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Der Humanismus ist nicht tot. Auch nicht demografisch.

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Eine Klarstellung zu Michel Houellebecqs „Spiegel“-Interview.
Donnerstag, 19. März 2015
© SPIEGEL-Verlag

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Es waren Sätze wie Paukenschläge im Spiegel 10/2015. Und sie stammten nicht von irgendwem, sondern von dem französischen Bestsellerautor Michel Houellebecq, dessen Roman Unterwerfung eine friedliche Islamisierung der Grande Nation vorhersagt. „Die Aufklärung ist am Ende. Der Humanismus ist tot. Der Laizismus, vor über 100 Jahren erfunden von Politikern, die im Atheismus die Zukunft sahen, ist tot. Die Republik ist tot.“ Grund dafür sei, so Houellebecq, die Demografie. „Das patriarchalische System ist im Vorteil, nicht, weil es das bessere ist, das behaupte ich nicht, sondern ganz einfach, weil die Paare, die nach diesem Modell leben, mehr Kinder zeugen und gebären. Die höhere Zahl setzt sich durch.“

Dies sei, so der Autor, „das letztlich Verstörende an meinem Buch: Die Unterwerfung unter die Biologie. Ideologisch ist die Religion das beste Unterwerfungssystem. Denn sie liefert die Grundlage des Patriarchats: Der Mensch ist Gott unterworfen und die Frau dem Mann. Punkt, Schluss, aus.“

Was für ein literarischer Abgesang – ausgerechnet aus Frankreich, dem Mutterland der europäischen Religionskritik, der rationalistischen Aufklärung, des Laizismus! Praktisch unmittelbar nach Erscheinen des Interviews gingen bei mir Anfragen ein, hatte ich mich doch als Religionswissenschaftler auf die Forschungen zu Religion und Demografie konzentriert und dazu auch ein Buch veröffentlicht. Hatte Houellebecq religionsdemografisch Recht?

Die klare Antwort ist: Nur teilweise. Es stimmt, dass religiös aktive Menschen im Durchschnitt mehr Kinder zeugen und dass besonders kinderreiche, religiöse Traditionen wie die Old Order Amish, jüdischen Haredim oder Mormonen ein patriarchal konnotiertes Familienbild vertreten. Und es stimmt auch, dass die Wissenschaft noch immer keine einzige nichtreligiöse Population gefunden hat, der es gelungen wäre, demografisch stabil zu bleiben – also dauerhaft mehr als zwei Kinder pro Frau hervorzubringen.

Doch ab hier beginnen Houellebecqs Vermutungen und die Empirie auseinander zu fallen: Es stimmt gerade nicht, dass sich die Geburtenraten gesamtgesellschaftlich durch eine Wiedereinführung des Patriarchats wieder steigern ließen. So zeigen Befragungen quer durch ganz Europa wieder und wieder, dass Männer durchschnittlich niedrigere Kinderwünsche angeben als Frauen; und dass viele Frauen das Fehlen geeigneter Partner für (weitere) Kinder beklagen. Plakativ formuliert: Es fehlt europaweit weniger an gebärwilligen Damen als an familienwilligen Herren. Und interessanterweise übertreffen auch in allen genannten, kinderreichen Religionsgemeinschaften die Austritte von Männern jene von Frauen deutlich – denn das gerne mal auch erotisch idealisierte Patriarchat sperrt in der Realität nicht nur Frauen, sondern auch Männer in stahlharte Rollengefängnisse ein.

Entsprechend weisen gerade auch Staaten wie Italien, Griechenland oder Japan, in denen sich modernisierende und feministische Strömungen kaum durchsetzen konnten, heute extrem niedrige Geburtenraten auf. Auch islamische Länder wie die Türkei oder der Iran sind längst in diese so genannte „Traditionalismusfalle“ geraten und weisen weiter abstürzende Geburtenraten unterhalb der Bestandserhaltungsgrenze auf.

