Agnostiker, die nicht als säkular zu betrachten sind, da sie nicht konsequent für die Menschenrechte von Gläubigen einstehen: sie treten ihnen vielleicht geringschätzig gegenüber oder versuchen gar, eine Stellung als Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaft auf unfaire Weise auszunutzen.

Humanisten setzen sich im Allgemeinen für ein säkulares Staatswesen ein. Wir nennen das zuweilen „offene Gesellschaft" (allerdings weiterhin mit der Betonung auf „staatliche Institutionen", nicht auf „Bevölkerung"). Wir stellen Religions- und Glaubensfreiheit über die Verbreitung des Humanismus oder anders ausgedrückt: die Menschenrechte sind wesentlicher Bestandteil unserer humanistischen Weltsicht, denn wenn dies das einzige Leben ist, das wir haben, sollte jeder und jede von uns das Recht haben, so zu leben, wie er oder sie es für das Beste hält.

In seinem Buch Humanism (1968) betrachtete Harold John Blackham (1903-2009) die Schaffung einer offenen Gesellschaft als „allgemeine Akzeptanz des Prinzips der gegenseitigen Abhängigkeit um der Unabhängigkeit willen, die eine notwendige Folge der politischen Demokratie ist". Das Anerkennen dieses Prinzips der gegenseitigen Abhängigkeit harmoniert mit der Akzeptanz des Menschenrechts Anderer, ihr Leben autonom zu gestalten, auch wenn man ihre Auffassungen in keiner Weise teilt.

Jeder, der sich gegen Säkularismus ausspricht, tritt für eine privilegierte Stellung einer bestimmten Glaubensgruppe im Staat und daher für Einschränkungen der Religions- und Glaubensfreiheit Anderer ein.

Welche Folgen hat die Akzeptanz eines säkularen Staatswesens in diesem Sinne für Gläubige und ihre Kirchen und religiöse Vereinigungen? Ebenso wie für Humanisten bedeutet dies, dass sie der Religions- und Glaubensfreiheit einen höheren Stellenwert einräumen müssen als der Verbreitung ihrer Religion. Das heißt, dass das religiöse Leben und die Propagierung von Religion akzeptabel sind, solange dies auf eine Weise geschieht, die die Religions- und Glaubensfreiheit Anderer und die säkulare Ausrichtung des Staatswesens ohne Einschränkung akzeptiert. Das ist alles.

Genaugenommen tritt jeder, der sich gegen Säkularismus in diesem (weithin anerkannten) Sinne als politischem Prinzip ausspricht, notwendigerweise zumindest für eine privilegierte Stellung einer bestimmten Glaubensgruppe im Staat ein und daher aller Wahrscheinlichkeit nach für Einschränkungen der Religions- und Glaubensfreiheit Anderer.

In der Tat ist dies die Argumentationsweise von vielen Gläubigen. In der Regel streben sie damit (zumindest nach ihrer eigenen Überzeugung) die Erfüllung eines religiösen Gebots an. Eine missionarische Religion zum Beispiel, die dieses Leben als Vorbereitung auf ein anderes Leben betrachtet, neigt zwangsläufig dazu, den Werten dieses „Tals der Tränen" einen geringeren Stellenwert einzuräumen als der Errettung von Seelen für alle Ewigkeit.

David Pollock

David Pollock

Eine andere Argumentationsstrategie von Gläubigen wäre die Berufung auf eine höhere Einsicht, die ihnen ihre Religion bietet. In diesem Falle würden sie sich auf Vorgaben stützen, die ihrer religiösen Doktrin entstammen, wie die römisch-katholische Kirche, wenn sie auf Basis ihres eigenen naturrechtlichen Konzepts versucht, ihre moralischen Werte der Gesellschaft als Ganzes aufzuerlegen. Die Kirche nimmt eine eigentümliche teleologische Sichtweise auf die Menschheit ein, von der aus sie Zirkelschlüsse zieht, die ihren eigenen Doktrinen gänzlich entsprechen. Sie kann dann zum Beispiel – wie im geplanten Konkordat mit der Slowakei – versuchen, im allgemeinen Recht eine enge Auslegung des Gewissens zu verankern, die vollständig auf der katholischen Glaubenslehre beruht. Sie kann Politiker zur Ablehnung von Gesetzesvorschlägen ermahnen, wenn sie der katholischen Morallehre zuwiderlaufen. Wenn der Papst angibt, er unterstütze etwas, das er „Säkularität" nennt, soweit keine moralischen Fragen betroffen seien, behält er sich vor, die moralischen Maßstäbe seiner Kirche allen Menschen aufzuerlegen. Dies ist zweifellos bei seinem Widerstand gegen die Geburtenkontrolle der Fall, der weitaus mehr Nichtkatholiken in der Dritten Welt betrifft als Kirchenmitglieder.

