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Oh heilige Einfalt in der Eifel!

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Religionsunterricht und Kindeswohl stehen momentan in vielfältiger Art und Weise im Fokus gesellschaftlicher Debatten. Erwin Kress kommentiert ein Urteil aus der Eifel, wonach zwei konfessionsfrei erzogene Kinder in den Religionsunterricht gehen müssen, weil ein Fernbleiben "eine Gefährdung des Kindeswohls" darstellen soll.
Donnerstag, 2. August 2012

Ein Mädchen und ein Junge, sechs Jahre alte Zwillinge, werden nach den Sommerferien eingeschult. Sie leben mit ihrer Mutter in dem 1.500-Seelen Dorf Kesternich in der Nordeifel. Das Dorf ist katholisch, wie man so sagt. Die seit fünf Jahren getrennt lebenden Eltern sind konfessionslos, die Kinder auch. Nun konnten sich die beide sorgeberechtigten Eltern nicht darüber einigen, ob die Kinder in der Schule katholisch spielen sollen, oder nicht. Die Kinder wollen nicht, die Mutter auch nicht. Aber der Vater hält es für richtig, wenn seine Kinder am Religionsunterricht und den Schulgottesdiensten teilnehmen, weil sie sonst aus der Schulgemeinschaft ausgegrenzt werden könnten. Woher kommt diese Angst und das mangelnde Verrauen in seine offenbar getrennt von ihm lebenden Kinder? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, warum er konfessionlos ist und was dies für ihn bedeutet. Der Vater ruft das zuständige Amtsgericht an und findet einen verständigen Richter, Herrn Robert Plastrotmann. Halten wir uns an ihn.

Kirche in Kesternich

Die (Kesternicher) Kirche im Dorf lassen, fordert unser Autor in seinem Kommentar | Foto: Steffen Heinz

Herr Plastrotmann hört die Eltern an und die Kinder, die nicht in den Religionsunterricht wollen. Er hört auch noch das Jugendamt und trifft dann eine erstaunliche Feststellung: „Die Nichtteilnahme an den genannten schulischen Veranstaltungen stellt eine Gefährdung des Kindeswohles dar", verkündet das Urteil (zitiert nach Spiegel-online vom 30.7.2012).

Aha - Juden, die sich nicht taufen lassen, blieben chancenlos im Ghetto, das habe ich gerade wieder gelesen! Aber diese tausendjährige Praxis, in der wir Deutsche so viel Übung hatten, ist doch vorbei, oder? Die Kesternicher könnten sich diskriminiert fühlen, wenn ihnen das Gericht so wenig Toleranz unterstellt, Vorsicht! Herr Plastrotmann, erwarten sie vielleicht Klassenkeile für Religionslose? Wenn das so wäre, warum sollten diese Nichtchristen dann in Ruhe am Religionsunterricht teilnehmen können oder gar die heilige Handlung im Schulgottesdienst entweihen dürfen? Das muss doch erst recht Keile geben! Die Ghettos durften aus diesem Grund nicht in der Nähe des Doms sein! Herr Plastrotmann, geben Sie zu, Sie haben nicht weiter nachgedacht. Das wird Ihnen vermutlich auch die nächste Instanz bescheinigen. Da drücken wir der Mutter die Daumen.

Kinder können untereinander in gewissem Maße grausam sein, ja. Aber heute wird gemobbt, weil man nicht das richtige Handy hat oder nicht die angesagten Klamotten trägt, vielleicht auch, weil die Eltern sozial ausgegrenzt sind. Aber wegen Religionsuntericht? Gott bewahre! Nichts hat unsere Kinder, denen wir seinerzeit die Teilnahme am (evangelischen oder katholischen) Religionsunterricht freigestellt hatten, dazu bewegen können, dort lange auszuhalten. Eine Ausgrenzung deswegen fand auch auf unserem westfälischen Dorf nicht statt. Katholische Pflichtteilnehmer könnten sich ihrerseits fragen, warum sie denn teilnehmen müssen. Aber solche potenziellen Ketzer lassen sich noch mit dem Hinweis auf die lukrative Erstkommunion in zwei Jahren bei der Stange halten.

