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Moderne Mütter

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Wie kann es Frauen gelingen, Mutter zu werden und dabei weiterhin die eigenen Bedürfnisse zu leben?
Donnerstag, 19. November 2015
Foto: drubig-photo / Fotolia.com

Mutterschaft wird in Deutschland sehr überhöht, findet unsere Autorin. Doch eine Frau verwandelt sich nicht in Wunderwesen, nur weil sie ein Kind geboren hat. Foto: drubig-photo / Fotolia.com

Alle Mütter, die ich kenne, mich selbst eingeschlossen, haben sich vor der Geburt der Kinder vorgenommen, auch danach sich selbst und ihr Leben so weit wie möglich beizubehalten. Am besten soll es in etwa so bleiben, wie es ist, und zusätzlich kommen eben noch die lieben Kleinen dazu.

… Mutter sein dagegen sehr

Unser Tag hatte aber auch nach der Geburt der Kinder nur 24 Stunden und die Kinder besetzten davon plötzlich mindestens 20 Stunden. Der Alltag bestand plötzlich aus Wickeln, Füttern, Herumtragen, zum Einschlafen kriegen, Wickeln, Füttern … Der eigene Radius wurde sehr eng und fast alles, was vorher selbstverständlich war – Verabredungen treffen, sich selbst in Ruhe etwas Gutes tun, Bücher lesen, gute belebende Gespräche führen – fiel plötzlich weg.

Anfangs tragen einen dieses neue Glück, die Dankbarkeit, dass das Baby gesund ist, und die Hormone durch diese Zeit und man versucht, der neuen Aufgabe so gut wie möglich gerecht zu werden. Aber wenn Wochen und Monate vergehen, beginnen die Mütter, sich selbst zu vermissen, die, die sie vorher sein durften.

Vor allem geistig-intellektuelle Herausforderungen sind in dieser Zeit kaum vorhanden. Einerseits vielleicht erträglich, weil der Schlafmangel die Konzentrationsfähigkeit sowieso stark einschränkt. Andererseits ist es gerade für Frauen, die ihre Tage vor der Mutterschaft mit geistig herausfordernden Tätigkeiten verbracht haben, so etwas wie ein Wegfall der alten Identität.

Frauen mit Kindern sind keine Wunderwesen

Mutterschaft wird bei uns in Deutschland sehr überhöht, als ob sich eine Frau in ein Wunderwesen verwandelt, nur weil sie ein Kind geboren hat. Dabei brauchen die meisten Frauen Zeit, um in diese neue große Aufgabe hineinzuwachsen, um eine tiefe Bindung zu ihrem Kind aufzubauen und um sich selbst in diesen komplett veränderten Lebensumständen einzurichten.

Und spätestens, wenn sie sich ihren eigenen Bedürfnissen zuwenden oder wieder berufstätig werden, plagt sie stetig das obligatorische schlechte Gewissen. Das wird dadurch genährt, dass Kinderbetreuung immer noch vorwiegend als Aufgabe gesehen wird. Ich bin mir sicher, dass noch kein Mann auf Geschäftsreise gefragt wurde, wer denn die Kinder zwischenzeitlich betreue.

Die Aufgaben der Väter

Sie sind im Kommen, die neuen modernen Väter. Sie definieren sich immer weniger als reiner Ernährer, der den Großteil des Tages außer Haus ist, sondern wollen am Leben ihrer Kinder teilnehmen, im Alltag für sie da sein und sie aufwachsen sehen. Und doch ist die Realität nach wie vor die, dass die Frauen den Hauptteil der Kinderbetreuung übernehmen und die Männer den Hauptteil des Familieneinkommens erwirtschaften.

Das liegt daran, dass Männer oft besser bezahlte Jobs haben und es deswegen logisch erscheint, dass sie  dann natürlich weiterhin arbeiten gehen. Das Problem ist nur, dass man mit dieser Entscheidung eine Entwicklung zementiert, die später schwer wieder umzukehren ist. Denn er widmet sich weiterhin seiner Arbeit, macht vielleicht Karriere und verdient immer besser, während es für sie schwierig wird, die Flexibilität und Kontinuität aufzubringen, die sich Arbeitgeber wünschen, weil im Ernstfall immer die Frau diejenige ist, die für die Kinder zurückstecken muss.

Und hier besteht auch die Gefahr, dass die Paarbeziehung aus dem Gleichgewicht gerät. Solange jeder nur für sich selbst verantwortlich war und sein eigenes Geld verdient hat, war es sehr einfach, im Gleichgewicht zu sein. Wenn er aber plötzlich viel mehr Geld verdient als sie oder sogar der einzige ist, der es verdient, dann kann es passieren, dass die Frau langsam und stetig ihre (gefühlte) Unabhängigkeit verliert.

Es dauert wahrscheinlich noch eine Generation, bis sich hier echte Gleichberechtigung durchsetzen kann. Eine neue Generation von Arbeitgebern, die umdenken, eine Gesellschaft, die auch einen Hausmann als „ganzen Mann“ sieht und auch Frauen, die den Männern zutrauen, die Kinderbetreuung ebenso gut zu können wie sie selbst. Sie müssen also an einer Stelle loslassen, um etwas Neues ergreifen zu können. Diese Entwicklung braucht Zeit, wir sind eine der ersten Elterngenerationen, die sich darin „ausprobiert“, und ich bin absolut zuversichtlich, dass vieles davon bei unseren Kindern und Enkelkindern bereits Selbstverständlichkeit sein wird.

