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„Ich glaube, da sind bestimmte Grenzen erreicht“

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Ein Vertreter des hiesigen Diözesanrats hat in einer Sendung im Deutschlandfunk (DLF) scharfe Kritik an der rechtlichen Anerkennung des internationalen humanistischen Feiertages in Berlin geübt. Auch seitens des Senders zeigte man sich bemüht, dem kirchenfernen Teil des gebührenpflichtigen Publikums nichts zu schenken.
Dienstag, 21. Juni 2016
Foto: A. Platzek

In Berlin hat anlässlich des 21. Juni ein Straßen- und Gartenfest stattgefunden. Das Datum ist dort als humanistischer Feiertag anerkannt. Das gefällt nicht allen. Manche sehen nun Grenzen erreicht.

In den von den westlichen Aufklärungsphilosophien und säkularen Kulturen geprägten Ländern laden um die Sommersonnenwende herum traditionell Gemeinschaften nichtreligiöser und humanistisch denkender Menschen dazu ein, an Feiern und anderen Veranstaltungen teilzunehmen, die die Werte ihrer Lebensauffassung, die gemeinsamen Überzeugungen, Tätigkeiten und Ziele in einen festlichen Rahmen stellen. Manche von den Feiern finden öffentlich statt. An anderen Orten, etwa in bis heute stark von religiösen Glaubenshaltungen geprägten Gegenden, wird dieser „längste Tag“ des Jahres bevorzugt im privaten Rahmen begangen – die Anonymität schützt vor Nachteilen oder Anfeindungen im Alltag des restlichen Jahres.

In der deutschen Hauptstadt wie auch in vielen nördlicheren Regionen der Bundesrepublik ist derartiges aber weniger zu befürchten, denn dort bilden Konfessionsfreie mit humanistischen Auffassungen eine große Gruppe in der Bevölkerung – so groß, dass der internationale humanistische Feiertag (World Humanist Day bzw. Welthumanistentag) am 21. Juni jedes Jahres seit Dezember 2014 von der Berliner Bildungssenatsverwaltung rechtlich mit den Feiertagen der verschiedenen Religionen gleichgestellt ist. So können etwa Schülerinnen und Schüler mit entsprechenden Überzeugungen beantragen, sich von der Schulpflicht für diesen Tag befreien zu lassen, um an den Vorbereitungen von Feiern und anderen Veranstaltungen mitzuhelfen bzw. daran teilzunehmen. In diesem Jahr finden öffentliche Veranstaltungen zum Welthumanistentag in rund einem Dutzend Städten statt.

Auch zwei Beiträge im Deutschlandfunk widmeten sich daher nun dem Feiertag am 21. Juni, in dem unter anderem eine 15-jährige Schülerin und der Berliner Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) als Personen mit offen humanistischer Lebensauffassung kurz zu Wort kamen. Die zweite Hälfte der ersten Sendung räumte vor allem einem Vertreter der katholischen Kirche, der in Berlin weniger als zehn Prozent der Bevölkerung angehören, Platz für eigene Wertungen ein.

„Da muss man sich die Frage stellen, wo man die Grenze zieht. Da könnte ich genauso gut fragen, ob nicht die Kommunistische Plattform ihre Kinder befreien lassen kann am Geburtstag von Karl Marx. Sie können diese Beispiele endlos weiterspinnen. Ich glaube, da sind bestimmte Grenzen erreicht. Feiertagsregelungen sollten dem Konflikt zwischen kirchlichen bzw. religiösen Gesetzen einerseits und der staatlichen Schulpflicht andererseits  Rechnung tragen und den Schülern eben ermöglichen, ihren religiösen Pflichten nachzukommen“, so Christoph Lehmann, laut Deutschlandfunk ein engagierter Katholik und Vertreter des Diözesanrates, der sich schon länger über die „Missachtung“ von Religion im Berliner Schulalltag ärgert. Religionsunterricht ist nämlich in der deutschen Hauptstadt kein Pflichtfach, sondern ein freiwilliges Angebot, für das es keine Zeugnisnoten gibt.

Etwa moderater als dieser Vertreter des Glaubens an die „Keks-Werdung-Jesu“ (die Transsubstantiation, womit eine Verwandlung einer Teigoblate in den „Leib“ des christlichen Messias und „Sohn Gottes“ gemeint ist), dessen eigenes öffentliches „Glaubensfest“ in Leipzig jüngst recht großzügig von Kommune und Land gesponsert worden war, äußerte sich der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge. Er störe sich nicht grundsätzlich an der Gleichbehandlung des humanistischen Feiertages, hieß es, sehe aber die inhaltliche Gestaltung „noch nicht richtig gefüllt“.

