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„Die Menschen sind experimentierfreudiger geworden“

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Schulen sollten reflektiertes und kritisches Denken fördern und in einem überkonfessionellen Unterricht ausreichend Wissen über Religionen und Ideologien vermitteln, rät der Religionswissenschaftler Sebastian Murken. Aus seiner Sicht läge darin die bestmögliche Prävention gegenüber Psychogruppen und den „neuen religiösen Bewegungen“.
Donnerstag, 22. Januar 2015

Für nichtreligiöse Menschen war es ein aufsehenerregender Anlass zur Freude: erstmals wurde Ende vergangenen Jahres in Berlin ein Feiertag von nichtreligiösen Menschen mit den Feiertagen der Religionsgemeinschaften gesetzlich gleichgestellt. Sogar internationale Medien berichteten über die Aufnahme des World Humanist Day am 21. Juni in die AV Schulpflicht der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Kurz darauf kommentierte deswegen jedoch eine Autorin der in Berlin erscheinenden taz, der Humanistische Verband erscheine ihr als Sekte. In einem anschließenden Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden des Verbandes und früheren Grünen-Abgeordneten Martin Beck entschuldigte sich die Journalistin zwar für ihren Vergleich. Doch was ist mit dem Begriff „Sekte“ eigentlich gemeint?

Foto: privat

Das alte „Täter-Opfer-Paradigma“ bei sogenannten Sekten ist empirisch unhaltbar, so Prof. Murken. Foto: privat

Herr Professor Murken, können Sie den Begriff Sekte kurz aus wissenschaftlicher Sicht erklären?

Sebastian Murken: Religionswissenschaftlich und religionssoziologisch ist eine Sekte eine religiöse Gruppierung, die sich von einer dominanten Religion abgespalten hat. Oft geschieht dies aufgrund divergierender Anschauungen, was Lehre oder Praktik betrifft. In diesem Sinne ist der Begriff Sekte erst einmal wertungsneutral und beschreibend. So kann das Christentum als eine Sekte des Judentums verstanden werden.

Heute ist das Wort jedoch so etwas wie ein Kampfbegriff. Wann und wodurch erhielt der Begriff die abwertende Bedeutung, die er nun besitzt?

Es ist richtig, dass der Begriff Sekte heute, im allgemeinen Sprachgebrauch, eine sehr negative Konnotation aufweist. Eine Sekte gilt als gefährliche und „böse“ Form von Religion. Dieser Bedeutungsgehalt hat sich seit den 1970er Jahren entwickelt. In Deutschland war dazu die Arbeit von dem sogenannten Sektenpfarrer Friedrich Wilhelm Haag relevant, der vor den neuen Jugendreligionen oder Jugendsekten als gefährlich und destruktiv warnte. In der Folge entstanden bei den beiden Großkirchen in Deutschland zahlreiche Stellen zur Information und Prävention in Bezug auf sogenannte Sekten. Die Kirchen ernannten sogenannte „Sektenbeauftragte“, sodass in der Folge, auch durch zahlreiche Berichte in den Medien, der Begriff Sekte mit gefährlich und destruktiv assoziiert wurde. Als dann noch schreckliche kriminelle Aktivitäten verschiedener Gruppierungen öffentlich wurden, wie die Morde von James Town, oder die Gewalttaten der japanischen Gruppierung Aum-Shinrikyo, war der Begriff Sekte endgültig seiner wertneutralen Beschreibungsdimension beraubt.

Sebastian Murken ist promovierter Psychologe und habilitierter Religionswissenschaftler, er lehrt seit 2008 als Honorarprofessor für Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und arbeitet als Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor in freier Praxis. Er unterrichtete mit Lehraufträgen an den Universitäten in Leipzig, Bielefeld, Mainz, Hannover, Basel, Graz und Luzern. Umfangreiche Forschungen zum Thema der Mitgliedschaft in neuen religiösen Bewegungen.

Wie wäre denn die korrekte Bezeichnung für Gruppen, die oft als Sekte bezeichnet werden, wie z.B. Scientology oder Aum-Shinrikyo?

Das ist eine wichtige, aber nicht einfach zu beantwortende Frage. Zunächst einmal sind es kleine religiöse Gruppierungen, religiöse Minderheiten aus der Sicht der Mehrheitsreligion. Davon gibt es viele und die meisten sind, was ihr kriminelles Potential oder Gewaltpotenzial angeht, harmlos. Dann gibt es immer wieder einzelne Gruppierungen, die aufgrund ihrer Ideologie, des Leiters oder spezifischer Gruppendynamik dazu kommen, Menschenrechte zu verletzen, kriminelle Handlungen zu begehen und Gewalt als Mittel zu verwenden und zu legitimieren. Solche Gruppen würde ich zunächst einmal als kriminelle Religionen bezeichnen, denn Religion schützt nicht davor, auch kriminell sein zu können. Der wissenschaftliche Begriff, der sich als alternative Bezeichnung für „Sekten“ eingebürgert hat, ist „Neue religiöse Bewegungen“ (New religious movements), wobei auch dieser Begriff nicht unproblematisch ist.

