Offener Brief des Humanistischen Verbandes an den Papst
Eure Exzellenz Benedikt XVI., anlässlich Ihres bevorstehenden Besuchs in Deutschland sehen wir die Notwendigkeit, uns mit einigen klarstellenden Worten an Sie zu wenden und Sie über unsere Erwartungen als Weltanschauungsgemeinschaft nichtreligiöser Menschen und Interessenvertretung von Konfessionsfreien in Deutschland zu informieren. Wir gehen dabei davon aus, dass die kulturelle Weiterentwicklung in offenen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaften sowie ein friedliches Zusammenlebens auf den Dialog und das Gespräch angewiesen sind. Daher halten wir es für sinnvoll, uns nicht nur an Mitglieder der katholischen Kirche zu wenden, mit denen wir heute schon große Schnittmengen in der Betrachtung von problematischen Punkten finden. Wir beurteilen es ebenfalls als zielführend, uns an Sie persönlich zu wenden.
Wir wissen, dass Sie nicht nur eine Persönlichkeit der Repräsentation, sondern auch der Identifikation für viele Menschen sind. Wir wissen auch um das menschliche Bedürfnis nach mitfühlenden und solidarischen Gemeinschaften, die unterschiedlichsten Wünsche nach Sinnstiftung sowie deren Notwendigkeit. Wir teilen die Einschätzung, dass wir als Spezies in einem sinnleeren Universum auf tragfähige Angebote und Möglichkeiten zur individuellen Verortung und Entwicklung von menschlichem Leben, den Frieden und die Freiheit bejahenden Überzeugungen und Lebensentwürfe angewiesen sind. Hier haben Sie seit 2005 als Kirchenoberhaupt eine besondere Verantwortung übernommen.
Schließlich betrachten wir Sie als einen Träger von erheblichem Einfluss für die Entwicklung der menschlichen Kultur. Der daraus resultierenden Verantwortung werden Sie aber nach unserer Einschätzung in vielfältiger Weise nicht ausreichend gerecht. Wir schätzen es daher als unverzichtbar ein, Ihnen als dem Oberhaupt der katholischen Kirche und Vertreter einer großen Gemeinschaft von Menschen anlässlich der bevorstehenden Reise durch Ihr Heimatland einige unserer Positionen und Ansichten vorzutragen. Denn wir halten es im Sinne der Humanität für dringend erforderlich, dass die katholische Kirche als veränderlicher Gegenstand ihr Verhältnis zur sich rapide entwickelnden globalen Gesellschaft und ihre eigene Rolle in dieser neu bestimmt.
Wir rufen Sie deshalb dazu auf, die für Sie offenbar grundlegende Position zu revidieren, dass die Produkte der menschlichen Vernunft nicht ausreichende oder sichere sowie auch ohne Bindung an religiöse Überzeugungen taugliche Mittel zur Gewährleistung einer Humanisierung und Kultivierung unserer globalen Gemeinschaften bieten, um das freiheitliche und friedliche Zusammenleben der Menschheit zu ermöglichen. Im Rahmen dessen erwarten wir auch eine Korrektur bei der von Ihnen perpetuierten Anspruchshaltung von einem Vorrang des Katholizismus in Fragen der menschlichen Moral, sowohl in Bezug auf die Verhältnisse der christlichen Gemeinschaften untereinander wie auch in Bezug auf das Verhältnis zu anderen Gemeinschaften außerhalb der Kirchen.
Wir rufen Sie im Namen der Humanität auch dazu auf, auf die Schmähung der von der katholischen Lehre abweichenden Auffassungen als „Diktatur des Relativismus" zu verzichten und es zu unterlassen, die Säkularisierungsprozesse in Europa auf eine Stufe mit religiösem Fundamentalismus zu stellen. Wir bitten Sie, zur Kenntnis zu nehmen, dass die säkularsten und pluralistischsten Gesellschaften in den Nationen zu finden sind, die nach den Daten des anerkannten Global Peace Index die friedlichsten Länder weltweit sind.
Wir fordern Sie im Namen der Humanität auch dazu auf, Ihre Auffassungen in Fragen der Sexual- und Reproduktionsethik grundsätzlich zu revidieren. Als Inhaber einer Verantwortung, die Sie in erster Linie als Mensch gegenüber allen Menschen haben, erwarten wir von Ihnen, dass Sie die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse uneingeschränkt akzeptieren und zur obersten Prämisse Ihres Handelns machen. Wir beurteilen es als unverantwortlich und inakzeptabel, wenn theologisch tradierte Überzeugungen und spezifisch kirchliche Interessen den Grundsätzen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und humanitär dringenden Notwendigkeiten übergeordnet werden, ob mit Blick auf die Rolle von Frauen, die Stellung von Menschen mit nicht-heterosexueller Identität sowie beim Blick auf das dramatische Bevölkerungswachstum in vielen Ländern der Welt oder die Entwicklung von säkularen, rechtstaatlichen und tragfähigen Demokratien. Wir erinnern Sie hier daran, dass die Bischofskonferenz in Pakistan im Februar vor dem Hintergrund der Ziele muslimischer Glaubensangehöriger [falls das so gemeint ist] feststellte, es wäre „zwingend erforderlich, staatliche und religiöse Angelegenheiten zu trennen".
