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Gemeinschaft schaffen im Humanismus

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Was haben religiöse und nichtreligiöse Menschen gemeinsam? Für mich ist die Antwort offensichtlich – das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Dem Humanismus ist es nur langsam gelungen, dies zu akzeptieren und zu thematisieren, und im Ergebnis leidet er darunter.
Mittwoch, 25. März 2015
Foto: Rawpixel / Fotolia

Es wäre ein Fehler zu denken, dass Gemeinschaft von selbst entsteht, meint Alice Fuller. Foto: Rawpixel / Fotolia

Gemeinschaft ist der Schlüssel zur Weiterentwicklung des Humanismus. Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrecht erklärt, jeder Mensch habe „das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln.“ Weiter heißt es, jeder habe „die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“ Die meisten von uns würden nicht sagen, dass wir Humanismus lehren, ausüben, zelebrieren oder ihn als Kulthandlung vollziehen, aber wir benötigen Räume, um zu lernen, zu debattieren, zu reflektieren und zueinander in Beziehung treten zu können.

Alice Fuller arbeitet als Campaigns & Development Manager für die britische Motor Neuron Disease Association, einer karitativen Organisation für Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose, einer degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems. Zuvor war sie für den National Council for Palliative Care tätig. Sie ist Kuratorin der British Humanist Association (BHA) und engagiert sich ehrenamtlich für den BHA-Jugendverband Young Humanists. Ihr Aufsatz erschien in der englischsprachigen Originalfassung zuerst in den International Humanist News im Zusammenhang mit dem World Humanist Congress 2014.

Gemeinschaft gibt es in vielen Formen, von Räumen zur Begegnung und Geselligkeit, über  Zeremonien zur Kennzeichnung von Lebensabschnitten bis zur seelsorgerischen Unterstützung in staatlichen Institutionen wie Krankenhäusern, Haftanstalten und dem Militär. Letzteres ist der Ort, an dem mein Interesse an dieser Debatte seinen Anfang gefunden hat.

Ich habe fünf Jahre damit verbracht, mit lebensbegrenzend erkrankten oder sterbenden Menschen zu arbeiten, und ob religiös oder nicht, bin ich noch niemandem begegnet, der keine Hilfe dabei benötigte, damit konfrontiert zu sein und sich einen Sinn daraus zu schaffen, was diesen Menschen geschieht. Im Vereinigten Königreich sind alle staatlich bezahlten Seelsorger religiös. Dies lässt den beachtlichen und wachsenden Teil derjenigen ohne religiöse Überzeugungen außer Acht, die die gleiche seelsorgerische Unterstützung benötigen. In seltenen Fällen wird uns ein nichtreligiöser Ehrenamtlicher angeboten, doch diese Person erhält keine Bezahlung. Wir sind zu Recht an einem Punkt angekommen, an dem es als absolut unangebracht angesehen wird, einem Muslim einen christlichen Seelsorger anzubieten, aber niemand mit der Wimper zuckt, wenn einer nichtreligiösen Person ein christlicher Seelsorger angeboten wird.

Lokale Gruppen oder Ortsverbände, die Humanisten einen Platz zur Versammlung und Unterhaltung bieten, sind mittlerweile in vielen Ländern eine alltägliche Erscheinung geworden. Mir ist es besonders wichtig, dass die Central London Humanist Group, zu der ich gehöre, mehr anbietet als eine Gelegenheit, gedankenanregende Vorträge und Diskussionen zu hören; sie bietet mir einen Platz, wo gleichgesinnte Menschen sich treffen, miteinander verbinden und gegenseitig unterstützen können. Tatsächlich ist die Anwesenheit bei den geselligen Terminen größer als bei den Vorträgen. Ich denke, es liegt daran, weil es Gemeinschaft bietet – und ich wage zu sagen: kameradschaftliche Verbundenheit.

Online-Räume sind ebenfalls wichtig. Catherine Dunphy, eine frühere römisch-katholische und nun humanistische Seelsorgerin, wies darauf hin, dass Internetgruppen die Anonymität bieten, die Menschen brauchen, die ihren Glauben verlieren. Das Clergy Project, an dessen Gründung sie mitgewirkt hat, ist eine vertrauliche Online-Community für hauptberuflich tätige religiöse Leitungspersönlichkeiten, die ihren religiösen Glauben verloren haben bzw. diesen verlieren. Es ist schwer für jeden, die Religion zu verlassen, in der man aufgewachsen ist, doch besonders schwer ist es, wenn der Lebensunterhalt damit verbunden ist.