Bild: Interkultureller Kalender

Der vom Integrationsbeauftragten des Berliner Senats jährlich herausgegebene Interkulturelle Kalender bietet seit 15 Jahren eine Übersicht zu den verschiedenen Festtagen der großen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und er erinnert auch an den humanistischen Feiertag. „Nicht auf jedem Kalender sind die wichtigsten Fest- und Feiertage der Kulturen und Religionen eingezeichnet, obwohl es gerade in einer Großstadt wie Berlin für viele wichtig und wissenswert ist, auf welche Tage die Hauptfeste von Geschäftspartnern, Kunden, Nachbarn, Kollegen oder Mitschülern fallen“, so der Integrationsbeauftragte zur Aufgabe des Kalenders. Hier kann er bestellt oder heruntergeladen werden: www.berlin.de

Und natürlich ist diese Tradition ausbaufähig – und offen für Weiterentwicklungen ohnehin, denn eben diese Offenheit ist ja Kennzeichen humanistisch geprägter Kulturformen. Doch auch der evangelische Bischof musste noch nachschieben: „Eine Entwertung für den christlichen Glauben ist es, wenn hier Ungleiches gleich gemacht wird. Wenn so getan wird, als wäre der humanistische Feiertag vergleichbar mit den christlichen Feiertagen“, so Markus Dröge in dem heute gesendeten Beitrag.

Wohlgemerkt: Anlass dieser Kritik ist die Anerkennung des humanistischen Feiertages durch eine Gleichbehandlung mit religiösen Feiertagen in der Ausführungsvorschrift Schulbesuchspflicht. Vier der neun gesetzlichen, d.h. staatlich angeordneten, Feiertage in Berlin sind spezifisch kirchlichen Ursprungs: Karfreitag, Ostermontag, Christi Himmelfahrt und Pfingstmontag. Von der Gefahr einer „Entwertung  für den christlichen Glauben“ durch unangemessene Gleich- oder Ungleichbehandlungen ist man wohl auch in der deutschen Hauptstadt nur denkbar weit entfernt – es sei denn, man wertet das Erscheinen nicht- bzw. areligiöser und humanistisch geprägter Kulturformen per se als Gefahr.

Solch ein Empfinden scheint jedenfalls der für die ausgestrahlten Beiträge verantwortlichen DLF-Hauptstadtkorrespondentin wohl nicht ganz fremd zu sein. Denn es ist ja eine Sache, wenn sich Vertreter der Kirchen zu bizarren Wertungen und Vergleichen wie denen des Diözesanratsmitglieds Lehmann entblöden. In der redaktionellen Verantwortung liegt es jedoch, über die Verwendung unsinniger Äußerungen zu entscheiden oder fragwürdige Meinungen durch entsprechende Nachfragen bzw. Zusatzinformationen (Stichwort: „Transsubstantiation“, „Himmelfahrt“) für das Publikum einzuordnen.

Beim unzweifelhaft auch ganz breit von kirchenfernen Gebührenzahlerinnen und -zahlern finanzierten Deutschlandfunk zum World Humanist Day ist das nicht besonders gut gelungen. Von Neutralität dieses staatlichen Senders war in diesen „Feiertagsbeiträgen“ nicht viel zu entdecken. Denn wenn in den Ohren humanistischer Hörer die zwei Beiträge vom inhaltlichen Profil auch prima als Ergebnis der Arbeit von katholisch.de hätten durchgehen können, ist etwas schiefgelaufen in der Rundfunkanstalt.

Die eklatante Schieflage unterstreichend formulierte die Journalistin im öffentlich-rechtlichen Auftrag ihre Bewertung abschließend weitgehend unverhohlen, denn demnach hätte es offenbar wohl mehr politischen Widerstand gegen die Ende 2014 eingeführte Gleichstellung des humanistischen Feiertags am 21. Juni geben müssen. Also schließt sie: „An der staatlichen Unterstützung für den Humanistentag wird auch deutlich, wie sehr katholische und evangelische Kirche in der Hauptstadt ins Hintertreffen geraten. Nur 3 von 10 Berlinern gehören einer christlichen Kirche an. Und die im Stadtstaat mitregierende Partei, die das C im Namen trägt, hat sich nicht weiter gegen die Unterrichtsbefreiung für Atheisten am 21. Juni gewehrt.“ Könnte jemand die DLF-Redakteurin in den Arm nehmen und trösten?