Berufliche Veränderungen

Viele Frauen entscheiden sich nach der Elternzeit, eine berufliche Veränderung vorzunehmen. Manchmal aus der Not heraus, weil sie zu ihrem alten Job nicht zurückkönnen oder ihn nur zu schlechteren Bedingungen wieder antreten dürften. Oder weil der Arbeitgeber keine Teilzeitstelle, wie von manchen Müttern gewünscht, einräumen kann oder will. Oder weil sie lieber selbständig arbeiten wollen, um ihre Arbeit flexibler mit der Betreuung der Kinder vereinbaren zu können.

Oft kommt es aber auch vor, dass sich der Blick der Frauen auf die Welt durch die Mutterschaft verändert. Während manche ihre Energie vorher dafür aufgewendet haben, sich in starren Hierarchien durchzusetzen, und viele Überstunden zu machen, um eine gutbezahlte Karriere zu leben, erscheint ihnen dieser Lebensweg plötzlich nicht mehr sinnvoll und stimmig.

In dem Artikel auf Spiegel Online Mütter, kommt wieder raus aus Bullerbü haben sich zwei Frauen auf sehr abschätzige Art diesem Thema gewidmet. Sie werfen den Müttern vor, berufliche Härten zu scheuen und sich in einer weichen Bullerbü-Welt einzurichten, Mama-Blogs zu schreiben und Handgemachtes auf Dawanda zu verkaufen.

Das ist nicht nur polemisch und überspitzt, sondern auch sehr einseitig gedacht. Gerade der verstärkte Wunsch nach Sinnhaftigkeit in der Arbeit, führt dazu, dass sich die Frauen eher von einer „objektiven“ Karriere abwenden und ihr Einkommen in einer Tätigkeit suchen, mit der sie sich identifizieren können.

Kinder zu haben, verändert den Blick auf die Welt, relativiert so manches, was vorher wichtig erschien. Und natürlich öffnet sich dadurch auch der Blick auf neue Geschäftsfelder, wie eben Mama-Blogs, Shops mit Kinderkleidung oder die Vernetzung selbständiger Mütter, der Mompreneurs, wie sie Esther Eisenhardt ins Leben gerufen hat. Es ist vielmehr der Wunsch, weiterhin man selbst zu sein und sich leben und ausdrücken zu können.

Aber auch Mütter,  die freiwillig und zufrieden das alte Rollenmodell leben, haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein und Selbstverständnis als vor 50 Jahren. Sie wollen nicht mit ihrer Aufgabe „Mutter“ verschmelzen, bis nichts mehr von ihrer individuellen Person übrigbleibt, sondern auch weiterhin „sie selbst“ sein. Sie wollen ihre eigenen Hobbies und Interessen leben, Gespräche mit anderen Erwachsenen führen, die sich nicht nur um Kinder drehen und sich als Personen weiterentwickeln.

Staatliche Unterstützung allein genügt nicht

Eine moderne Frau, die Mutter wird, war vorher ein ganzer Mensch und will es auch nach der Geburt bleiben. Das bedeutet nicht, das Leben wie vorher fortzusetzen, sondern schlicht genug zeitlichen und geistigen Raum zu haben, den eigenen Interessen weiterhin folgen zu können und sich darin selbst, einfach nur als Mensch und Frau wahrzunehmen.

Wie kann das gelingen? Sie selbst kann sich dabei unterstützen, indem sie auf ihre Grenzen achtet und ihre eigenen Bedürfnisse ernst nimmt. Auch wenn es schwer ist, sollte jede einzelne Mutter nicht aufhören, dafür zu kämpfen, dass ihre Lebensumstände so sind, dass sie sich darin als Individuum mit eigenen Bedürfnissen und Interessen nicht verliert.

Der Staat kann die Mütter dabei unterstützen, indem es für alle, die es wünschen, frühzeitige und flexible Betreuungsmöglichkeiten gibt. Die Gesellschaft kann sie dabei unterstützen, indem sie von der Überhöhung und Idealisierung der Mutterschaft ablässt. Indem es als selbstverständlich angesehen wird, dass sich der Vater zu gleichen Teilen um das gemeinsame Kind kümmert.

Diese Formen der Unterstützung würden nicht nur die Frauen, die bereits Mütter sind, entlasten, sondern es auch allen Frauen erleichtern, sich für ein Leben mit Kindern zu entscheiden. Die Versorgungslast läge nicht mehr so schwer auf den Schultern der Männer und zufriedene Eltern sind in jedem Fall ein gutes Vorbild für die jüngeren Generationen. Alle würden also gewinnen.

Kommentare

Eigene Bedürfnisse

Gut dargestellt, doch wundert mich, dass auch heute noch, und auch eine Frau aus der Großstadt so über Betreuungsprobleme klagt. Es hat sich doch in den letzten Jahren viel getan. Offenbar kann frau nicht geruhsam darauf vertrauen, dass nun alles bestens vorbereitet ist. Wichtig deshalb der Satz "jede einzelne Mutter sollte nicht aufhören, dafür zu kämpfen". Wenn Frau tatsächlich ihr Leben selbstbestimmt fortführen möchte, sollte sie sich also auf Kampf einstellen oder auf präzise Planung, in einem Umfeld zu wohnen, das eine gute Infrastruktur bietet. Oder sollte man lieber davon ausgehen, dass nur noch Kompromisse möglich sind?.
Die Überhöhung und Idealisierung der Mutterschaft kann ich nicht nachvollziehen. Wo findet das heutzutage statt, in den Eltern-Zeitschriften? Eher ist es so, dass ab einem gewissen Alter sowohl Mann als auch Frau in ihrem Betätigungsfeld stark gefordert werden und voller Power sein sollen. Ist der Job schon Anforderung genug, der ebenfalls meist nicht die Bedürfnisse der Arbeitenden berücksichtigt, benötigen die Kinder und der Partner Zuwendung und man kann froh sein, wenn nicht auch die Großeltern pflegebedürftig werden.