Gleiche Behandlung und Unterstützung im Arbeitsumfeld müssen gewährleistet sein, um jedem eine möglichst große Entfaltung zu ermöglichen, einschließlich Humanisten. Der World Humanist Congress 2011 verabschiedete eine Resolution über die seelsorgerische Unterstützung für nichtreligiöses Personal der Streitkräfte. Drei Jahre später (auf dem World Humanist Congress 2014 in Oxford, d. Red.) sprach Flight Lieutenant Robin Crosse über seine Arbeit für Defence Humanists im Vereinigten Königreich, wo eine solche Unterstützung nicht existiert. Auch in anderen Bereichen wie dem der Bildung ist Unterstützung kaum vorhanden. Greg Epstein, humanistischer Kaplan an der Harvard University, berichtete über seine Erfahrungen bei der Unterstützung von nichtreligiösen Fakultätsmitarbeitern und Studierenden. Aber auch diese Tätigkeit lebt bloß von Spenden.

Kollegen aus den Niederlanden und Belgien waren von dem Gespräch eher amüsiert. Diese aufgeklärten Länder haben staatlich bezahlte humanistische Berater, die neben den religiösen Seelsorgern dafür arbeiten, nichtreligiöse Personen zu unterstützen. Leider liegt so etwas in den meisten entwickelten Ländern in weiter Ferne, gar nicht zu reden von den Entwicklungsländern.

Zeremonien und Rituale helfen uns, die wichtige Momente in unseren Leben zu markieren. Isabel Russo, Leiterin des Bereichs Zeremonien in der British Humanist Association, sagte, dass jede Zeremonie eine Art von Gemeinschaft bildet. Sie führt das gut etablierte Netzwerk von professionell geschulten Feiersprechern im Vereinigten Königreich. Obwohl sie in England, Wales und Nordirland nicht gesetzlich anerkannt sind (eine Sache, für welche die British Humanist Association unermüdlich kämpft), versorgen die Zeremonien nichtreligiöse Menschen mit hochwertigen Bestattungen, Ehe- und Partnerschaftsschließungen und Namensfeiern. Delegierte aus Deutschland und den nordischen Ländern sprachen über die Jugendfeiern, mit denen nichtreligiöse Teenager sich auf das Erwachsenenleben vorbereiten. Derzeit gibt es keine solchen Zeremonien im Vereinigten Königreich, doch mit der wachsenden Popularität von Namensfeiern wird hier vielleicht auch eine solche Lebenswendefeier folgen.

Wenige Beiträge gab es aus den Entwicklungsländern, trotz einer guten Repräsentation auf dem Kongress. Man könnte sagen, dass Gemeinschaftsentwicklung etwas ist, das Gruppen in westlichen Ländern selbst machen, während Gruppen in ungemütlicheren Umgebungen damit kämpfen einfach nur zu überleben. Es stimmt, dass wir mehr Zeit, Mittel und Raum haben, über die „weichere“ Seite des Humanismus nachzudenken. Einige der schwersten Kämpfe, wie beispielsweise für den gleichen gesetzlichen Schutz nichtreligiöser Überzeugungen, sind ausgetragen und gewonnen worden. Zweifellos bietet uns dies die Möglichkeit darüber nachzudenken, was wir außer den grundlegendsten Rechten benötigen, um zu gedeihen.

Doch es wäre ein Fehler zu denken, dass Gemeinschaft von selbst entsteht, sobald Humanismus in einer bestimmten Region etabliert ist. Im Gegenteil ist es vielmehr so, dass Religionen sich halten, weil es keine Alternative zu der Form von Gemeinschaft gibt, die Religionen bieten. Natürlich ist es nicht der einzige Grund, aber es ist ein Schlüsselfaktor.

Um dies zu tun, müssen wir nicht „eine Religion werden“, wie eine beachtliche Minderheit in der Bewegung zu denken scheint. Wir müssen einfach die Bedürfnisse in Menschen ansprechen, die Religionen seit Jahrtausenden ansprechen – das Bedürfnis nach Gemeinschaft, einem offenen Ohr, Unterstützung und dem Gefühl, zu etwas Größerem zu gehören. Nur indem Menschen Orte geboten werden, an denen sie das Gefühl haben, dazuzugehören, wird Menschen dazu bringen, zum Humanismus gehören zu wollen.