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Flechtheim würde Dich jetzt sehr umarmen

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Anlässlich der Verleihung des Ossip-K.-Flechtheim-Preises an die STIFTUNG ZURÜCKGEBEN dokumentiert diesseits.de die Laudatio von Lea Rosh.
Montag, 31. Oktober 2011
Lea Rosh

Die Laudatio zur Verleihung des Ossip-K.-Flechtheim-Preises 2011 an die STIFTUNG ZURÜCKGEBEN hielt Lea Rosh.

Seit mehr als dreißig Jahren arbeite ich an dem Thema „Deportation und Ermordung der Europäischen Juden". Eberhard Jäckel und ich haben zu diesem Thema die längste, 6-stündige deutsche Dokumentation für die ARD gedreht: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, das Celan-Gedicht leitete jede der 4 Fernseh-Teile ein. Und immer wieder hat mich, hat uns, die Frage beschäftigt: Warum ein Meister aus Deutschland? Warum die Deutschen, warum die Juden?

Götz Aly hat jetzt dazu ein Buch mit diesem Titel vorgelegt, in dem er ausführt, sehr verkürzt, sage ich das jetzt, dass sich der Aufstieg der deutschen Juden von 1800 bis 1933 vollzog und dass das einherging mit der Mißgunst der langsameren christlichen Zeitgenossen. Deren nationaler Dünkel speiste sich aus Schwäche und Neid. Ich füge dem Neid hinzu: auch Habgier. Das, neben vielem anderen, so Götz Aly, führte schließlich zu dem mörderischen Antisemitismus. Das war natürlich nicht die Ursache, füge ich hinzu. Die lag in Hitlers Wahnvorstellungen, die Juden aussondern und ermorden zu wollen, hat aber den Antisemitismus derer, die profitiert haben, gesteigert - und belohnt. Denn sie haben kräftig profitiert davon, dass die jüdischen Banker, Ärzte, Geschäftsinhaber, Dirigenten, Anwälte, Hochschullehrer usw. usw. nicht mehr da waren. Sie konnten Stellen besetzen, die sie sonst nie hätten besetzen können. Und sie konnten sich nehmen, unter den Nagel reißen, was die Juden besessen hatten: Häuser, Wohnungen, Praxen, Schmuck, Gold und Silber, Konten, Bargeld. Ihr Hab und Gut, in ganz Europa zusammengeraubt, kam unter den Hammer. Für nichts, für Pfennige, konnten sie in Versteigerungen alles bekommen, was ihr Herz begehrte: Vom gestickten Taschentuch über Unterwäsche, Zahnprotesen, Sesseln, Truhen, Kerzenleuchtern. Sie konnten alles ersteigern, wonach sie gierten. Als ich in einer Ausstellung, jetzt, hernach, die Gebisse sah, die ersteigert werden konnten, blieb mir denn doch die Luft weg.

Ich habe diese Art von Habgier mehrmals bei meinen vielen Filmaufnahmen, die ich für das Fernsehen gedreht habe, erlebt. 3 Beispiele will ich Ihnen kurz schildern.

Erste Geschichte

In Baden-Württemberg gibt es ein Dorf, es heißt Buttenhausen. Ein Dort mit heute an die 1.000 Einwohnern. Bis 1933 hatten in diesem Dorf zur Hälfte Jüdinnen und Juden gelebt. Mitten durch das Dorf ging eine Straße, die Trennlinie zwischen dem jüdischen und dem christlichen Teil. Auf der einen Seite stand, bis 1938, eine kleine Synagoge, auf der anderen eine Kirche. Juden und Christen heirateten nicht untereinander. Aber sie lebten in guter Nachbarschaft miteinander. Mehr als 300 Jahre.