Religiöse Führer nehmen sich das Recht heraus, ihre Überzeugungen allen und jedem Einzelnen aufzuerlegen. Ein solches Recht lässt sich nur im Rahmen ihrer eigenen religiösen Überzeugungen begründen.

Ebenso erkennen Muslime (und andere), deren Religion keinen Unterschied zwischen säkularen und religiösen Lebensbereichen kennt, oft nicht die klare Trennung, die andere Menschen ziehen, da es für sie viele Aspekte des Lebens gibt, die nicht von ihrer Religion oder anderen Überzeugungen bestimmt werden. Wo diese Unterschiede nicht gemacht werden, bezieht die Religion notwendigerweise Stellung zu allen Fragen und sieht schnell die Notwendigkeit einer Theokratie, wie dies in verschiedenen islamischen Republiken der Fall ist. Menschenrechte zählen in einem solchen System nur wenig: zur herrschenden Religions- und Glaubensfreiheit gehört ganz sicher nicht die Freiheit, den Islam abzulehnen, und die Auswirkungen der Scharia können jedermann, unabhängig von seiner eigenen Überzeugung, treffen.

Sowohl Katholiken als auch Muslime, die sich in der beschriebenen Weise verhalten, erfüllen das, was sie als religiöse Gebote ansehen, ebenso wie andere Gläubige, die ähnliche Positionen einnehmen, mit denen sie religiöse Betrachtungsweisen über die Menschenrechte stellen. Diese anderen Gläubigen mögen weniger extrem sein; zu ihnen gehören jedoch alle, die sich gegen den Säkularismus im Sinne der Definition stellen.

Unsere Herausforderung ihnen gegenüber besteht schlicht darin, sie dazu zu bringen, sich zu ihrer Position zu bekennen. Die Behauptung solcher Gläubigen, dass sie die Menschenrechte sowie die Religions- und Glaubensfreiheit respektieren, ist bestenfalls eine Selbsttäuschung und schlimmstenfalls scheinheilige Augenwischerei. Sie – und insbesondere ihre Religionsführer – nehmen sich das Recht heraus, ihre Überzeugungen sowohl allen als auch jedem Einzelnen aufzuerlegen. Ein solches Recht lässt sich nur im Rahmen ihrer eigenen religiösen Überzeugungen begründen. Wenn sie Machtstellungen oder Einflussmöglichkeiten zur Ausübung eines solchen Rechts ausnutzen, schränken sie die Freiheit anderer ein, und zwar nicht nur die Religionsfreiheit, sondern auch weitaus umfassendere Rechte, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht, sich nach dem eigenen Geschmack zu kleiden, das Recht auf sexuelle Entfaltung usw.

Zu den ersten, die unter einer solchen doktrinären Religion leiden, gehören viele ihrer eigenen Anhänger, deren Überzeugungen und Werte von der orthodoxen Linie abweichen. Ihr stillschweigender Gehorsam und ihre Unterwerfung unter religiöse Anordnungen wird von religiösen Führungspersönlichkeiten gefordert, die den Grad der Kritik und des Unmuts in ihren eigenen Reihen zuweilen unterschätzen mögen, die sich aber oftmals sehr wohl darüber im Klaren sind und bewusst darüber hinwegsetzen, wie dies bei der römisch-katholischen Kirche und ihren Glaubenssätzen zu Verhütung und Abtreibung der Fall ist.

