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„Ökumenischer Gottesdienst“

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Warum es heute immer noch nötig ist, auch zu tragischen Anlässen daran Anstoß zu nehmen und eine zeitgemäße Erneuerung des Begriffs Ökumene praktisch zu erarbeiten und politisch einzufordern.
Montag, 20. April 2015
Ein Ökumene, die nur Angehörige der abrahamitischen Religionen einschließt, ist im 21. Jahrhundert . Foto: pixshark.com

Ein Ökumene-Verständnis, das sich nur auf Angehörige der abrahamitischen Religionen bezieht, muss in der Welt des 21. Jahrhunderts als überholt gelten. Foto: pixshark.com

Ich las in der Zeitung, aus traurigem Anlass, an dem ich Anteil nehme und dessen öffentliche Verarbeitung ich durchaus nicht stören möchte, dass es einmal wieder einen großen „ökumenischen Gottesdienst“ gegeben hat. Es wurde dabei aber leider deutlich, dass auch diese öffentliche Trauerfeier von einem sehr rudimentären Verständnis von „Ökumene“ ausging.

Ich denke hier an den Begriff der Ökumene, wie ihn die hellenistische Philosophenschule der Stoa gebildet hat. Zumeist wird er ja schlicht als „bewohnte Welt“ übersetzt, was auch nicht falsch ist. Aber dabei fällt doch weg, dass der Begriff im Zusammenhang mit dem stoischen Zentralbegriff der „Oikeiosis“ zu verstehen ist, welche den Aneignungsprozess bezeichnet, der die geographische Welt zu einer historisch-kulturellen „Lebenswelt“ von Menschen als Menschen macht. Sicherlich hatten diese Philosophen der zunächst hellenistischen (seit Alexander dem Großen) und dann römischen Reichsbildung dabei einen ihnen faktisch bekannten Weltzusammenhang im Sinn – also etwa den orientalisch-okzidentalischen Zusammenhang, der von den Kimmerern meiner Heimat im Norden bis zu den Äthiopiern im Süden und von den Hebriden im Westen bis nach Samarkand und Sri Lanka im Osten reichte. Aber dieser Zusammenhang war als erweiterbar gedacht, wie dies Kontakte zum Han-Reich im Osten oder Seefahrten ins südliche Afrika noch in der Antike konkretisiert haben. Für die Stoa war damit bereits der kühne Gedanke einer gemeinsamen Kultur der Menschheit verbunden.

Lassen wir zunächst einmal den Begriff des „Gottesdienstes“ beiseite, der faktisch und offensichtlich ausgrenzend wirkt: Nicht nur Atheisten oder Agnostiker, sondern auch Konfuzianer, Daoisten, Buddhisten und Schamanisten teilen bekanntlich den dieser Art von Feier zugrunde liegenden Gottesglauben nicht. Auch für alle Anhänger polytheistischer Kulte ist das Konzept eines derartigen „Gottesdienstes“ nur mit einigen Schwierigkeiten anwendbar. Faktisch schränkt dieses Konzept die vollgültigen Teilnehmer auf die Anhängerinnen und Anhänger der sogenannten abrahamitischen Regionen ein, also auf Juden, Christen und Muslime.

Ich gehe davon aus, dass die Erfinder des neueren Konzepts der kirchlich verstandenen Ökumene gebildete Europäer gewesen sind. Also Menschen, denen das stoische Konzept der Ökumene bekannt war. Das macht mich fassungslos, muss ich eingestehen, gegenüber einem Versuch, die Einheit bloß der kirchlich verfassten Teile des Christentums – also bereits unter Auslassung derjenigen Teile christlicher Tradition, an denen die spätantike Verkirchlichung historisch vorbeigegangen war – unter dem Begriff der Ökumene zu fassen. Wenn ich die Quellen richtig lese, dann war zunächst bloß die Überwindung der Spaltung des katholischen Teils der Christenheit durch die Herausbildung reformatorischer Kirchen im Blick. Nicht einmal orthodoxen Kirchen – von den es ja auch mehr auch mehr als eine gibt – waren ursprünglich mit dem Blick; von den Juden und den Mohammedanern ganz zu schweigen. Ich muss mir klarmachen, dass dies keine Frechheit war, sondern eine den Beteiligten ganz selbstverständlich erscheinende Befangenheit im kulturellen Horizont der imperialen Zentren im Ausgang des 19. Jahrhunderts. Diese Entschuldigung kann heute aber nicht mehr gelten.

Wirklich auf der Höhe der Zeit wäre demgegenüber der Versuch, den alten stoischen Begriff der Ökumene zu erneuern: Im Sinne einer bewussten und verantwortlichen gemeinsamen Ausgestaltung der globalen Ökologie der Menschheit. Und d.h. eben nicht nur – wie dies mit eurozentrischem Einschlag die Geschichtsphilosophen der Aufklärung bis hin zur Johann Gottfried Herder – unternommen haben, die „Bildung der Menschheit“ als ein wirklich ökumenisches Projekt zu begreifen, zu dem es vernünftigerweise keine partikularistische – also etwa nationalistische, rassistische oder auch eurozentrische – Alternative gibt, sondern Institutionen und Praktiken zu schaffen, durch die diese menschheitlichen Ökumene gelebt werden kann. Ich weiß, der UNO geht es nicht gut und die Reichweite der internationalen Gerichtshöfe ist unzureichend – von der globalen Wirtschaftsordnung und ihren unbeweglichen Krisen oder auch den Krisen der globalen Ökologie der Menschheit noch ganz abgesehen.

Das ist aber kein Grund dafür, dass wir nicht initiieren und einfordern sollten, eine menschheitliche Ökumene in unserer Praxis konkret werden zu lassen. Das gilt für die Aufnahme von Flüchtlingen ebenso wie für die Abhaltung von öffentlichen Trauerfeiern.