Das gute nachbarschaftliche Verhältnis hielt bis 1933. Dann wirkte das Gift der NS-Propaganda. Die Nachbarn wurden nicht zu Untermenschen. Das nicht gerade. Aber man ging eben auf die andere Straßenseite, wenn man Juden erblickte:

Öfach als Trennung praktisch, sagte mir eine Frau aus Buttenhausen auf meine Frage: Halt einfach so. Mir san jetzt das, die Arier, und das is an Jud, an andrer Stamm.
Die Juden, das warn doch die Andern.

Als ich mir das Dorf genauer ansah, traf ich auf dem alten jüdischen Friedhof einen weißhaarigen Mann, der mit einer Handbürste die alten vermoosten jüdischen Grabsteine säuberte. Er putzte gerade den Stein eines alten Ehepaares, sie waren 80 Jahre alt geworden und seien, wie er mir erzählte, der Deportation durch Selbstmord zuvorgekommen. Das war 1943. Er sagte von sich, er sei ein „Reingeschmeckter" und habe auf Dachböden die Geschichte von Buttenhausen, seiner Juden vor allem, entdeckt. Die Juden seien sehr erfolgreiche Viehhändler gewesen. Dieser Beruf war ihnen ja nicht verwehrt worden. Aber damit hatten sie es zu kleinem Wohlstand gebracht.

Ossip-K.-Flechtheim-Preisverleihung 2011 II

Gebannt verfolgten die Gäste bei der Ossip-K.-Flechtheim-Preisverleihung die Rede von Lea Rosh.

Er habe das Dorf unter größten Schwierigkeiten dazu gebracht, sich zu der Geschichte des Dorfes, zu seinen ehemaligen jüdischen Bewohnern, zu bekennen. Warum er das denn gemacht hat, wollte ich wissen?

Hach, weil sie doch ein Teil des Dorfes warn, sie gehörten doch dazu, sagte er mir.

Er hatte eine Ausstellung mit Fotos und Dokumenten, vor allem über die Juden des Dorfes, ihr schönes, buntes Leben, ihre Berufe und Tätigkeiten zusammengestellt und zur Eröffnung vier Überlebende eingeladen. Aus den USA. Vier aus Buttenhausen. Natürlich wollte ich das Zusammentreffen in Bild und Ton festhalten.

Das Treffen fand in einer Dorfkneipe statt. Beklemmung, aber auch Freude, auf beiden Seiten. Austausch von Erinnerungen. Auslassen, zunächst, aller möglichen Peinlichkeiten. Aber dann kam die Rede eben doch auf das Haus, in dem die Jüdin früher mit ihren Eltern gelebt hatte. Bis sie das Dorf verlassen mussten. Die Jüdin fragt eine ältere Frau am Tisch, die sie natürlich wiedererkannt und begrüsst hatte, nach dem Haus, ob sie noch darin wohne. Verlegenheit. Zu Recht. Denn es kommt bei Nachfragen heraus, dass das Haus für fast nichts erstanden worden war.

Ja mei, sagt die ältere Frau, natürlich lebe sie noch in dem Haus.

Rosel, so hieß die Frau aus Amerika, bekommt rote Flecken im Gesicht. Sagt nichts. Die Beklommenheit nimmt zu. Nun ist es nicht mehr möglich, einfach Erinnerungen auszutauschen. Und so fragt denn der weißhaarige Bauer, der „Reingeschmeckte":

Habe Sie sich vor der Deportation von de Jude verabschiede könne?

Schweigen. Dann sagt schließlich eine der Frauen:

Ja, als die Dreyfuß-Fraue gesagt habe, dass sie nit komme, um 'adieu' zu sage, da sin ma naus. Und da hat die Bertha mich in den Arm genomme und gsagt:
‚Maria, du hast so a großes Haus, du kannst mi doch verberge'.
Und da sag i: 'Bertha, da werd' i a verschosse'.
‚Ja, meinscht du, i wird' verschosse'?
'Ja. Aber des kann i net mache. Na, des kann ich net mache, dich verstecke.'

Ich fragte sie, ob sie denn wusste, dass das ein Abschied für immer sein würde?

