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Die „Zeit der Besinnung“ gewinnt eine neue Bedeutung

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Eine kurze Reflexion von Frieder Otto Wolf zum Höhepunkt der Zeit der Lichterfeste, nach dem mörderischen Anschlag in Berlin.
Mittwoch, 21. Dezember 2016

Die Mordtat auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin hat uns brutal daran erinnert:

„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen!“ – Diese in der religiösen Tradition festgehaltene alte Menschheitsweisheit hat einmal wieder ihre aktuelle Bedeutung bewiesen. Die schreckliche Mordtat hat aber nicht nur dies gezeigt, sondern die gegenwärtige kritische Weltlage exemplarisch verdeutlicht: Es ist ja vermutlich kein zufälliger Amoklauf eines Verrückten gewesen, sondern eine Tat im Sinne des IS, der einen heiligen Krieg nicht nur gegen „die westliche Moderne“ zu führen vorgibt. Und dies ruft uns zur Besinnung auf – gleich in mehrfacher Hinsicht:

Erst einmal geht es schlicht darum, besonnen zu bleiben – d.h. zu denken und zu prüfen, was wirklich gewusst wird, bevor mensch seinem Schrecken und seiner Wut freien Lauf lässt. Noch wissen die Sachverständigen der Polizei nicht sehr viel, halten aber die These von einer vorsätzlichen Mordtat für begründbar und hatten bereits einen „mutmaßlichen“ Täter gefasst. Von hier aus bereits auf Islamisten als Terroristen zu schließen, ist immer noch voreilig und verantwortungslos.

Und dann wird es immer mehr darum gehen, sich falschen Bewältigungsphantasien entgegenzustellen: Also nicht von einer konsequenten Eliminierung „der Terroristen“ zu träumen (oder auch nur zu entsprechend dümmlich daherzureden), von der bei nüchterner Betrachtung festgehalten werden muss, dass sie völlig unmöglich ist – nicht einmal um den Preis einer (nach außen aggressiven und nach innen repressiven) Gegeneskalation bis hin zur irrationalen Neuauflage eines doch völlig vorhersehbar gescheiterten „Kriegs gegen den Terror“.

Foto: A. Platzek

Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands.

Vor allem geht es aber auch darum, sich dem emotionalen Ausweichen aus der realen Unfähigkeit zum kurzfristig wirksamen Handeln durch die Flucht in allerlei Sündenbockkonstruktionen zu entziehen. Denn es waren eben ganz eindeutig nicht „die Flüchtlinge“, „die Muslime“ oder gar „die Fremden“, die hier zu Tätern geworden sind (waren es überhaupt mehrere?), sondern – nach unserem ersten, inzwischen falsifizierten Kenntnisstand – ein 23-jähriger, polizeibekannter Mann aus Pakistan oder eben einer oder mehrere noch unbekannte Täter. Die Hintergründe dieser Mordtat sind erst noch zu rekonstruieren, aber ein konkreter Auftrag und ein organisierter Hintergrund sind eher unwahrscheinlich. Wie dieser unbekannte Täter zum Täter geworden ist (oder auch diese Täter), sollte uns nicht egal sein – denn nur, wenn wir die (wiederum mutmaßlichen) Mechanismen verstehen, welche diesen Mann (oder diese Männer) zu dieser Mordtat gebracht haben, haben wir überhaupt eine Chance, künftig derartigen Prozessen präventiv begegnen zu können.

Und schließlich noch das Allerschwierigste: Wir müssen jetzt (einmal wieder) die Herausforderung bewältigen, auch in wirklich kritischen Situationen „Mensch zu bleiben“, und das heißt eben auch, weiterhin „menschlich“ zu urteilen und zu handeln – was von uns verlangt, dass wir allen raschen „Feinderklärungen“ widerstehen, um erst einmal zu prüfen, welche Gegnerschaften im konkreten Fall und in der konkreten Lage bestehen, und dann auch herauszufinden, wie diese aufgelöst und überwunden werden könnten. Das bedeutet keineswegs, sich gegenüber erklärten Feinden nachgiebig und blauäugig zu verhalten – bringt aber doch die beständige Aufgabe mit sich, neben der erforderlichen und zu leistenden spezifischen Gegenwehr und Prävention immer auch die Möglichkeiten einer Konflikt-Deeskalation zu prüfen. Das bedeutet ebenfalls, längerfristig auch die Konfliktursachen abzubauen, anstatt der völlig irrealen Hoffnung nachzugeben, durch Eskalation die bestehenden Konflikte „aus der Welt zu schaffen“.

Foto: OFC Pictures / Fotolia.com

Die Dunkelheit wird nicht von Dauer sein: Humanistinnen und Humanisten setzen sich dafür ein, den düsteren Facetten menschlichen Handelns hell-lichte Alternativen gegenüberzustellen. Foto: OFC Pictures / Fotolia.com

Genau darin liegt die Schwierigkeit, aber auch die Chance von bewusstem humanistischem Handeln, die sich aktuell und in diesen Tagen wieder in Erinnerung zu rufen lohnt: Besonnen mit den Konflikten umzugehen – d.h. weder sich heraushalten zu wollen, denn es geht schließlich immer auch um die Verteidigung von Möglichkeiten zu einem „wirklich menschlichen“ Leben, noch sich den spontan aufbrandenden und aus unterschiedlichen Interessen verstärkten bzw. propagierten Emotionen zu überlassen.

Wenn wir, wo immer wir auch mit unseren Lebenszusammenhängen stehen, dies schaffen, sind wir ein Moment der realen Hoffnung für die Menschheit: Einfach indem wir stets unseren individuellen Beitrag leisten, den „düsteren“ Facetten und Formen menschlichen Denkens und Handelns die real möglichen „hell-lichten“ Alternativen gegenüberzustellen, wo und wann immer das nötig ist. Dann bleibt nicht nur in der Natur, im Jahreslauf, sondern auch in unseren Gesellschaften, in dem von uns Menschen letztlich zu gestaltenden Lauf der künftigen Geschichte, die begründete Hoffnung bestehen, dass die Dunkelheit nur von kurzer Dauer sein wird. Und diese Hoffnung können wir Humanistinnen und Humanisten auch begründen und stärken, ohne dafür auf „höhere Garanten“ zurückzugreifen.