Was hätte Herr Plastrotmann denn sonst denken können? Er hätte sich fragen können, was das denn für eine Gemeinschaftsgrundschule ist, an der man ausgegrenzt wird, wenn man nicht katholisch ist, sondern vielleicht Muslim oder Jude oder eben konfessionslos? Darf das denn sein? In Köln hat ein Richter nachgedacht, als es um Fragen der Beschneidung und Abwägung von Rechtsgütern ging. Aber gut, das Urteil von Herrn Plastrotmann stammt vom Mai. Da konnte man ja noch nicht wissen, ob Denken in solchen Fragen erlaubt ist.

Herr Plastrotmann hätte sich fragen können, wie es um die Trennung von Staat und Kirche bestellt ist, wenn sich hier die Instanzen so verquicken, dass dadurch Kindeswohl gefährdet wird. Er hätte sich auch fragen können, wieso eine Gemeinschaftsgrundschule einen Schulgottesdienst durchführt. Ist Gemeinschaftsgrundschule eine Religion? Nichts dagegen, wenn zu Schuljahresbeginn oder bei sonstigen Gelegenheiten die Kirchen oder Glaubensgemeinschaften ihre Schüler zu Gottesdiensten zusammenrufen, aber das ist doch bitte schön keine Schulangelegenheit und hat außerhalb der Unterichtszeiten stattzufinden.

Religiöse Symbole

Religionsfreiheit - ein hohes Gut, meinen auch die Vereinten Nationen

Und Herr Plastrotmann hätte sich erinnern können an Artikel 14 der UN-Kinderrechtskonvention, von Deutschland unterzeichnet und hier in Kraft getreten am 5. April 1992, also 20 Jahre vor seiner Urteilsfindung: 

[Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit]

 

(1) Die Vertragsstaaten achten das Recht des Kindes auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit.

 

(2) Die Vertragsstaaten achten die Rechte und Pflichten der Eltern und gegebenenfalls des Vormunds, das Kind bei der Ausübung dieses Rechts in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu leiten.

Aber vielleicht ist unser guter Richter auch Opfer dieser blödsinnigen Übersetzung geworden und hat sich gedacht: gedankenfrei, gewissensfrei, das kann ja nichts werden.

Aber er hatte ja die Kinder in Einklang mit Art. 12 der Konvention vor Gericht gehört. Nun hätte er klären müssen, wie man die Kinder bei der Ausübung ihres Rechtes auf Freiheit der Religion bzw. Freiheit von Religion in der entsprechenden Weise leitet. Ach Gott, solche Fragen, im Amtsgericht, in der Eifel? Ja warum denn nicht? Oder droht hier bei unbilligen Gedanken ggf. auch eine Gefährdung des Erwachsenenwohls durch die katholische Umgebung?

Nordrhein-Westfalen hat ja Fortschritte gemacht. Aleviten dürfen jetzt Religionsunterricht anbieten. Mit islamischen Verbänden ist der Rechtskuddelmudel inzwischen auch soweit, dass man einen quasi staatlich kontrollierten Islamunterricht anbieten kann. Aber  Religionslose? Um dieses Viertel der Bevölkerung muss man sich nicht kümmern, da werden ja nicht die Kinder ansonsten in Hinterhöfen zu Terroristen ausgebildet. Kindeswohl? Die betreut doch ein Lehrer nebenbei, wenn andere Kinder Religion haben, die können ja mit ihm in eine andere Klasse gehen. Beklagen sich denn die Eltern? Da ist doch kein Aufstand.

Der Humanistische Verband hat vor Jahren beantragt, Lebenskundeuntericht an den Grundschulen in NRW erteilen zu dürfen. In Berlin nehmen über 50.000 Schüler freiweillig am Lebenskundeunterricht des HVD teil. Das Kultusministerium in NRW hat dies abgelehnt, die Klage des Verbandes dagegen hängt vor dem Oberverwaltungsgericht. Entsprechend folgerichtig ist es, wenn HVD-Präsident Frieder-Otto Wolf im Urteil die "schlechte Bildungslandschaft in Nordrhein-Westfalen" gespiegelt sieht (Hier zur Mitteilung des HVD).

Nun, wenn Eltern nicht sehen, welche Möglichkeiten sie ihren konfessionslosen Kinder bieten können, und wenn das Schulministerium einen freiwilligen humanistischen Lebenskundeunterricht für nichtreligiöse (und religiöse) Kinder von sich weist, dann braucht man sich über die heilige Einfalt in der Eifel nicht zu wundern.

Der Landesverband NRW des HVD freut sich über Kontakt mit allen Eltern, die dies anders wollen (Tel. 0231-527248 bzw. info@hvd-nrw.de).