„Ja, ja", antwortete sie, „die sind ja gleich ums Lebe komme".

Der Bauer hakt noch einmal nach:

Dös hat man also gwusst?
Ja, das hat man halba gwusst, eigentlich ja!

Rosel sagt nichts mehr. Sie hatte zwei Nichten aus Amerika mitgebracht. Ich glaube, zu ihrem seelischen Schutz. Den brauchte sie jetzt dringend, so, wie sie auf ihrem Stuhl sass, so unendlich einsam, hier, in ihrer Heimat, mitten in ihrem Dorf. Die beiden Mädchen streichelten Rosels Arm. Rosel zerdrückte ein weißes Spitzentaschentuch in der Hand. Ihr liefen die Tränen über die Wangen. Ich habe sie dann später etwas zur Seite genommen, weil ich eine weitere Demütigung fürchtete. Denn ich wollte von ihr wissen, was ihr die Nachbarn zum Abschied gesagt hatten. Natürlich hoffte ich so etwas zu hören wie: ‚Ich verstecke dich', oder: ‚Ich weiß ein Versteck für dich…' Rosel sah auf ihre Schuhspitzen. Dann sagt sie sehr leise, sehr zögerlich:

Sie haben mich nach meinem Silber gefragt. Nach meiner Aussteuer: 'Rosel, dös brauchst eh nit mehr!'

Tja, das war ja die Wahrheit. Die meisten brauchten das „eh nit mehr".

Hilde Schramm

Gründete die STIFTUNG ZURÜCKGEBEN - Hilde Schramm. Im Mittelpunkt wollte sie nicht stehen.

Aber da kommt dann eine Hilde Schramm. Tochter des Rüstungsminister Albert Speer. Und sie erbt von ihrem Vater. Bilder. Und verkauft ihr Erbe, die Bilder. Denn es könnte ja sein, dass die ererbten Bilder aus arisiertem jüdischem Vermögen stammen.

"Waren sie gestohlen", frage ich sie, geklaut, wie so vieles andere? Gestohlen? Nein, sagt Hilde Schramm, gestohlen eher nicht. Sie waren wohl bezahlt. Aber der Verdacht, es könnte sich um jüdischen Besitz handeln, reichte ihr aus. Das wollte sie nicht haben. Sie gründet, mit anderen Frauen zusammen, die STIFTUNG ZURÜCKGEBEN: Hilde Schramm hat eben einfach zurückgegeben.

Zweite Geschichte

Wir drehten in Amsterdam. Ich interviewte eine Jüdin, die im 1. Stockwerk eines Mietshauses wohnte. Sie erzählte von der Abholung ihrer Mutter: Sie will die Mutter begleiten. Unten, vor dem Haus, steht schon der Wagen, der die Jüdinnen und Juden zur Sammelstelle in Amsterdam, zur Schouburg, fuhr. Niederländische Polizisten stehen und warten. Die Tochter begleitet die Mutter runter bis an die Haustür. Sagt, in ihrer Unschuld, zu den Polizisten:

Wollen Sie bitte auf meine Mutter aufpassen.

Sie war erst 58 Jahre alt, aber krank, sah schlecht aus. Da sagten die Männer:

Ja, dann gehen Sie am besten mit.

Aber die Mutter sagte:

Nein, Du bleibst zu Hause.

Und sie fügt leise hinzu:

Meine Mutter hat mir also das Leben gerettet. Sie ist ja aus Auschwitz nicht zurückgekommen.

Ich frage sie:

Und wie haben sich die Hausbewohner verhalten?

Sie zögert, sagt dann:

"Als ich meine Mutter an die Haustür gebracht hatte und weinend die Treppe wieder
hochkam" - sie bricht ab, weint, dann setzt sie noch einmal an: - „also als ich weinend die Treppe wieder hochkam da kam der Nachbar aus dem 2. Stock und sagte: 'Ihre Mutter hat mir versprochen, dass ich ihre beiden Lehnstühle haben kann, wenn sie abgeholt werden sollte.' Da habe ich nur gesagt: 'Vielleicht können Sie bis morgen warten.'