Höhere Geburtenraten weisen dagegen jene Gesellschaften auf, die sich nicht gegen familienpolitische Modernisierungen gesperrt haben – so etwa die USA und Großbritannien, die sowohl die Religionen und Weltanschauungen wie auch die Bildungs- und Betreuungsangebote seit Jahrhunderten einem gnadenlosen Wettbewerb ausgesetzt haben. Aber auch die skandinavischen Länder, in denen sich die evangelischen Staats- und Amtskirchen mit den Modernisierern im Sinne von Bildung und Betreuung, Familienfreundlichkeit und auch zunehmend Gleichberechtigung verbündeten. Und schließlich war es gerade die von Houellebecq verachtete laizistische Bewegung in Frankreich, die nach der Niederlage des Landes gegen Deutschland 1871 eine moderne Familienförderung in Gang setzte und damit auch die katholische Kirche entsprechend vorwärts zwang.

Heute mangelt es in Frankreich (im Gegensatz zu fast allen anderen europäisch-katholischen und weiterhin familiär-traditionalistisch geprägten Gesellschaften!) gerade nicht an Geburten, sondern an Arbeitsplätzen und Aufstiegsmöglichkeiten für die jungen Generationen. Nicht „die Biologie“, sondern verkrustete Strukturen in Politik und Wirtschaft treiben immer mehr frustrierte, oft junge Französinnen und Franzosen in die Arme von Rechts- und Linksextremisten sowie von religiösen Fundamentalisten. Die Grande Nation braucht dringend mehr Freiheiten, nicht noch mehr Reaktionäre!

Houellebecq hat also Recht damit, den Vertretern „der Aufklärung“ ins Gedächtnis zu rufen, dass Kultur auch in Familien weitergegeben wird – und dass jede kulturelle Tradition stirbt, wenn sie nicht an ausreichend Nachkommen weitergegeben wird. Dass trotz hoher Zuwanderung wöchentlich in Deutschland Schulen sterben, müsste alle zum Nachdenken anregen, die Menschenrechte und Gleichberechtigung, unsere Bildung, Kultur und Wissenschaften für wertvoll und zukunftsfähig halten.

Wer aber heute mehr Kinder will, sollte nicht von der Rückkehr in ein unterdrückerisches Patriarchat träumen, sondern von einer staatlichen und zivilgesellschaftlichen Familienförderung, die von der finanziellen Unterstützung bis zur wettbewerblichen Bereitstellung hochwertiger Betreuungs- und Bildungsangebote reicht. Der Mensch praktizierte seit Jahrhunderttausenden gemeinschaftlichen Kinderaufzug – „cooperative breeding“ – und wenn es etwas Unnatürliches gibt, dann ist dies die Isolation und Überforderung von Kleinfamilien! Die Vorstellung, es müsse sich nur wieder die Frau vor dem Manne niederknien und es werde alles gut, mag manche Kino-Softpornos beflügeln, widerspricht aber auch klar dem religionsdemografischen Befund. Nicht zufällig schaffte ausnahmslos jede kinderreiche Religionsgemeinschaft, die ich je erforschen konnte, ein breites Gemeinschafts- und Unterstützungsnetzwerk für ihre Familien. Und: Auch Kinderlose haben in diesen Netzwerken etwa als Lehrerinnen, Gelehrte oder auch Zölibatäre ihren Platz.

Mit dem Humanismus wurde die Sakralität – unantanstbare Heiligkeit, Würde – von Gott auf den Menschen übertragen. Christliche und jüdische Humanisten konnten sich dabei auf die „Ebenbildlichkeit“ des Menschen zu Gott schon in der Bibel berufen, aber ebenso plädiert auch der islamische Theologe Mouhanad Khorchide für einen „religiösen Humanismus“. Und selbstverständlich gab und gibt es Humanisten, die schließlich jeden Glauben an höhere Wesen aufgaben und den Humanismus nicht- oder auch antireligiös verstanden. Die gemeinsame Orientierung am Menschen und deren Grundrechten – auch über alle Geschlechter- und Glaubensgrenzen hinweg – ist das Erfolgsprinzip des Humanismus. Und als solcher ist er nicht tot und darf er auch nicht sterben – denn die Antworten auch auf die demografischen Herausforderungen unserer Zeit liegen nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Bloße „Unterwerfung“ bringen Frankreich, Europa und die Menschheit ganz sicher nicht zu den Sternen.

Dr. Michael Blume ist Religionswissenschaftler und Blogger und lehrt an der Universität zu Köln. 2014 erschien von ihm Religion & Demografie. Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt im Verlag sciebooks.