Inwiefern?

Weil die Frage bleibt, wann reden wir von „neu“? Die Zeugen Jehova z. B. gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Was meinen wir mit „religiös“? Es gibt z.B. sehr unterschiedliche Meinungen dazu, ob Scientology als religiös bezeichnet werden sollte. Und zuletzt: Was charakterisiert einen „Bewegung“? Ist jede Gruppe, egal wie groß, eine Bewegung?
Trotzdem ist der Begriff sinnvoll, da er ein Feld beschreibt, oder dabei gleich wertend zu sein oder verstanden zu werden.

Welche Gemeinsamkeiten sind bei Gruppen, die landläufig als Sekte bezeichnet werden, zu sehen?

Bei allen Unterschieden gibt es doch einige gemeinsame Charakteristika. Da ist zunächst die, in der Regel konflikthafte, Abspaltung von einer Hauptreligion. Oft hat die abgespaltene Gruppe den Anspruch, zur ursprünglichen Wahrheit zurückzukehren, mit einer neuen Offenbarung das Wissen zu ergänzen oder durch einen neuen Heilsbringer die alte Religion weiterzuentwickeln. Aus Sicht der traditionellen Mehrheitsreligion ist dies in der Regel inakzeptabel, so dass es oft zum Konflikt und anschließend zur Abspaltung kommen kann. Ein weiteres Merkmal ist natürlich die Größe. Sogenannte Sekten sind in der Regel kleine religiöse Minderheiten, mit der Konsequenz, oft gesellschaftlich nicht anerkannt zu sein, was zur Marginalisierungsprozessen einerseits und unter Umständen zu Abschottungsprozessen der Gruppen andererseits führen kann.

Ein weiteres Merkmal, insbesondere bei sehr kleinen Gruppen, ist häufig die Fixierung auf einen charismatischen Leiter und Heilsbringer. Die damit verbundene Konzentration der Macht auf eine Person, in der Regel ohne internes Kontrollsystem, führt nicht selten zu Machtmissbrauch. Dieses ist jedoch durchaus ein Merkmal jeder religiöser Führerschaft, die mit Idealisierungen und Projektionen ihrer Anhänger wahrscheinlich mehr zu kämpfen hat, als wir uns das klarmachen.

Gibt es eine Schätzung, wie viele derartige Gruppen in Deutschland existieren? Sind diese in den letzten Jahrzehnten mehr geworden?

Das ist schwer zu sagen. Einen Überblick über die größeren Gruppierungen finden Sie der auf der Homepage des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes. Hinzu kommt aber sicher eine Fülle kleinerer Gruppen, die oft auch gar nicht so wirklich religiös geprägt sind, sondern eher als „Psychogruppen“ gekennzeichnet werden können; d.h. eine Anhängerschaft von etwa 10 bis 50 Personen orientiert sich um eine, wie auch immer ideologisch orientierte, Führerpersönlichkeit. Neben religiös-spirituell geprägten Themen, können hier auch Themen der Heilung und Gesundheit, Ernährung etc. im Zentrum stehen.

Mein Eindruck ist nicht, dass die Mitgliedschaft in derartigen Gruppen in den letzten Jahrzehnten mehr geworden ist. Was wohl der Fall ist: es sind mehr Gruppen geworden und die Menschen sind, was religiöse Angelegenheiten angeht, etwas weniger fixiert und experimentierfreudiger geworden.

Straßen- und Briefkastenwerbung scheinen zwei gängige Wege zu sein, Personen anzusprechen. Trifft das zu oder gibt es wichtigere Ebenen der Kontaktaufnahme und Werbung?

Die empirische Forschung zeigt, dass die Anwerbung von neuen Anhängern über Straßenwerbung oder Briefkastenwerbung extrem ineffektiv ist. In aller Regel finden Menschen zu einer für sie neuen Gruppierung durch andere ihnen verbundene Personen, wie etwa Freunde, Arbeitskollegen oder Familienmitglieder. Dies ist die absolut dominante Form der Rekrutierung in neuen religiösen Bewegungen, wie der wissenschaftliche Ausdruck für sogenannte Sekten ist. Ein guter Beleg dafür sind die Zeugen Jehovas. Trotz extrem hohem Aufwand ihrer Tür-zu-Tür-Mission sind die dadurch erzielten Rekrutierungserfolge sehr überschaubar.

Nicht nur mehr als 240 Religionsgemeinschaften gibt es in Berlin. In der deutschen Hauptstadt existiert ein großer, fast unüberschaubarer Markt von Angeboten religiöser, weltanschaulicher, therapeutischer oder lebenshelfender Prägung. Um Menschen die Möglichkeit zu geben, bedenkliche Gruppierungen zu erkennen und sich über gängige Strategien zu informieren, hat die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft eine Reihe von Aufklärungs- und Ratgebertexten online zur Verfügung gestellt. Bürgerinnen und Bürger können sich außerdem telefonisch bei der Leitstelle Sekten und Psychogruppen beraten lassen: www.berlin.de

Welche Faktoren fördern die Ansprechbarkeit von Menschen durch Psychogruppen und andere konfliktträchtige Anbieter am Lebenshilfe-Markt?