Und da kommt dann diese Hilde Schramm. Tochter des Rüstungsminister Albert Speer. Und erbt von ihrem Vater. Und verkauft ihr Erbe. Denn es könnte ja sein, dass die ererbten Bilder aus arisierten jüdischen Vermögen stammen. Der Verdacht, es könnte sich um jüdischen Besitz handeln, reichte ihr aus. Sie gründet, mit anderen Frauen zusammen, die STIFTUNG ZURÜCKGEBEN: Hilde Schramm hat eben zurückgegeben.

Dritte Geschichte

Wir grämten uns in Berlin darüber, dass sich Friedrich Christian Flick beim Hamburger Bahnhof mit seiner riesigen Flick-Collection ausbreitete. Nicht alle grämten sich darüber, natürlich nicht. Er wurde ja auch gefeiert. Noch eine Kollektion in Berlin, na wunderbar. Und noch ein so großer, bedeutender Sammler. Noch wunderbarer.

In der Schweiz, in Zürich, hatte es große Proteste gegen den Plan gegeben, für diese Kollektion ein Museum zu bauen. Das Direktorium des Züricher Schauspielhauses, an der Spitze der Regisseur Christoph Marthaler und Anna Viebrock, seine Bühnenbild-Künstlerin, schrieben:

Wir können den Gedanken nicht verdrängen, dass die Exponate dieser Sammlung mit Kriegsverbrecher-Geld und enteignetem arisiertem jüdischem Vermögen bezahlt wurde. Die Kunst … können wir nicht trennen von dem Wissen darüber, dass sich die Familie Flick bis heute weigert, Entschädigungsgelder an ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu bezahlen.

Ossip-K.-Flechtheim-Preisverleihung 2011

Circa 200 Personen verfolgten die Verleihung des Ossip-K.-Flechtheim-Preis 2011 durch den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg und die Humanismus Stiftung Berlin.

Viele schlossen sich diesem glasklaren Protest an. Flick zog sich wegen der anhaltenden Proteste aus Zürich zurück- und kam nach Berlin. Da war man nicht so zimperlich. Er wurde von vielen Politikern, aber auch von den Freunden der National-Galerie, mit offenen Armen aufgenommen, ja, sogar gefeiert. Durfte dort auch beim Jahres-Dinner reden. Ich gehörte nicht zu den Bewunderern, natürlich nicht. Ging deshalb zum ersten Mal auch nicht zu dem Dinner.

Herr Flick aber schrieb mir einen Brief, er wolle mit mir reden. Na ja. Ich zögerte. Eigentlich wollte ich schon, dass er in den Fonds für ehemalige Zwangsarbeiter Geld einzahlt. Eine solche Geste hätte es uns etwas leichter gemacht, diese Kollektion in Berlin zu wissen. Ich wusste, wir könnten die Aufnahme der Flick-Collection nicht aufhalten oder gar verhindern. Aber ich kannte die Geschichte von Opfern, wusste von ihrer bitteren Armut, ihrer Not. Ich kannte ja auch die Kämpfe ehemaliger KZ-Häftlinge, wußte von ihren endlosen Diskussionen: Nehmen wir das Blutgeld oder verzichten wir darauf? Aber viele von ihnen konnten es sich gar nicht leisten, darauf zu verzichten. Sie waren nicht nur arm, sie waren krank. Krank, bis ans Lebensende.