Von diesen religiösen Führern fordern wir ein, dass sie sich zu ihrer Position bekennen. Als Erben einer gegebenenfalls historisch privilegierten Stellung (wie dies bei den anerkannten Kirchen der Fall ist) und tiefgläubigen Anhängern ihres Glaubens dürfte ihnen das nicht immer leicht fallen. Sie stehen vor der Wahl, ihre eigenen religiösen Grundsätze über die Freiheit aller anderen zu stellen oder anzuerkennen, dass sie in einer Welt leben, in der sich Menschen in einer befremdlichen Vielfalt religiöser und anderweitiger Überzeugungen bewegen und dass sie keine objektive Rechtfertigung für eine überlegene Machtstellung für sich selbst besitzen, wie tief ihr eigener Glaube auch immer sein mag. (Selbst nach eigenen Maßstäben muss die katholische Kirche anerkennen, dass sich ihr moralisches Beispiel, vorsichtig ausgedrückt, etwas trübe darstellt und eine gewisse Skepsis gegenüber ihrem Recht hervorruft, über andere zu bestimmen.)

Religiöse Führungsfiguren werden sich wie alle anderen damit abfinden müssen, dass sich ihre Ansichten nicht durchsetzen, wenn ihr Argument nicht überzeugt.

Welche Kompromisse werden dogmatischen (religiösen wie nichtreligiösen) Anführern – nichtreligiösen eher weniger, da ihre Überzeugungen selten dogmatisch sind oder durch straffe Strukturen gestützt werden – dadurch abverlangt? Sie müssen die Legitimität anderer Glaubensüberzeugungen und moralischer Positionen anerkennen und akzeptieren, dass in einer offenen Gesellschaft rechtliche oder institutionalisierte Privilegien für ihr eigenes Glaubenssystem nicht zu rechtfertigen sind. Dies stellt zum Beispiel öffentliche Subventionen für Kirchen infrage (wie die Kirchensteuern, die in vielen Ländern Europas üblich sind), aber auch Machtstellungen in der Gesetzgebung (wie die 26 Sitze im britischen Parlament, die Bischöfen der Anglikanischen Kirche ex officio zustehen) und historische Privilegien im Bildungssystem (wie die Integration religiöser Unterweisungen in den allgemeinen Lehrplan oder die Finanzierung kirchlicher Schulen über allgemeine Steuern) oder in den öffentlichen Medien (wie die Dominanz des Christentums im staatlichen Rundfunk in zahlreichen Staaten).

Papstbesuch 2012. Demonstration in Berlin anlässlich der Papstrede im Bundestag.

Für eine klare Trennung von Staat und Kirche gingen im vergangenen September anlässlich der Papstrede im Bundestag 15.000 Menschen in Berlin auf die Straße. Foto: Thomas Hummitzsch

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kirchen oder andere religiöse (oder humanistische) Stimmen verstummen oder aus der Öffentlichkeit verbannt werden sollen. Ganz im Gegenteil: Das Menschenrecht der freien Meinungsäußerung gilt für alle Menschen (nicht für Gruppen oder Institutionen), und ihre Stimmen werden je nach der Anzahl ihrer Anhänger und ihrer Überzeugungskraft gehört werden. In einer offenen Gesellschaft sollte die Staatsführung allen Menschen Gehör schenken, den verschiedenen Stimmen je nach Weisheit und Kompetenz, die sich in ihnen oder ihrer demokratischen Anhängerschaft auszudrücken scheinen, Gewicht geben und letztendlich Entscheidungen in eigener Verantwortung treffen. Religiöse Anführer werden sich wie alle anderen damit abfinden müssen, dass sich ihre Ansichten nicht durchsetzen (und nicht durchsetzen dürfen), wenn ihr Argument nicht überzeugt.

Soweit dies für manche religiösen Forderungen eine gewisse Kompromissbereitschaft erfordert, damit man mit der restlichen Gesellschaft in Frieden und im Einklang leben kann, werden sie gewiss – wie viele ihrer Glaubensbrüder – in ihrem Glauben eine Rechtfertigung dafür finden, dass sie die Unabhängigkeit anderer respektieren, die ihre Überzeugungen nicht teilen. Um schließlich zu erkennen, dass Menschen voneinander abhängig sind, und dass die „Goldene Regel" des gegenseitigen Respekts erfordert, dass man auf die Anmaßung verzichtet, denjenigen eigene Werte aufzuerlegen, die diese nicht teilen.