Die Tatsache, dass eine Gruppe klein und am Leiter orientiert ist, bedeutet noch keineswegs automatisch, dass sie deshalb konfliktträchtig ist. Alle ideologischen Systeme, das gilt genauso für die großen Konfessionen, sowie Atheismus oder Humanismus, haben potentiell einen psychischen und sozialen Gewinn aber auch psychische und soziale Kosten. Es ist daher immer entscheidend, wie dieses Kosten-Nutzen-Verhältnis aussieht, und ob und in welcher Weise Leid entsteht oder nicht.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: meine eigenen Untersuchungen zu Motiven bei der Wahl einer sogenannten Sekte haben ergeben, dass in der Tat oft eine Krisensituation oder eine existenzielle Frage am Beginn einer Suche oder Beschäftigung mit einer Weltanschauung stehen. Interessanterweise vermitteln die gewählten Religionen oft die gesuchten Antworten und, wir haben dies längsschnittlich untersucht, führen zu einer psychischen Stabilisierung, zu einer Besserung des Wohlbefindens. Dies kann man natürlich nicht auf jede Person und jede Gruppe verallgemeinern. Was jedoch deutlich gesagt werden kann, ist, dass sogenannte Sekten nicht per se destruktiv oder gefährlich sind, sondern dass dies im Einzelfall untersucht werden muss. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass Eltern anrufen und sich bitter beklagen, eine Sekte habe ihnen ihr Kind weggenommen und sie hätten gar keinen Zugang zu ihrem Kind. Wenn auf Nachfrage dann deutlich wird, dass das „Kind“ bereits 35 Jahre alt ist, kann man sich vorstellen, dass hinter den Berichten über Konflikte mit Sekten oft auch ein gewisses Maß an Familiendynamik zu finden ist.

Welche Präventionsmaßnahmen gibt es?

Die Frage ist, Prävention in Bezug auf was? Prävention in Bezug auf Religion? Prävention in Bezug auf alle Religion? Grundsätzlich ist sicher sinnvoll, kritisches und reflektiertes Denken fördern, Kenntnisse über verschiedene Religionen und Ideologien zu vermitteln sowie deren Kosten und Nutzen zu reflektieren. Insofern bin ich ein Befürworter eines überkonfessionellen Unterrichts in der Schule, in dem Kinder nicht schon von klein auf nach Konfessionen voneinander getrennt werden, wie das bei uns derzeit der Fall ist. Dieses Vorgehen fördert wechselseitiges Nichtwissen und betont die Unterschiede, anstatt einen gemeinsamen Wissenspool zu schaffen, wie es in einem Unterricht wie Religionskunde oder Weltanschauungskunde der Fall sein könnte.

Solch ein Unterricht würde vor allem die großen traditionellen Religionen und Weltanschauungen umfassen. Welche generellen Schutzmöglichkeiten sehen Sie noch, insbesondere etwa mit Blick auf möglicherweise problematische Psychogruppen?

Das ist richtig. Aber so ein Unterricht könnte auch mit sozialpsychologischen Inhalten, mit Wissen über Gruppendynamik, Autoritätsdynamik – Stichwort: Milgram-Experiment – und Grundlagen der Religionspsychologie gefüllt sein. Mit derartigem Wissen und der Schulung kritischen Denkens ist die bestmögliche Präventionsarbeit geleistet.

Was können Menschen tun, die glauben, mit einer sogenannten Sekte oder Psychogruppe in Kontakt gekommen zu sein oder Hilfe beim Ausstieg zu brauchen?

Die Idee, dass Menschen Hilfe beim Ausstieg aus einer sogenannten Sekte oder Psychogruppe benötigen, beruht auf dem in den siebziger bis neunziger Jahren gängigen Täter-Opfer-Paradigma: Dort die bösen Sekten, hier die armen Mitbürger, die von den Sekten geschnappt, geködert, gefangen oder sonst wie in ihre Gewalt gebracht werden, aus der sie befreit werden müssen. Die empirische Forschung hat deutlich gezeigt, dass dieses Paradigma nicht haltbar ist und in der überwältigenden Zahl der Fälle ein Ausstieg jederzeit möglich ist, wenn auch mit zum Teil hohen psychischen Konsequenzen. Hier ist eine psychotherapeutische Begleitung und Aufarbeitung des Erlebten bei dafür qualifizierten Psychotherapeuten sicher sinnvoll.

Inwieweit die christlich-konfessionell geprägten Sektenberatungsstellen hierbei die richtigen Anlaufstellen sind, wage ich zu bezweifeln. Denn letztlich sind die Kirchen ja selber ideologische Organisationen mit einem nicht unerheblichen Eigeninteresse. Strukturell wäre es so, als ob alle Informationen über die Partei Die Grünen aus der Parteizentrale der CDU kämen. Hier wären ideologisch unabhängige, staatlich unterstützte Anlaufstellen sicher wünschenswert.

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