Ich zögerte: Wollte ich da wirklich ran, an das Blutgeld der Flicks? Also gut. Ich dachte, vielleicht könnte ich ihn dazu bringen, von seinem vielen ererbten Geld etwas für die Opfer zu tun. Wir verabredeten uns. In einem noblen Hotel, versteht sich. Ich wollte auch nicht zu ihm in die Suite kommen, was er vorgeschlagen hatte, um mein Anliegen vorzubringen. Ich wollte von ihm, als Kompensation sozusagen für die Ausstellung seiner Sammlung in Berlin, wenigstens ein Zeichen. Um Not zu lindern. Er war ja schließlich nicht der Kriegsverbrecher. Das war sein Großvater gewesen. Es müsste ihm doch also möglich sein, sich anders zu verhalten, hoffte ich. Ich wartete in der Hotelhalle.

Er kam, pünktlich, höflich. Trug ihm vor, was ich wollte. NEIN. In die Stiftung sei ja schon genug eingezahlt worden, 5 Milliarden vom Bund, 5 Milliarden von der Industrie. 10 Milliarden, das sei doch viel. Wohl ausreichend. Auch Flick-Gelder, wollte ich wissen, wieviele denn? Darüber aber wollte er mit mir nicht reden. Ein Zeichen setzen? Natürlich nicht. Eisern: Nein.

Ich erinnerte mich an die Entschädigungs-Verhandlungen, die in den 60iger und 70iger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen deutsche Industrielle, natürlich auch gegen Flick, geführt worden waren. Ein finsteres Kapitel. Friedrich Flick, der Großvater also meines Gegenüber, hatte in Nürnberg bei den Kriegsverbrecherprozessen gemeinsam mit Krupp und Angeklagten der I.G. Farben erklärt - ich zitiere aus dem Buch Lohn des Grauens von Benjamin Ferencz -, „sie alle hätten nicht die geringste Verantwortung für die schrecklichen Folgen des Zwangsarbeiter-Programms auf sich zu nehmen: Und: „Niemand glaubt, dass wir Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, nichts und niemand wird uns davon überzeugen, dass wir Kriegsverbrecher sind".

Flick wurde schuldig gesprochen wegen: Ausplünderung, Beschäftigung von Zwangsarbeitern und Unterstützung der SS durch Geldspenden. Er wurde zu 7 Jahren Haft verurteilt. Flicks Urteil wurde von General Lucius D. Clay überprüft und bestätigt. Selbst äußerste Anstrengungen der Angeklagten des Flick-Konzerns und ihrer 14 (!) deutschen Rechtsanwälte, die Urteile zu revidieren, halfen nichts.

Deutsche Finanzexperten schätzten Friedrich Flicks persönliches Vermögen auf über 2 Milliarden D-Mark. Damals viel Geld. Wenige Monate, bevor sich in den 60iger Jahren jüdische Zwangsarbeiter mit Entschädigungsforderungen an die Claims-Conference gewandt hatten, hatte Flick seinem 50-jährigen Sohn Otto-Ernst eine Abfindung ausgezahlt, die um ein vielfaches höher lag als die Gesamtsumme, mit der sich Tausende von jüdischen Zwangsarbeitern zufrieden geben wollten, die die Arbeit in Flicks Betrieben überlebt hatten. Auch seine 16-jährige Enkelin Dagmar hat von ihm mehr erhalten, als die Claims-Conference von ihm haben wollte.

1970 schrieb von Brauchitsch im Namen von Dr. Friedrich Flick in einem Brief an McCloy, einen der wichtigen Verhandler für die Claims Conference:

… In Abweichung von Ihnen vermag Herr Dr. Flick nicht zu erkennen, dass … humanitäre oder moralische Gründe die Dynamit Nobel AG oder das Haus Flick veranlassen könnten, an die Claims Conference irgendwelche Zahlungen zu leisten.

Und McCloy schrieb später

… dass er bei den Verhandlungen während der Tiraden des Herrn von Brauchitsch mehrmals den Raum verlassen musste, weil sich ihm der Magen umdrehte.