Auch mit Blick auf die Herausforderungen des demographischen Wandels in Deutschland und in anderen europäischen Staaten rufen wir Sie dazu auf, den Möglichkeiten zur Gewährleistung einer stabilen und mit dem Recht auf Selbstbestimmung zu vereinbarenden Entwicklung der Gesellschaften nicht im Wege zu stehen und ihnen gegenüber den tradierten Auffassungen Ihrer Kirche den gebührenden Vorrang einzuräumen.
Die demografische Entwicklung, die sozial wie ökologisch die unverzichtbare Nachhaltigkeit gewährleisten will, ist unvereinbar mit Ansichten, die auf einem Primat religiöser Auffassungen spezieller Prägung fußen und deren Thesen sich prinzipiell einer kritischen Überprüfbarkeit unter modernen und hochentwickelten Standards entziehen wollen. Sie haben unserer Auffassung nach die Pflicht, in dieser Frage die kirchlichen und politischen Entscheidungsträger auf eine aufgeklärte und für das Wohlergehen der Menschheit verantwortungsbewusste Haltung zu drängen.
Wir rufen Sie auch dazu auf, von der durch die Kirche angestrebten Neuevangelisierung Europas erkennbar Abstand zu nehmen. Obwohl wir selbstverständlich prinzipiell jeder Organisation das Recht zusprechen, für ihre Ideen und Meinungen aktiv zu werben, bewerten Humanistinnen und Humanisten die Billigung solcher Verfahren unter anderem unter dem Aspekt, wie sich die vertretenen Ansichten mit der Europäischen Menschenrechtskonvention und in nationaler Hinsicht mit unserem Grundgesetz vereinbaren lassen. Während wir durchaus für denkbar halten, dass sich der Katholizismus langfristig dergestalt entwickelt, dass er mit den universellen Menschenrechten und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht in Widerspruch steht, haben wir heute jedoch - gemeinsam mit vielen weiteren Organisationen der Zivilgesellschaft, darunter auch vielen christlichen Gläubigen - erhebliche Zweifel an der momentan behaupteten Vereinbarkeit. Der Versuch einer Neuevangelisierung Europas durch die katholische Kirche wird in der derzeitigen Lage von uns mit starkem Befremden beobachtet. Als verständige Person sollten Sie die weitverbreitete Skepsis gegenüber diesem Vorhaben insofern würdigen, als dass die Konsequenzen in einer deutlichen Reform der von Ihnen vertretenen Meinungen münden. Nicht nur viele konfessionsfreie Menschen, sondern auch gläubige Christen und Katholiken würden Ihre Bemühungen in dieser Richtung begrüßen.
Wir fordern Sie auch dazu auf, Ihre Haltung zur Existenz der historischen Staatsleistungen und Konkordate zu überdenken, deren Fortbestand in breiten Teilen unserer Gesellschaften keine Billigung mehr findet und die sich heute nur noch machtpolitisch begründen lassen. Sie sollten ferner darauf hinwirken, dass mit Ihrem persönlichen theologischen Diktum nicht einverstandene Menschen, darunter engagierte und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusste Mitglieder der katholischen Kirche, nicht länger im Beruf diskriminiert werden.
Wir verlangen von Ihnen außerdem die lückenlose Aufklärung der durch der katholischen Kirche angehörigen Priester und Ordensleute begangene Delikte an Heim- und Internatskindern unmissverständlich zu befürworten und umzusetzen. Es ist aus unserer Sicht nicht hinnehmbar, wenn sich Inhaber kirchlicher Ämter ihrer Verantwortung nach staatlichem Recht entziehen.
Wir weisen Sie darauf hin, dass Ihr Interesse an einem makellosen Bild der Kirche und der Angst vor Kontroversen in Zukunft nicht höher wiegen darf als das Interesse von durch solches kirchliches Handeln betroffene Menschen, deren Ergebnisse nach Maßstäben staatlichen Rechts und aus Sicht der universellen Menschenrechte nicht zu billigen sind.
Wir rufen Sie schließlich dazu auf, dass Sie die Einordnung der katholischen Kirche als gleichrangiges Subjekt in der gesellschaftlichen Realität realisieren, wie sie für alle anderen verfassten Vereinigungen religiösen oder weltanschaulichen Charakters praktische Realität ist. Als Oberhaupt der katholischen Kirche haben Sie die humanitäre Pflicht, Ihre Handlungsspielräume für das Wohl der gesamten Menschheit in einer Weise fruchtbar zu machen, die von der Mehrheit aller Mitglieder unserer Spezies und aus einer verständigen, aufgeklärten und nichtdogmatischen Perspektive befürwortet werden kann. Humanistinnen und Humanisten teilen das Interesse an dem konsequenten Eintreten für eine friedliche, freie und menschenwürdige Gesellschaft auf unserem Planeten ebenso wie viele andere Menschen. Wir rufen Sie daher dazu auf, Ihrer Verantwortung als ein Mensch unter Menschen endlich gerecht zu werden, um das Wohlergehen unserer Art in diesem einen Universum auf eine Weise zu fördern, die den Menschen unabhängig von ihren jeweiligen Ansichten und Orientierungen eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit garantiert und menschliches Leid nach Möglichkeit minimiert.
In Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir mit freundlichen Grüßen
Prof. Frieder Otto Wolf (Präsident) & Helmut Fink (Vizepräsident)