Noch einmal Benjamin Ferencz:

Obgleich Friedrich Flick angeblich der reichste Mann in Deutschland und der fünfreichste in der ganzen Welt war und obgleich er mehr als eine Milliarde Dollar hinterließ, ging er ins Grab, ohne den jüdischen KZ-Insassen einen einzigen Pfennig gezahlt zu haben.

Diese Haltung bestätigte nun der Enkel. Ich erzählte meinem Gegenüber von den ehemals sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Not seien, von der Organisation Kontakte. Ich erzählte von deren bitterer Not, von dem Elend, in dem sie lebten. Nichts zu machen. Nein. Dann versuchte ich es noch einmal, mit einem Einzelfall, der einem eigentlich die Tränen in die Augen trieb. Eisern: Nein.

Warum wunderte ich mich eigentlich darüber? Ich hatte doch über den alten Flick und den Herrn von Brauchitsch und die elenden Verhandlungen genug gelesen, auch mein Magen meldete sich. Ich verabschiedete mich, hastig, frostig. Sagte nicht „Aufwiedersehen", das wollte ich nun wirklich nicht, sondern irgendetwas Anderes, Belangloses. Nur raus aus dem Luxushotel und ran an die frische Luft.

Ossip-K.-Flechtheim-Preisverleihung 2011 III

"Gäbe es mehr Menschen wie Dich, es wäre heller in unserer Welt. Dafür danken wir Dir. Und Flechtheim, das weiß ich, würde Dich jetzt sehr umarmen. Was ich nun für ihn tun darf."

Ich hatte später auf Umwegen Kontakt zu Flicks Schwester. Ich hatte erfahren, dass sie eine ganz andere Einstellung zu dem Thema hatte. Ich wollte das von ihr selbst erfahren. Und sie erklärte mir, am Telefon, dass sie aus ihrem Privatvermögen sehr wohl an die Stiftung zahlen würde. Sie fände das sehr richtig und berechtigt. Der Tag danach war ein schöner Tag für mich. Noch so eine also. Nicht ganz eine Hilde Schramm. Aber auch eine, die die Schuld der Tätergeneration annimmt. Und nicht alles, aber einen Teil des ererbten Geldes zurückgibt.

Der Bruder übrigens von Hilde Schramm, der Architekt Speer, auch da eine Parallele, hat nicht zurückgegeben. Auch wenn er später eine Stiftung gegründet hat. Aber eine ganz Andere als die Schwester, jedenfalls kein  "Zurückgeben". Hilde Schramm also gründet 1994 mit einigen Frauen die STIFTUNG ZURÜCKGEBEN. Der Sinn: jüdische Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen in Deutschland sollen gefördert werden. Das Startkapital der Stiftung bestand aus dem Erlös der Versteigerung der Bilder, später sammelte die Stiftung natürlich zusätzliche Gelder, um jüdische Frauen zu fördern.

Bislang hat die Stiftung etwa 90 Stipendiatinnen und ihre Arbeiten unterstützt, darunter Filme, Buchprojekte, moderne Kunst sowie Medieninstallationen. Dazu werden wir gleich in die Zukunft Weisendes von Alina Gromova hören.

Für die Stiftung kann und soll man übrigens spenden. Sie braucht Geld, Und hat zu wenig Unterstützung. Ich sage das an uns alle gewandt. Ich weiß, liebe Hilde, dass Du nicht willst, dass man über Dich redet. Das habe ich ja auch nicht getan. Ich habe über Dinge geredet, die ich bis heute, nach so vielen Jahren, nicht vergessen, nicht verdrängen kann. Und ich versuchte daran zu erinnern, dass viele in unserer Gesellschaft in tiefer Amoralität und Geschichtsvergessenheit es den Opfern überlässt, mit ihrem Leid und ihrer Not zurechtzukommen.

Aber da gibt es eben Ausnahmen. Du, Hilde, das muss ich doch sagen: Du bist so eine Ausnahme. Du bist ein Vorbild. Das, was Du getan und damit angezeigt hast, ist tröstlich, ist wunderbar.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.